So waren sie, die Fünfzigerjahre

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Kaufbeuren – Es ist zwar sicher Zufall, dass sich in der letzten Zeit die Bildretrospektiven gerade mit Blick auf die Aufbauzeit nach dem Krieg in den Fünfzigerjahren häufen: Sei es Ende 2016 die reich bebilderte Neugablonz-Geschichte von Gabriele Stumpe, sei es in einem Teil der aktuellen Ausstellung „Ansichtssache Kaufbeuren“ im Stadtmuseum, sei es die Kreisbote-Serie „Erinnern Sie sich noch?“ oder sei es eben auch das kürzlich in der Volkshochschule präsentierte autobiografische Erinnerungsbuch von Robert Klingensteiner „Grad so isch gwea“. Aber für manche Dinge ist die Zeit einfach reif.

Das meinte auch Autor Klingensteiner, Jahrgang 1946. Er fühlte sich nach sechs Jahren im Ruhestand reif genug, um aus einem Riesenschatz an Erinnerungen ein Bild der Zeit zwischen 1950 und 1960 zu malen, vielleicht naiv – aber so, wie eben ein Kaufbeurer „Lausbua“ vom 5. bis 14. Lebensjahr das erste Jahrzehnt nach dem Krieg in einer Kleinstadt erlebt hat. Klingensteiner, der heute in Utting am Ammersee wohnende ehemalige Werbefachmann, zu dessen zahlreichen Hob­bies wie Lesen, Fremdsprachen, Italien, Kochen, Fotografieren und natürlich Schreiben auch ein wenig Malen gehört, „tupft mit den Wasserfarben seiner Erinnerung ein Bild aus seiner Allgäuer Heimat der Fünfzigerjahre“, so der Klappentext.

OB Stefan Bosse und Werner Weirich vom Heimatverein waren sich bei der Buchvorstellung einig, dass „Grad so isch gwea“ allen Kaufbeu­rern wärmstens ans Herz zu legen sei. Das Besondere an diesem Buch sind – neben dem humorvollen, flüssigen Schreibstil und manchmal „einer Spur kritischer Satire“ – nicht die historischen Fakten, sondern die vielen kleinen Details, die Eigenheiten der besonderen Spezies „Kaufbeurer“ und die Dialoge auf Allgäuerisch, die der Autor als neugieriges „Krischpele“ ungewöhnlich scharf beobachtet hat. Heute verschwundene Tätigkeiten und Geschäfte wie eine Hufschmiede, Herrn Rueß‘s Feinkostladen oder Opas Schuhmacherwerkstatt sind da beschrieben, kaum zu glaubende Brezgen- und Kinopreise oder das Arbeiten in einer Dunkelkammer.

Das Buch enthält außerdem rund 200 Fotos sowie Abbildungen von Werbeanzeigen und Originalzeitungsartikeln aus den Archiven der Stadt und des Heimatvereins sowie aus den Familienalben Kaufbeurer Bürger.

Das Ganze ergibt ein Stück Kulturgeschichte von Kaufbeuren, das nicht nur bei Zeitgenossen amüsiertes, verständnisinniges Schmunzeln und die verklärte Rückbesinnung „grad so isch gwea“ hervorruft, sondern auch jüngeren Generationen ein farbiges, dreidimensionales Bild vom damaligen Leben vermitteln kann. Es war – obwohl es noch gar nicht soo lange her ist – so ganz anders als heute.

Daher stellt die Stadt zusammen mit der Sparkasse für dieses Buch bereits Überlegungen an, die Kaufbeurer Schulen für den Heimatkundeunterricht damit auszustatten. „Kinder sollten in der Schule nicht nur die entfernte Vergangenheit des antiken Griechenlands oder Roms kennenlernen, sondern eigentlich auch etwas über die Zeit ihrer Großeltern und Eltern erfahren“, meinte Verleger Josef Bauer bei der Buchvorstellung.

Deren musikalische Umrahmung kam vom Band mit passenden Evergreens wie „Oh, mein Papa“, „Pack die Badehose ein“, „Das alte Haus von Rocky-Tocky“ und ähnlichen deutschen Schlagern aus der Zeit. Abschließend gab es wieder für alle am Buch Beteiligten die beim Bauer-Verlag üblichen kleinen hausgemachten Geschenke, von Bauer mit seinen – vom Stammpublikum geradezu erwarteten - launigen Kommentaren verteilt.

Wer jetzt Lust bekommen hat, ebenfalls eine Zeitreise in Kaufbeurens jüngere Vergangenheit zu unternehmen, erhält das Buch für 18 Euro im Buchhandel.

von Ingrid Zasche

Zum Buch:

Robert Klingensteiner: „Grad so isch gwea! So waren sie, die Fünfzigerjahre“

Gebundene Ausgabe, 208 Seiten, reich mit Schwarz-weiß-Fotos aus der Zeit illustriert

Bauer-Verlag, Mai 2017

ISBN-10: 3955510190

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