Schenkung durch Andrea Murk und Andreas Böhme an Kaufbeurens Tänzelfest-Verein 

Jagdwagen fürs Tänzelfest 

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Horst und Rosi Lauerwald (v. li.), Andrea Murk, Andreas Böhme im Jagdwagen vor der Tänzelfest-Remise.

Kaufbeuren – Vergangenen Mittwoch durfte Tänzelfest-Chef Horst Lauerwald auf dem Stallgelände des Vereins neben dem Fliegerhorst wieder einen attraktiven Neuzugang in Empfang nehmen. Die Lieferung ließ an den am letzten Wochenende nebenan eingetroffenen Eurofighter denken, der nicht aus eigener Kraft zum Fliegerhorst kommen konnte (wir berichteten).

Die neue Kutsche kam ebenfalls nicht auf eigenen Rädern sondern auf einem Hänger zu ihrem Bestimmungsort, wenn auch bedeutend unauffälliger als der Eurofighter: Lediglich Horst und Rosi Lauerwald sowie der Koordinator des Tänzelfest-Stalles, Martin Schafnitzl, hießen die beiden Donatoren Andrea Murk und Andreas Böhme willkommen. Artig überreichte Horst Lauerwald als kleinen Dank einen Blumenstrauß an Andrea Murk.

Das Paar hatte sich vor einigen Jahren den Wagen angeschafft, der auch für den Aufbau einer Dachkonstruktion vorbereitet ist. Andrea Murk hatte den Wagen nach Beendigung ihres Kutschkurses von ihrem Kutschenlehrer angeboten bekommen. Zwischenzeitlich wurde jedoch ein richtiger Planwagen gefunden, und jetzt fehlt es an Platz für den doch nicht so sehr genutzten Jagdwagen. Daher sollte der seinerzeit über 3.000 Eiuo teure Wagen wieder verkauft werden. Mittlerweile ist jedoch der Kutschenmarkt offenbar gesättigt und die Preise sind – nicht zuletzt aufgrund der starken Konkurrenz der vergleichsweise günstigen Kutschen aus Polen – so sehr gefallen, dass der Verkauf an einen Privatmenschen nicht mehr interessant war. „Und die stellen den Wagen dann womöglich als Blumenkübel in den Garten – sowas gibt’s!“, spottete Böhme. Murk und Böhme wünschten sich jedoch, dass der hübsche Jagdwagen aus der vermutlich zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nicht irgendwo ungesehen herumsteht und verstaubt. Als Option stand unter anderem ein Kutschenmuseum zur Diskussion – dort würde der Wagen gesehen und wahrscheinlich auch regelmäßig abgestaubt. Am liebsten sollte die Kutsche aber wieder genutzt werden und sei es auch nur einmal im Jahr. Damit war klar: Das Gefährt geht an den Tänzelfestverein.

„Jagdwagen“ ist ein Sammelbegriff für Wagen mit denen man zur Jagd fuhr. Ein typisches Merkmal für Jagdwagen ist die tiefgesetzte Fahrerbank, die sich meistens auf gleicher Höhe wie die Passagiersitze befindet. Echte Jagdwagen weisen am Hinterteil des Kastens eine sogenannte abklappbare Wildbrücke für den Transport der erlegten Tiere auf. Alternativ fand darauf auch Gepäck oder ein großer Picknick-Korb Platz. Charakteristisch sind die Holzspeichenräder und die elegant geschwungenen, circa 25 Zentimeter breiten Kotflügel aus lackiertem Bugholz. Damit waren die voluminösen Gewänder der vornehmen Damenwelt bei Ausflügen vor Beschmutzungen geschützt. Jagdwagen können ein- oder zweispännig gefahren werden, üblicherweise mit schmucken Warmblütern bespannt – allenfalls mit „schweren“ Warmblütern, jedoch niemals mit den auch als Kaltblütern bezeichneten massigen Brauereipferden.

Das jetzt übergebene Exemplar ist in hervorragendem Zustand. Es wurde, wie seinerzeit alle Kutschen, als Einzelanfertigung von der Karosseriebaufirma Gebr. Pfeif(f)er in Meerane (Sachsen) gearbeitet, wo man später auch Karosserien für den Trabi gebaut haben soll. Der Hersteller „Pfeifer Meerane“ ist auf den Radnaben ersichtlich. Die Holzräder sind anstelle der früher üblichen Eisenbereifung mit aufvulkanisierter Gummibereifung versehen, was dem Fahrzeug zusammen mit der doppelelliptischen Blattfederung sehr komfortable Fahreigenschaften verleiht. Neben der Kurbel-Feststellbremse verfügt der Wagen über ein Zweikreisbremssystem mit nachgerüsteten Scheibenbremsen, separat für Vorder- und Hinterräder, und ist damit gemäß StVO auch heute verkehrstauglich. Nach Benno Achenbach (1861-1935), dem Schöpfer der modernen einheitlichen Fahrtheorie, befindet sich der Fahrerplatz mit der Hülse für die Peitsche auf der rechten Seite. Im Fahrgastraum kann hinter dem Kutscher eine weitere, ebenfalls bequem gepolsterte Sitzbank heruntergeklappt werden (vis a vis), so dass vier erwachsene Passagiere Platz haben.

„Da bringen wir mindestens sechs zusätzliche Biedermeier-Kinder unter“, freut sich Rosi Lauerwald und macht jetzt schon Pläne, was man beim nächsten Festzug Hübsches auf der Wildbrücke mitnehmen könnte.

von Ingrid Zasche

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