Bürgerwerkstatt zu Kaufbeurer Altstadt

Gestaltungsrichtlinien: Ringen um die richtige Lösung

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Auswertung: Die Anregungen und Hinweise der Besucher kommentierte Bauferferent Helge Carl aus fachlicher Sicht auf eventuelle Machbarkeit.

Kaufbeuren – Im Ringen um eine attraktive Innenstadt hatte die Stadt Kaufbeuren vergangene Woche zu einer Bürgerwerkstatt in den Stadtsaal eingeladen. Dabei ging es um die künftige Gestaltung öffentlicher Straßen und Plätze im Rahmen einer Sondernutzung durch private Gastronomiebestuhlungen, Warenständer oder Werbereiter in der Kaufbeurer Altstadt.

Die bisher geltenden Gestaltungsrichtlinien hatte der Stadtrat bereits nach kurzer Zeit wieder außer Kraft gesetzt, da viele Einzelhändler und Gastronomen den individuellen Veränderungsbedarf als sehr kritisch und teilweise existenzbedrohend eingeschätzt hatten. „Wir hoffen auf eine breite Beteiligung der Händlerschaft und der Gastronomen, aber auch aller Bürgerinnen und Bürger, um Ansprüche an ein wertiges Erscheinungsbild mit notwendiger Gestaltungsfreiheit zu verbinden“, hatte Oberbürgermeister Stefan Bosse im Vorfeld betont.

Ziel dieser Veranstaltung war es, zunächst anhand von großformatigen Fotos typischer Möblierungen in den innerstädtischen Straßen und Plätzen gemeinsam zu analysieren, welche konkreten Lösungen gefallen und welche kritisch gesehen werden. Grundlage der Diskussion waren eingereichte Fotos von Bürgerinnen und Bürger, aber auch der Verwaltung bezüglich Möblierung, Aufsteller und Auslagen. Neben sehr vielen attraktiven Beispielen gab es jedoch auch einige weniger überzeugende Lösungen. Mögliche Regelungen sollten für folgende Kernbereiche diskutiert werden: die Kaiser-Max-Straße, die Ludwigstraße, das Rosental, die Fußgängerzone und den Hafenmarkt. „Es geht darum, einen Weg zu finden, mit dem die Händler leben können und der den Bürgern gefällt“, so der OB in seiner Begrüßung vor etwa 40 Besuchern.

Baureferent Helge Carl moderierte die Bürgerwerkstatt und ermunterte die Anwesenden, sich intensiv mit Ideen und Anregungen mittels bereitliegender Karten und den verschieden farbigen Stiften für Händler, Gastronomen und Bürger an den mit Beispielbildern vorbereiteten fünf Stationen der Straßen und Plätze zu beteiligen, an denen jeweils ein Mitarbeiter der Verwaltung für Fragen zur Verfügung stand. Zu den vielen Kriterien für die Sondernutzung gehören unter anderem die Gestaltung der Außenbewirtung, Sonnenschutz, Warenständer und Werbeschilder sowie Pflanzgefäße und Durchwegbarkeit. Es gelte, Anregungen zu sammeln, um Handel und Gastronomie zu stärken. „Dazu gehört auch das Thema Barrierefreiheit“, so Carl mit Blick auf die anwesenden Mitglieder des Behindertenbeirats mit ihrer Beauftragten Claudia Teodorovic. „Die Flächen gehören allen Bürgern“, so Carl, „das ist wie ein Wohnzimmer.“

Die Auswertung der in großer Anzahl angebrachten Hinweise nahm der Baureferent zusammen mit Karl-Heinz Fischer von der Aktionsgemeinschaft Kaufbeuren vor. Kritische Anmerkungen gab es zu Bestuhlungen und Warenauslagen ebenso wie unterschiedliche Auffassungen bei demselben farblichen Ausleger oder einer Bestuhlung, die einem gefällt und einem anderen nicht. Die Konkurrenz von Auto, Fahrrad und Fußgängerverkehr war auch ein Thema, was auch zu dem Wunsch einer – eventuell auch nur temporär abends – gesperrten Innenstadt führt. Es gab aber auch lobende Worte für ansprechende Lösungen. Alle Anregungen werden jetzt ausgewertet und in einem nächsten Schritt wird der Innenstadtbeirat beteiligt, wie die Stadtspitze am Ende erläuterte. „Wir haben Frieden, aber nicht alle sind zufrieden. Eine verträgliche Lösung ist das Ziel“, sagte der OB. „Das letzte Mal haben wir an die Illusion einer konsensualen Lösung geglaubt. Das war aber ein Trugschluss.“ Man werde „langen Atem“ brauchen und wenn am Ende Dreiviertel der Händler und Gastronomen zustimmten, sei das Ziel erreicht.

Stimmen zum Workshop

• Johannes Rupprecht, Geschäftsführer der Buchhandlung Rupprecht mit Stammsitz in der Oberpfalz, sagte: „Mir ist wichtig, was die Leute denken, deshalb bin ich hier.“ Filialleiterin Margrit Simon ergänzte: „Die Innenstadt muss belebt sein, dazu gehören auch Stände. Das lockt Kunden in die Geschäfte und davon leben wir und auch die Stadt.“

•Anja Schwarz-Müller, Filialleiterin des Drogeriemarkts Müller, wünscht sich Fahrradständer in der Nähe des Geschäftes: „Wenn die Leute ihre Fahrräder an die Auslagen stellen, kann es passieren, dass Kunden darüber fallen und sich verletzen.“ Eine farbliche Anpassung der Warenständer habe bereits stattgefunden.

• Claudia Geyrhalter als Inhaberin des gleichnamigen Geschäftes in der Fußgängerzone: „Die Verordnung muss für alle Beteiligten umsetzbar sein“, sagt sie, „es muss Kompromisse geben ohne eklatante Wildwüchse. Das heißt, individuelle Lösungen in abgestimmten Grenzen.“

• Birgit und Walter Kolb aus Kaufbeuren plädieren für eine autofreie Altstadt, damit eine sinnvolle Möblierung möglich ist. „Leider ist jedoch vermehrt zu beobachten, dass der öffentliche Raum durch eine zunehmende Menge an Warenauslagen, Werbeständern und Bestuhlungen überfrachtet und dadurch vielfach qualitativ abgewertet wird.“ Sie halten zudem einen Abstand von zwei Metern von Häuserzeilen bei Möblierungen für beispielsweise Rollstuhlfahrer und Kinderwägen für erforderlich.

• Gerhard Bromberger sieht ein Problem in Außenbestuhlungen, wenn sie wie beim Kochlöffel wie ein „Wall“ störten. Er habe jüngst erlebt, dass die Durchfahrt durch abgestellte Kinderwägen so verengt war, dass ein Rettungswagen im Einsatz nicht durch die Engstelle zwischen Brunnen und Bestuhlung fahren konnte. Da die betroffenen Mütter keine Anstalten machten, Platz zu schaffen, musste das Fahrzeug in den Obstmarkt hinein und um den Brunnen herum fahren. „Die Hälfte der jetzigen Ausdehnung in der Breite würde auch genügen“, so der Kaufbeurer Bürger.

Kommentar

Eine Chance vertan

Die Bürgerwerkstatt war als Chance für einen Austausch zwischen Geschäftsinhabern auf der einen Seite und Bürgern sowie Bewohnern der Altstadt auf der anderen Seite gedacht. Und die Stadt hatte die Veranstaltung sowohl inhaltlich als auch praktisch sehr gut vorbereitet. Leider ließ die Beteiligung zu wünschen übrig und die vom OB geäußerte Hoffnung auf „eine breite Beteiligung“ aller Akteure der Stadtgesellschaft erfüllte sich damit nicht.

Ausreden und Entschuldigungen für das Fernbleiben kann man immer finden: Bei dem Einen ist es das „Biergartenwetter“, bei dem Anderen die tags zuvor stattgefundene Mitgliederversammlung der Aktionsgemeinschaft Kaufbeuren. Doch nach Abzug von vier Stadträten, neun städtischen Verwaltungsmitgliedern und dem Behindertenbeirat blieben gerade einmal eine Handvoll Bürger und knapp 20 Inhaber oder deren Vertreter, die sich allerdings engagiert einbrachten, übrig. Das kommt einer Ignoranz gleich und zeugt von Desinteresse. Zumal alle Geschäftsinhaber und Gastronomen, die derzeit Möblierungen auf den Straßen und Plätzen nutzen, in einem persönlichen Schreiben des Oberbürgermeisters zu dieser Veranstaltung eingeladen worden waren. Umso höher ist es zu bewerten, wenn ein Inhaber aus der Oberpfalz sich auf den Weg zum Informationsaustausch macht.

Die Chance für einen Austausch von unterschiedlichen Positionen wurde, was die Quantität anbelangt, von beiden Seiten vertan. Doch spätestens dann, wenn es Festlegungen durch den Stadtrat gibt, werden wohl auch die wieder ihre Stimme erheben, die jetzt nicht dabei waren. Dann sollte es auch heißen: Chance vertan!

von Wolfgang Becker

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