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„Ich grüße mein Kaufbeuren“ – Sergiy Kolomiets sitzt mit seiner Familie im Norden der Ukraine fest

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Von: Angelika Hirschberg

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Sergiy Kolomiets und seine Familie harren in ihrer Wohnung in Nizhyn in der Ukraine aus.
Sie schicken ein Herz nach Kaufbeuren. Sergiy Kolomiets und seine Familie harren in ihrer Wohnung in Nizhyn aus und bleiben zuversichtlich. © privat/Kolomiets

Kaufbeuren/Ukraine – Der gebürtige Ukrainer Sergiy Kolomiets lebt und arbeitet seit zwei Jahren in Kaufbeuren. Kurz vor Kriegsbeginn reiste er zu seiner Familie in die nordukrainische Stadt Nizhyn. Vom russischen Angriff überrascht sitzen Sergiy, seine Frau und seine Tochter seit vergangenem Donnerstag nun in der Wohnung im fünften Stock fest. An eine Flucht zur rund 700 Kilometer entfernten polnischen Grenze ist nicht zu denken. „Viel zu gefährlich“, sagt der 41-Jährige. Noch dazu ist es wehrfähigen Männern aktuell untersagt auszureisen. Auch Sergiy Kolomiets würde für sein Land kämpfen. Der Kreisbote hat Montagvormittag mit ihm telefoniert.

Auf die Frage, wie es ihm gehe, zuckt Sergiy Kolomiets hörbar mit den Schultern. „Naja“, so der Ukrainer, gerade sei die Situation zwar etwas besser, die Stadt würde nicht von russischen Soldaten belagert und die Familie hätte die vergangene Nacht nicht im Luftschutzbunker, sondern zuhause verbracht. „Aber insgesamt geht es uns natürlich nicht gut.“ Er schlafe schlecht, kontrolliere stattdessen andauernd die Nachrichten und die Infos der Regierung und Stadtverwaltung, die die Bevölkerung auch in Nizhyn mehrmals am Tag aufforderten, die Schutzräume aufzusuchen. Geld am Bank­automat gebe es schon seit ein paar Tagen nicht mehr, auch die Supermärkte seien mittlerweile geschlossen. „Doch immerhin funktionieren Heizung, Strom und das Internet.“

Sergiy Kolomiets berichtet von vielen Kämpfen rund um seine Heimatstadt Nizhyn, die sich nur etwa 160 Kilometer nordöstlich von Kiew befindet. Doch in seiner Stimme klingt auch ein Hauch von Zuversicht an. „Meine Stadt ist noch eine ukrainische Stadt. Die ukrainische Armee ist besser vorbereitet, als es sich die Russen dachten“, sagt er. Es hätte wohl Versuche gegeben, sie zu erobern. Gestern erst hätten russische Streitkräfte zwei Kämpfe in der Nähe der Stadt verloren, viele russische Soldaten seien gefangen genommen worden, so der Familienvater. Er wisse das von Freunden und Bekannten. Dem Kreisbote schickt er ein Video von einer Gefangenennahme. Darauf sind Soldaten mit Gewehren in der Dämmerung zu sehen, die andere Kämpfer mit erhobenen Händen abführen. Sergiy glaubt, dass den russischen Soldaten – „das sind junge unerfahrene Burschen“ – ohnehin nicht die Wahrheit über ihren Einsatz gesagt wurde. „Ihnen wurde versprochen, dass sie nach Kiew durchmarschieren könnten.“

Familie Kolomiets hat sich im Luftschutzkeller provisorisch eine Sitzecke eingerichtet.
Familie Kolomiets hat sich im Luftschutzkeller provisorisch eine Sitzecke eingerichtet. Aktuell müssen sie zweimal am Tag in den Räumlichkeiten Schutz suchen. © privat/Kolomiets

Im Dorf seiner Mutter, in Perewolotschna, seien russische Panzer schon gewesen. Zu ihr habe er leider keinen Kontakt, aber der Nachbar konnte beruhigen. Die russischen Soldaten bewegten sich vor und zurück. Und Sergiy kommentiert trocken: „Ich glaube, sie haben nicht den Wunsch, hier bei uns zu sterben.“

Sergiys Tag besteht aktuell größtenteils darin zu warten und sich zu informieren. Heute früh seien sie auf dem Markt gewesen und hätten Lebensmittel gekauft. Als sie jedoch Schüsse gehört hätten, wären sie schnell zurück in die Wohnung. „Ich bin trotz allem froh, bei meiner Frau und meiner Tochter zu sein“, sagt der Familienvater, der in Kaufbeu­ren als Rangierbegleiter arbeitet. Auch sei in seiner Stadt, die rund 75.000 Einwohner zählt, die Lage aktuell etwas ruhiger als noch in den ersten Tagen der Angriffe. Sergiy Kolomiets möchte derzeit nicht in einer der großen Städte wie Kiew oder Odessa wohnen. Dort erzählen Freunde von Bombenalarm und Angriffen alle ein bis zwei Stunden. Sie kämen nicht zur Ruhe.

Allerdings könne auch er die Stadt nun nicht mehr ohne weiteres verlassen. „Den Westen der Ukraine zu erreichen, ist für uns viel zu gefährlich. Wir sind ja von drei Seiten eingekesselt, die Straßen sind gesperrt, Verbindungen blockiert und überall sind lange Schlangen.“ Auf die Frage, ob er für sein Land auch kämpfen werde, antwortet Sergiy prompt: „Natürlich. Wir sind jetzt ein Volk.“ Weil er aber über keine Erfahrung an der Waffe verfüge, würde er aktuell noch nicht eingezogen, bekäme auch kein Gewehr. Und Sergiy Kolomiets sagt mit klaren Worten: „Niemand in der Ukraine wollte diesen Krieg.“

Dass sich die ganze Welt mit der Ukraine solidarisch zeige und jetzt auch Deutschland Waffen liefere, findet Sergiy gut. „Das kommt bei uns an, ja. Und das gibt uns Ukrainern Mut und Kraft. Am Anfang haben wir uns noch alleine gefühlt, das ist jetzt anders,“ sagt er und schluckt ein bisschen. Gut sei es auch für die Männer, die kämpfen, wenn sie ihre Frauen und Kinder sicher in Polen oder Deutschland wissen. Viele Bekannte aus Kaufbeuren hätten sich bei ihm gemeldet und gefragt, ob sie helfen könnten. „Grüßen Sie mein Kaufbeuren, mein Allgäu von mir!“ sagt er zum Abschluss des Handygesprächs. „Ich bin zwar in meiner Heimat, und doch vermisse ich Kaufbeuren.“ Da musste auch der Reporter am anderen Ende der Leitung schlucken.

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