Sechs Wochen Irsee statt Berlin

Schriftsteller Roman Ehrlich folgt der Einladung ins Ostallgäu

Dr. Sylvia Heudecker, Projektleiterin Schwabenakademie Irsee und Roman Ehrlich, Schriftsteller
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Dr. Sylvia Heudecker, Projektleiterin Schwabenakademie Irsee und Roman Ehrlich, Schriftsteller und „Landgastschreiber“ aus der Landeshauptstadt.

Irsee – Die Schwaben Akademie Irsee lud den jungen Schriftsteller Roman Ehrlich im April dieses Jahres ein, Zeit in Markt Irsee zu verbringen (wir berichteten). Das von der Bundesregierung geförderte Projekt „Und seitab liegt die Stadt“ soll die ländlichen Gebiete mit aktueller Literatur, in diesem Fall mit einem in Berlin lebenden Autor, konfrontieren. In einem Interview berichtete Ehrlich dem Kreisbote nun, wie er diese Zeit erlebte und für sich nutzen konnte.

Welches waren für Sie die Gründe, sich für dieses Projekt zu entscheiden und den Weg von Berlin ins Allgäu zu gehen?

Roman Ehrlich: „Ich dachte an Ruhe und Konzentration und vielleicht auch an gute Luft und Wälder. An ein Nachdenken über die eigene Arbeit, das außerhalb der gewohnten Grübelschleifen und Routinen, erfrischt und frisch belüftet, unter Umständen etwas Neues ermöglichen könnte. Das Anfangen eines neuen Buches.“

War es eine große Umstellung: Hauptstadt und Marktflecken?

Ehrlich: „Es gibt in mir einen Landmodus, in den ich ganz gut umschalten kann, sobald ich auf dem Land bin. Das war ja nicht das erste Mal für mich, dass ich aus der Stadt raus gekommen bin. Wenn ich zu viel Zeit in diesem Modus verbringe, fühlt es sich manchmal so an, als würde etwas in mir vertrocknen, das vielleicht nur in der Stadt ausreichend gewässert werden kann. Dann ist es Zeit zurückzugehen. Und dann ist dieses Zurückkommen meist eine größere Umstellung: die andere Intensität, Lautstärke, Nähe der anderen. Und es war ja in Irsee auch die ganze Zeit klar, dass meine Zeit dort befristet ist, da lässt man sich vielleicht auf vieles auch gar nicht erst ein, wenn es eine gewisse ‚Ausweichlichkeit‘ gibt, die die Dinge dem Gast gegenüber ausstrahlen.“

Wie umfangreich war Ihr „Programm“ in Irsee und Umgebung?

Ehrlich: „Ich habe sehr viele Menschen einzeln und unter Einhaltung des pandemiebedingten Sicherheitsabstands meistens draußen getroffen. Dieser Umstand hat bewirkt, dass es mir wie sehr viel Programm vorgekommen ist. Wenn diese Menschen alle auf einem Haufen im Wirtshaus gesessen hätten, wo man an einem Abend mal an dem Tisch sitzt und am nächsten dann an einem anderen, wäre das sicher ein anderer Eindruck gewesen. Auftritte mit den Büchern hatte ich so gut wie gar keine, die werden im September nachgeholt, wenn ich nochmal für eine Woche zurückkomme unter dann hoffentlich entspannteren Vorzeichen.“

War der Dialekt in Irsee für Sie neu und haben Sie alles verstanden?

Ehrlich: „Nein, nicht neu und ja, alles verstanden.“

Sie sind ein sehr zurückhaltender Mensch bezüglich Ihrer aktuellen Arbeit. Verraten Sie den Lesern dennoch etwas über die Themen, die Sie am meisten in diesen sechs Wochen beeindruckt haben oder müssen wir bis zu Ihren Lesungen im Herbst hier in der Schwaben Akademie warten?

Ehrlich: „Also die Themen, die für die aktuelle Arbeit relevant sind, beschäftigen mich schon länger und werden damit wohl auch nicht aufhören, wenn das Buch geschrieben ist. Das sind eher so permanente Begleiter, die ich nicht loswerden würde, selbst wenn das mein Wunsch wäre. Das Buch befasst sich vielleicht noch stärker als die Texte davor mit der Frage, woher diese Themen kommen, beziehungsweise warum sie gerade mich beschäftigen. Also was an meinem Aufwachsen und an den sozialen und politischen Begleitumständen dieses Aufwachsens dazu geführt hat, dass mich interessiert, was mich interessiert. Es wird auch viel darum gehen, wie man sich an die eigene Vergangenheit erinnert und dass man erinnernd bereits voll im Prozess des Erzählens drin ist, dass dieses Erzählen also etwas ist, dem man sehr schwer nur ausweichen kann und dass sich daraus eine grundlegende Literaturbedürftigkeit ergibt, die sehr viele Menschen an sich aber gar nicht anerkennen oder nachverfolgen.“

Ihre schriftstellerische Arbeit in Irsee wurde auch von Studenten von Dr. Kay Wolfinger von der Ludwig-Maximilians-Universität München begleitet. Können Sie uns darüber etwas berichten?

Ehrlich: „Das waren vielleicht am Ende die größte Anstrengung und gleichzeitig der größte Ertrag aus dieser Zeit. Dass ich während meines Aufenthalts unter literaturwissenschaftlichen Vorzeichen beobachtet und interviewt wurde und an Seminaren teilgenommen habe, hat bewirkt, dass ich sehr viel mehr über die grundsätzlichen Fragen des Schreibens nachgedacht habe – warum überhaupt, warum ich und was eigentlich – als das sonst der Fall gewesen wäre. Man fängt ja ein neues Buch auch deshalb an, um mit alldem, was man sich so denkt, konkret zu werden, konkrete Sätze zu schreiben, die Abstraktion wieder in etwas Wahrnehmbares zu überführen und diese Grundsatzfragen in den Hintergrund treten zu lassen. Die Studentinnen und Studenten des Observationsseminars wurden glaube ich oftmals ganz schön vollgequatscht vom observierten Autor. Ich hoffe aber sehr, dass sie da etwas bekommen haben, was ihre eigene Arbeit bereichert hat. Zumindest habe ich mir da sehr viel Mühe gegeben.“

Könnte es sein, dass wir in einem Ihrer nächsten Werke den Markt Irsee entdecken?

Ehrlich: „Das wird davon abhängen, wie gut Sie suchen.“

Ganz ehrlich, ist Ihnen der Abschied von Irsee schwer gefallen?

Ehrlich: „Ich verweigere Abschiede. Sie fallen mir sonst unendlich schwer.“

Herzlichen Dank für den Einblick Ihrer sechs Wochen in Irsee. Außerdem freuen wir uns auf ein Wiedersehen im Herbst hier im Ostallgäu.

Interview von Jürgen Wischhöfer

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