Vom Zusammenhalt der Gesellschaft

„Runder Tisch“ für Katastrophenschutz

OB Stefan Bosse (v. l.) sowie OTL Stefan Schopf, OTL Edmund Weiß, Oberst Roland Hettmer, OTL Peter Greyer und Oberst Martin Langer als Leiter und Kommandeure.
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Gruppenbild mit Gastredner Hintersberger (Mitte): OB Stefan Bosse (v. l.) sowie OTL Stefan Schopf, OTL Edmund Weiß, Oberst Roland Hettmer, OTL Peter Greyer und Oberst Martin Langer als Leiter und Kommandeure.
  • Wolfgang Becker
    VonWolfgang Becker
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Kaufbeuren – Nach dem Corona bedingten Ausfall im letzten Jahr fand diesmal zu ungewohnter Jahreszeit der sogenannte „Runde Tisch“ der Kreisverbindungskommandos (KVK) Kaufbeuren und Ostallgäu statt. Zu dieser Veranstaltung der beiden KVKs sind die Vertreter aller am Kata­strophenschutz beteiligten Behörden und Hilfsorganisationen eingeladen.

Neben Vorträgen aus den verschiedenen Bereichen der angesprochenen Organisationen dient die Veranstaltung auch der Kontaktpflege untereinander. Bei der diesjährigen Veranstaltung referierte Staatssekretär a. D. und MdL Johannes Hintersberger (CSU) zu dem Thema: „Was die Gesellschaft zusammenhält: Aktives Bürgerjahr für alle.“

Die sonst in den Räumen der Offizierheimgesellschaft laufende Veranstaltung war aus Hygienegründen in den Kinosaal des Fliegerhorstes verlegt worden, was durch Oberst Martin Langer in seiner Funktion als Standortältester möglich geworden war. Die Leiter der KVKs, die Oberstleutnante (OTL) d. R. Stefan Schopf für Kaufbeuren und Edmund Weiß für das Ostallgäu, konnten neben Oberbürgermeister Stefan Bosse rund 40 Vertreter von Polizei, Feuerwehr, THW, Rettungsdiensten und weiterer im Katastrophenschutz Tätigen begrüßen.

Der Abgeordnete hatte sich zuvor bei einem Besuch im Campus der Flugsicherung einen Eindruck von der dort geleisteten Arbeit gemacht und resümierte: „Das ist ein Leuchtturm-Projekt zum Standorterhalt, welches auch aus Augsburger Sicht sehr positiv gesehen wird!“ Dies ferner unter dem Aspekt einer möglichen Partnerschaft für Luftfahr­unternehmen in der dortigen Region.

„Mehrwert für die Gesellschaft“

In seinem Vortrag ging es Hintersberger im Wesentlichen um einen Punkt: Ein aktives Bürgerjahr für alle bietet aus seiner Sicht eine Perspektive mit „nachhaltigem Mehrwert“ für den „Zusammenhalt in der Gesellschaft“. „Die Wehrpflicht selbst war zwar ein starker Eingriff in die persönliche Freiheit gewesen, hat jedoch wichtige soziale Kompetenzen vermittelt“, so der einstige Wehrpflichtige und Zeitsoldat für zwei Jahre, „das wurde nicht im Hörsaal oder beim Psychologen vermittelt, sondern in einer Mannschaftsbude mit bis zu acht fremden jungen Menschen.“ Integration sei im Dienst „operatives Alltagsgeschäft“ gewesen. Kameradschaft und gegenseitige Hilfe hätten die jungen Männer geprägt. Als „Riesenleistung“ und viel zu wenig beachtet nannte er beispielhaft auch die Zusammenführung zweier Armeen nach der Wiedervereinigung.

„Zivildienst betroffen“

Leider habe die Politik trotz Vorliegen eines Rechtsgutachtens zur Einführung eines „Allgemeinen Dienstjahres“ im einfachen Gesetzgebungsverfahren ohne Grundgesetzänderung seitens des damaligen Juristen und späteren bayerischen Justizministers Prof. Dr. Winfried Pausback keinen Erfolg gehabt und die Wehrpflicht wurde ausgesetzt. Das habe natürlich auch den Zivildienst als Ersatz getroffen, wie der Vater von fünf Kindern erläutert. Man habe seitdem viele Anstrengungen unternommen: Einführung des Bundesfreiwilligendienstes (BuFdi), Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) und Freiwilliges Ökologisches Jahr (FÖJ). Natürlich sei alles Freiwillige gut und notwendig, doch „wir doktern krampfhaft rum – hier noch ein Sport- und da noch ein Kultur-Jahr“. Aber zu den in Summe verfügbaren etwa 110.000 Plätzen für den freiwilligen Dienst gebe es – bezogen auf den Geburtsjahrgang 2019 mit rund 770.000 Jugendlichen – für rund 660.000 junge Leute keine Chance für ein freiwilliges Engagement – selbst wenn sie wollten!

Warum ein aktives Bürgerjahr sinnvoll ist

„Für viele stellt der Staat ein anonymes Gebilde dar“, lautet die These des Abgeordneten, ausdrücklich nicht aus Sicht der Bundeswehr. „Was hält diese Gesellschaft zusammen? Das ist nicht mehr greifbar.“ Damit müsse man sich beschäftigen und eine breite gesellschaftliche Diskussion anstoßen. Es gehe nicht um einen Wettbewerb zwischen den Blaulichtorganisationen, sondern was sind die Chancen für alle? Ein junger Mensch stellt ein Jahr der Gesellschaft zur Verfügung mit einer Fülle an Möglichkeiten – im sozialen, kulturellen, pflegerischen, sportlichen und pädagogischen Bereich oder bei Tätigkeiten für eine Blaulichtorganisation. „Unsere Gesellschaft braucht junge Leute, die wiederum Erfahrungen sammeln können und sich zudem persönlich bereichern“, erklärt der achtfache Großvater. Entscheidend sei der Fokus: „Wollen wir das Gebilde Staat erfahrbar machen?“ Dazu bedürfe es auch entsprechender Anreize. Sein Fazit: „Wir brauchen den Zusammenhalt in der Gesellschaft, nicht nur in Notsituationen!“

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  • Ein Jahr für den Staat
  • Darf ein Staat seinen jungen Menschen am Anfang ihres beruflichen Lebens ein Jahr für eine Tätigkeit in der Gesellschaft abverlangen? Ein Jahr, das Einblick in die ganze Vielfalt an Leistungen für die auch den Jugendlichen tragende Gesellschaft bietet? Dieses Thema ist nicht erst mit der Aussetzung der Wehrpflicht diskutiert worden. Schon in den Neunziger Jahren flammte es auf, besonders unter dem Aspekt der immer stärker ausgeprägten Wehrungerechtigkeit, das heißt, der Anteil der ausschließlich zur Wehrpflicht gerufenen jungen Männer ging rapide nach unten. Davon profitierte der zivile Ersatzdienst im gleichen Maß, wie er seit Wegfall der Wehrpflicht darunter leidet. Alle politischen Parteien müssten eigentlich einen dringenden Handlungsbedarf sehen. Es müsste im Grunde ein Konsens darin bestehen, dass das Auseinanderdriften der Gesellschaft da bekämpft werden muss, wo es seinen Ursprung hat: bei den jungen Menschen, die am Anfang ihres Berufslebens stehen! Zumal in einer Umfrage des ZDF-Magazins „Politbarometer“ im August 2018 rund 68 Prozent aller Parteianhängergruppen die Einführung einer einjährigen Dienstpflicht für alle jungen Männer und Frauen bei der Bundeswehr oder im sozialen Bereich begrüßt hatten. Wohlgemerkt: nur für diese beiden Bereiche! Doch mit einem aktiven Bürgerjahr für alle jungen Menschen könnte das gesamte Spektrum an Möglichkeiten ausgeschöpft werden. Bei genauer Betrachtung überwiegen die Pro-Argumente. Es werden außerschulisch erworbene Kompetenzen aufgebaut, Vorurteile abgebaut, Teamfähigkeit und Verantwortungsbewusstsein gesteigert sowie der gesellschaftliche Zusammenhalt und das Demokratiebewusstsein gestärkt! Nicht nur Gespräche über soziale Themen, sondern aktives soziales Handeln erweitern die Perspektive junger Menschen abseits von Selbstverwirklichung. Daher ein deutliches „JA“ zu einem aktiven Bürgerjahr für alle!
  • von Wolfgang Becker

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