„Folgen sind unkalkulierbar“

Schulleiter Frank Hortig vom BLLV spricht über Probleme des Lehrermangels

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Schulleiter Frank Hortig.

Kaufbeuren – So nicht! Bayerns Lehrer schlagen Alarm. Seit 2013 warnt der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLVV) vor einem akuten Lehrermangel. Tausende wehren sich jetzt dagegen, dass sie länger arbeiten müssen, ohne dafür mehr Geld zu bekommen. Doch der BLLV will sich das nicht so einfach gefallen lassen.

Am Donnerstagabend forderten rund 40.000 Unterzeichner in einer Petition Kultusminister Michael Piazolo auf, diese Reform komplett zurückzunehmen. Der Kreisbote sprach mit Frank Hortig vom BLLV. Der Schulleiter der Gustav-Leutelt-Schule in Neugablonz ist im Bezirk Schwaben Abteilungsleiter für Berufswissenschaften und auf Landesebene Stellvertreter in diesem Bereich.

Herr Hortig, was hat es mit der Reform von Staatsminister Piazolo nun auf sich?

Hortig: Es geht um Maßnahmen, das aktuelle Personalloch zu stopfen. Dies steht schon länger im Raum. Von Verbandsseite des BLLV wurden andere Ideen herangetragen, doch sie fanden keine Berücksichtigung. Die Reform bedeutet eine harte Maßnahme für Lehrer, die sich in ihrem Beschäftigungsprofil Gedanken gemacht haben, und zwar für ein Alters- teilzeitmodell oder aus anderen Gründen in Teilzeit zu arbeiten. Die Möglichkeiten, die angeboten wurden, sollen nun ausgeschlagen werden. Unterm Strich bedeutet dies: Grundschullehrkräfte müssen eine Unterrichtsstunde mehr halten, bekommen nicht mehr Geld dafür, aber irgendwann einmal eine Stunde zurück. Bei der Vielzahl an Aufgaben und Projekten, die die Lehrer stemmen müssen, ist das ein Schlag ins Gesicht – eine Geringschätzung der Professionalität.

Hat das Maßnahmenpaket aus Ihrer Sicht überhaupt einen Nutzen?

Hortig: Ich befürchte nein. Der Schuss könnte nach hinten losgehen. Der Frust wird jetzt deutlich. Es hallt durch die Lehrerzimmer: Was sollen wir denn noch alles machen? Wir können nicht in den Ruhestand gehen, das Sabbatmodell hat man uns auch genommen. Es ist eine Art Missachtung uns Lehrer gegenüber. Wir haben hochidealisierte Lehrkräfte, die sich tagtäglich Gedanken machen, wie sie die Kinder effektiv in die nächste Jahrgangsstufe bringen und dabei die Kinder individuell begleiten. Die Kolleginnen und Kollegen sind insbesondere auch in der Grundschule einem hohen Erwartungsdruck ausgesetzt, dem sie ehrgeizig und professionell begegnen. Die Lehrkräfte sind enttäuscht vom Verständnis in Sachen ,Fürsorgepflicht‘ ihres obersten Chefs. Das hätte sich der Staatsminister sparen können.

Was bedeutet das für Ihre Lehrer­innen und Lehrer in der Gustav-Leutelt-Schule?

Hortig: Einige Kolleginnen und Kollegen werden deutlich mehr arbeiten müssen. Es hat einen Grund, warum Lehrkräfte – insbesondere Frauen – in Teilzeit arbeiten. Familienbedingte Teilzeit wird noch genehmigt, alle anderen Argumente werden ignoriert. In der Folge kann es zu Teilabordnungen kommen, weil das Stundendeputat in der eigenen Schule nicht komplett abgeleistet werden kann. Diese Stundenmehrungen lösen nicht das Problem: Es fehlen weiterhin die Köpfe für die Klassenleitungen! Es ist nicht absehbar, welche weiteren Probleme sich ergeben. Wir werden Lösungen finden – aber einer nachhaltigen Schulentwicklung können wir bei dieser Personalpolitik nicht gerecht werden!

Wie motivieren Sie ihre Kollegen?

Hortig: Wir sitzen alle in einem Boot. Sicherlich müssen wir abwarten, doch wir nennen die Probleme beim Namen und sind gerne bereit in den Personaldisput zu gehen. In meiner Verbandsfunktion ist es mir wichtig, dass unser Lehrerstand im richtigen Licht steht und sich auch weiterentwickeln kann. Schule unterliegt immer einem Wandel. Die Kolleginnen und Kollegen haben eine positive Wertschätzung verdient – davon sind wir mit diesen Verlautbarungen weit entfernt! Es ist viel zu tun: Stichwort Digitalisierung, Inklusion, Differenzierung, Individualisierung – es sind große Themen. Diese Aufgaben fordern uns – mehr als wir es bisher in Worte gefasst haben.

Jammern die Lehrerinnen und Lehrer auf einem hohen Niveau?

Hortig: Der Lehrerberuf ist nicht mehr wie er einmal war. Er unterliegt einer ständigen Entwicklung und hohen Dynamik – so, wie das auch in anderen Berufsbildern der Fall ist. Die Zeiten ändern sich schnell. Auch in der Schule spürt man das. Neue Themen sind beispielsweise Digitalisierung oder der Ganztagsbetrieb. Die Schule leistet ihren Beitrag, es kostet Zeit und Energie, das ist ein Fulltime-Job. Das Märchen vom Halbtagesjob gilt auch heute noch nicht. Es sieht kaum jemand, wann ein Lehrer arbeitet. Es ist allerhöchste Zeit, dass die großen Themen in der Schule ernst genommen werden. Das beiläufige Informieren, was Schule so alles leisten soll – zuletzt die Projektwoche zur Alltagskompetenz – ist Standard und macht die Miss­achtung der hohen Belastung von Lehrkräften insbesondere in der Grund- und Mittelschule deutlich.

Fehlen die Anreize dafür, diesen Beruf zu machen?

Hortig: Genau. Die Auflagen werden größer, die Verantwortung drückt. Lehrer wollen doch ihrem Beruf gerecht werden. Auch die jüngeren Kollegen sagen: Ich arbeite so viel, dass ich meinem Anspruch gerecht werden kann. Bei vollem Deputat (Grundschule bisher 28 Stunden) machen sich da bereits die Jungen zweifelnde Gedanken. Zudem ist die unterschiedliche Bezahlung von Lehrkräften ein Thema, das seitens des Ministers verständnisvoll aufgenommen wurde, derart, dass man glauben wolle, es käme die gleiche Bezahlung für alle (A13 Einstiegsgehalt). Stattdessen sollen nun die, die bereits die meisten Wochenstunden zu halten haben, eine Stunde on top leisten! Das ist schon traurig!

Müssen Sie jetzt die Kröte schlucken?

Hortig: Es ist das Recht des Dienst­herrn, diese Maßnahme anzuordnen, in der Konsequenz, dass die Kolleginnen und Kollegen ihrem Arbeitgeber nicht dankbar sind.

Es hat also einen faden Beigeschmack?

Hortig: Natürlich. Die Folgen einer solchen verpflichtenden Maßnahme sind unkalkulierbar. Ob am Ende das Personal- beziehungsweise Stundenloch ausgeglichen werden kann, wage ich massiv zu bezweifeln.

Interview: Stefan Günter

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