Nackte Tatsachen vor Kindern im Schwimmbad

Reuiger Exhibitionist (70) von Kaufbeurer Amtsgericht zu 18 Monaten auf Bewährung verurteilt

Justitia mit Richtschwert und Waage in Pilsen
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Symbolfoto: Darstellung der Justitia mit Richtschwert und Waage.

Kaufbeuren – Gleich zu Beginn der Verhandlung vor dem Kaufbeurer Amtsgericht hatte sich der 70-jährige Beklagte ausdrücklich entschuldigt und Besserung gelobt. Dem Mann wurde „Kindesmissbrauch in sieben tateinheitlichen Fällen“ zur Last gelegt. Der Rentner aus Markt­oberdorf hatte im Oktober 2019 im Alpspitz-Bade-Center (ABC) in Nesselwang im Beisein von badenden Kindern mit Taucherbrillen unter Wasser sein Glied entblößt und manipuliert. Vor Gericht gab er die Vorwürfe zu. „Es tut mir wirklich leid. Ich will nichts mehr damit zu tun haben und die Sache jetzt bloß abschließen.“

Da es bereits 1998 und 2012 zu Strafbefehlen für ähnliche Exhibitionismus-Delikte vor Kindern gegen den Mann gekommen war, fragte Richter Sebastian Pottkamp, weshalb er sich nicht schon längst einer entsprechenden Therapie unterzogen hätte. Der Beklagte sagte aus, eine geeignete Adresse sei für ihn nicht so einfach zu finden, vor allem weil er die Behandlung selbst bezahlen müsse. Die Erhebung der biografischen Daten ergab, dass der Mann in beengten finanziellen Verhältnissen lebt: Seine Rente beträgt knapp 1000 Euro, die seiner Frau nicht ganz 800 Euro, die Mietwohnung kostet kalt 600 Euro. Dazu kommen erhebliche (mehrere Tausend Euro) Schulden. Im Winter jobbt der Rentner sporadisch als Schneeräumer. Genaueres zu Einkünften, monatlichen Fixkosten und Schulden konnte der Mann jedoch nicht angeben, da, wie er sagte, alles Finanzielle seine Frau regle.

Bei der Feststellung des Tathergangs sagten als Zeugen der zuständige Polizeibeamte sowie der Vater von drei der betroffenen Kinder aus. Der Vater war mit seinen Kindern und einigen ihrer Freunde zu einer Geburtstagsparty ins Alpspitzbad gegangen. Erst gegen Ende des Besuchs hatten die etwa achtjährigen Kinder ihm von dem merkwürdigen Verhalten des Mannes erzählt, der dem Zeugen allerdings schon vorher wegen seines „etwas schrägen, schuldbewussten Blicks, so als ob er etwas Verbotenes tue“ aufgefallen war. Als der Zeuge sich jedoch die Taucherbrille aufsetzte, um selbst nach dem Rechten zu sehen, entfernte sich der Beklagte aus dem Becken. Dennoch erstattete der Vater Anzeige. Beim nächsten Besuch im Alpspitzbad konnte der Täter aufgrund der Personenbeschreibung festgenommen werden und bekannte sich schuldig. Der Zeuge hat ihn in der Verhandlung noch einmal eindeutig identifiziert.

Nach seiner Festnahme hatte der Beklagte einen laut Gutachter, der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie ist, „ernsthaften“ Selbstmordversuch unternommen und war deshalb rund zwei Monate zur Behandlung im BKH. Die Diagnose im medizinischen Gutachten lautete auf Exhibitionismus wegen altersbedingter Erektionsstörungen und dem nach einer Prostata-Operation verhinderten Sexualleben mit seiner Frau, auf eine rezidivierende (wiederkehrende) depressive Störung, auf eine leichte kognitive Störung sowie eine möglicherweise beginnende Demenz. Der Gutachter kam zu dem Ergebnis, dass die Einsichts- und Steuerungsfähigkeit des Angeklagten stark eingeschränkt, jedoch prinzipiell vorhanden war. Daher wurde von einer verminderten Schuldfähigkeit des Angeklagten ausgegangen.

Die Staatsanwältin beantragte als Strafmaß ein Jahr und sechs Monate mit fünf Jahren Bewährung unter strengen Auflagen zur Risikominimierung von Rückfällen. Der Verteidiger führte zugunsten des Angeklagten dessen aufrichtige Reue und Kooperationsbereitschaft an, räumte jedoch die Notwendigkeit einer Strafe ein und hielt ein Jahr auf Bewährung für angemessen. Der Richter folgte in seinem Urteil dem Antrag der Staatsanwaltschaft. Als Bewährungsauflagen legte er die Aufsicht und Leitung durch einen Bewährungshelfer fest, eine konsequente Behandlung durch die gerontopsychiatrische Fachambulanz des BKH sowie ein Verbot, sich irgendwelchen Plätzen zu nähern, wo sich Kinder aufhalten. Staatsanwältin und Beklagter erklärten, auf das Einlegen von Rechtsmitteln verzichten zu wollen.

von Ingrid Zasche

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