Serie Schule anders: Praxisklasse bietet oft letzte Chance

Ein Weg aus der Schulkrise

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Versammelt um die selbst hergestellten Bistrotische: Edith Maurus (v. li.), Eva Gmeindner, Monika Nölle, Tatjana Dück und Hans Wittmann.

Kaufbeuren – Die Mittelschule bietet die besten Voraussetzungen zum Erlernen eines praktischen Berufs. So eine der Kernaussagen von Christian Gebauer, Rektor der Jörg-Lederer-Mittelschule. „Dies gilt auch für die Praxisklasse unserer Schule“, ergänzt Hans Witmann, Konrektor und Praxislehrer. Als gelernter Schreiner weiß er um die hohen Anforderungen auf dem Handwerksmarkt. Neben handwerklichem Geschick sind Fleiß, Ausdauer, Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit gefragte Tugenden.

Wenn der Schüler nicht, oder nur unzureichend an die Anforderungen der Schule angepasst werden kann, warum nicht einmal umgekehrt: Warum sollte sich die Schule nicht an die Schüler anpassen? Ein Kreislauf, den es zu durchbrechen gilt. Eine Schwäche in der Theorie führt zu fortgesetzten Misserfolgserlebnissen und diese wieder zu Motivationslosigkeit, was wiederum die Schwäche vertieft. Schulverweigerung, fehlender Abschluss und fehlende berufliche Ausbildung verschließen dann den Arbeitsmarkt. Seit zehn Jahren beweist die Jörg-Lederer-Mittelschule mit ihrer Praxisklasse erfolgreich, dass dies nicht zwangsläufig so sein muss.

Bis zu 18 Plätze können in der Abschlussklasse für den ganzen Landkreis Ostallgäu angeboten werden. Bei einer Informationsveranstaltung wird das Konzept vorgestellt. Wichtig ist nämlich, dass die Bewerber sich bewusst für eine aktive Beteiligung entscheiden. Die angebotene Chance, ganz neu beginnen zu können, beinhaltet auch Verpflichtungen, erklärt Gebauer. Die Schule ihrerseits hätte auch das Recht, Bewerbungen abzuweisen, wenn pädagogische Zielsetzung und Schulordnung in Frage gestellt seien.

Schwerpunkt bleibt Praxis

Monika Nölle, die Klassenlehrerin, orientiert sich hinsichtlich des Unterrichtsstoffs und pädagogischen Vorgehens an den Möglichkeiten. Ganz ohne Anforderungen geht es allerdings nicht, schließlich steht am Ende des Schuljahres ein „Theorie entlasteter Schulabschluss“, der sich auf die Grundfächer Deutsch, Mathematik sowie praxisorientiertes Wissen konzentriert. Kurz, soviel Theorie, wie sie für Ausbildung und spätere Lebensbewältigung unbedingt notwendig sind.

Sonst sind alle Weichen auf Praxis gestellt, schließlich geht es um handwerkliche Berufe. Im Jahr gibt es drei zweiwöchige Praktika. Das kann stets der gleiche Betrieb sein, aber bei Bedarf kann sich der Schüler noch flexibel umorientieren. Ein Tag wöchentlich ist während des ganzen Schuljahrs dafür vorgesehen. Damit niemand auf sich allein gestellt ist, unterstützt Tatjana Dück, sozialpädagogische Fachkraft, bei der Zusammenarbeit mit den Firmen. Dies macht für Praktikanten und Firmen einen Sinn, erklärt sie. Der Schüler lernt Berufsfelder kennen, und kann sich bereits die oben genannten Anforderungen für einen Arbeitsplatz aneignen. Die Betriebe habe die Möglichkeit, sich einen möglichen Auszubildenden heranzuziehen. Bei dem derzeitigen Mangel an Lehrlingen sicherlich kein kleiner Wettbewerbsvorteil.

In der Praxis lernen

Auch in der Schule wird Praxis betont. Praxislehrer Wittman weiß um die hohe Bedeutung der vier wöchentlichen Praxisstunden. Die Klasse wird geteilt und abwechselnd kocht eine Gruppe unter fachkundiger Leitung während die andere werkelt. Entsprechend der Fähigkeiten werden in kleinen Einzelschritten die erforderlichen Kenntnisse vermittelt. Die handwerklich hergestellten Holzspielzeuge lassen sich nicht nur sehen, sondern sie werden in vielen Fällen an Kindergärten weitergegeben. Betont wird vor allem das Erfolgserlebnis, gemeinsam etwas Schönes und Brauchbares gemacht zu haben.

Wenn dann doch alte Verhaltensmuster wieder aufgenommen werden, wenn es am nötigen Fleiß und Durchhaltevermögen fehlt, finden sich in der Regel Lösungen. Nur in Extremfällen käme es zu Abbrüchen, erklärt Rektor Gebauer. Dann führt Tatjana Dück klärende Gespräche mit den betroffenen Schülern, gegebenenfalls auch mit Lehrern, Praktikumsstellen und Eltern. Besonders durch diesen direkten Kontakt mit den Erziehungsberechtigten könnten einige Herausforderungen erfolgreich bewältigt werden. Eltern machen bereitwillig ihren pädagogischen Einfluss geltend, wissen sie doch, dass es die letzte Chance ihres Kindes ist, ein geregeltes Berufsleben zu beginnen. Die Erfolgszahlen sprechen für das Projekt Praxisklasse. Viele werden mit ihrem Abschluss von ihrer Praxisfirma übernommen, und der Rest wird in Programmen des Arbeitsamtes begleitet.

von Peter Suska-Zerbes

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