Schade um verpasste Chance

Leiterin der Bücherei verlässt Kaufbeuren und hinterlässt großes Erbe

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Michaela Gemkow hat selbstbewusst die Entwicklung in Richtung mehr Bürger- und Familienfreundlichkeit vorangetrieben.

Kaufbeuren – Fünf ereignisreiche Jahre war Michaela Gemkow Leiterin der beiden Büchereien. Vieles hat sich zum Positiven verändert: Ihr elfköpfiges Team steht für hohe Sachkompetenz und Bürgernähe. Jetzt hat sie sich auch offiziell vom Kulturausschuss verabschiedet und ausdrücklich für die Zusammenarbeit bedankt.

Ein Abschied ohne Groll, aber mit Wehmut. Zu viel bleibt von ihren kreativen Zukunftsplänen unvollendet. Ihre im Herbst letzten Jahres dem Kulturausschuss vorgelegte umfassende Konzeption hätte politische und administrative Unterstützung gebraucht.

Ihre Vorschläge sind keinesfalls unrealisierbare Utopien, sondern notwendige Veränderungen, die andernorts schon seit Jahren umgesetzt sind. Vorbei sind längst die Zeiten, als eine Bücherei schlicht eine kostengünstige Ausleihstelle war. Sicher, einiges hat sich durch die Einrichtung einer eigenen Café-Ecke in Richtung Bücherei als Wohlfühl-Ort der Begegnung getan, wozu sich die zentrale Lage der Einrichtung in Kaufbeuren im Schraderhaus ja auch anbietet.

Aber es braucht mehr: Durch eine Vernetzung der öffentlichen Einrichtungen muss auch eine Bibliothek sich den gesellschaftlichen Herausforderungen der Zeit stellen. Als Beispiel sei erwähnt, dass Gemkow mit ihrem Teams sich mitten in der Flüchtlingskrise diesem Thema intensiv widmete. Die Flüchtlinge wurden nicht nur als neue Zielgruppe erkannt und erschlossen, in dem entsprechende Materialien und Bücher angeschafft wurden, sondern es wurden auch politisch engagierte Veranstaltungen durchgeführt.

Mangelnde Lesekompetenz

Das Interesse am Thema „Buch“ ist in der breiten Welt der Medienlandschaft und der globalen Digitalisierung alles andere als ein Selbstläufer, erklärt Gemkow. Im Gegenteil stelle sie eine immer stärker werdende „Leseschwäche“ fest. Für den Erhalt der Demokratie brauche es unbedingt die Fähigkeit des Bürgers, Informationen aufzunehmen, zu verarbeiten und zu beurteilen. Es genüge auch einfach nicht mehr, sich als Bibliothekarin bequem zurückzulehnen, und auf Anfragen zu reagieren. Gezielt müsse man auf die Öffentlichkeit zugehen. Gerade Kinder im frühesten Alter oder sozial-benachteiligte Gruppen gelte es verstärkt als Zielgruppen zu gewinnen. Mit ihren kreativ-pädagogischen Programmen stelle die Institution „Bücherei“ einen wichtigen Stein im Mosaik der kreativen Bildungsarbeit dar.

Das lässt sich weder im institutionellen Alleingang der Einrichtung noch mal so schnell nebenbei machen. Dazu brauche es neben einer politischen und administrativen Unterstützung des Allgemeinkonzepts auch finanzielle und personell qualifizierte Hilfe. So wichtig die Arbeit der Ehrenamtlichen beispielsweise als Lesepaten sei, bedürfe es auch zum Beispiel der Zusammenarbeit mit ausgebildeten Medienpädagogen, um das Thema „Digitalisierung“ und „Kompetenzorientierung“ in Zusammenarbeit mit den Schulen voranzubringen. Ein entsprechendes Pilotprojekt wurde in Zusammenarbeit mit dem Bildungsbüro der Stadt in beiden Büchereien im vergangenen Jahr durchgeführt.

Kommentar

Stockende Entwicklung

An innovativen Ideen fehlte es Michaela Gemkow nicht. Aber von politischer und administrativer Seite wurde eine Änderung in „kleinen Schritten“ befürwortet. Inwieweit die „kleinen Schritte“ als Bewegung oder quasi Stillstand gewertet werden, ist eine Frage der Perspektive.

Es wurde darauf hingewiesen, dass die Büchereien eine „Kann-Leistung“ der Kommunen sei. Wenn Gemkow jetzt geht, ist diese hinhaltende Taktik sicherlich nur ein Aspekt. Als Leiterin der Abteilung Kinder und Jugendliche in Münchens Hauptbibliothek am Gasteig stehen ihr ganz andere Möglichkeiten offen, ihre kreativen Vorstellungen zu verwirklichen.

In Kaufbeuren ist die Entscheidung, in welche Richtung es in Zukunft gehen soll, nur vertagt. Fakt bleibt aber: Sieht man von Dauerkunden einmal ab, werden Zielgruppen vor allem mit spezifischen Projekten erschlossen. Genauso wie die Stadt sich in der Vergangenheit bei der Museumskonzeption großräumig umorientiert hat, sollte man jetzt mit dem Nachfolger von Gemkow beginnen, über die Notwendigkeit einer Neuorientierung nachzudenken. Man sollte sich aber bewusst machen, wirklich innovative Kräfte wie Gemkow bleibt immer die Möglichkeit ihre berufliche Perspektive zu verändern, wenn ihre ambitionierten Erwartungen mittelfristig nicht umgesetzt werden können.

von Peter Suska-Zerbes

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