Videokonferenz ersetzt Gemeinschaft nicht

Schulleiter Frank Hortig über Homeschooling, Datenschutz und Digitalisierung in Corona-Zeiten

Frank Hortig, Schulleiter der Gustav-Leutelt-Schule.
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Frank Hortig, Schulleiter der Gustav-Leutelt-Schule.

Kaufbeuren – Wohl kein Bereich in der Corona-Pandemie steht so oft im Fokus wie die Schule. Kontrovers wird Home­schooling in allen Facetten diskutiert. Seit 16. März 2020 läuft Schule komplett anders. Vor rund einem Jahr hat sich der Kreisbote mit Frank Hortig, Schulleiter der Gustav-Leutelt-Schule in Neugablonz und Abteilungsleiter für Berufswissenschaften im Bayerischen Lehrerinnen und Lehrer-Verband im Bezirk Schwaben, bereits über die Anforderungen und Herausforderungen beim Homeschooling unterhalten. Hat sich zum ersten Lockdown etwas verändert? Und was genau? Darüber sprachen wir jetzt mit ihm.

Herr Hortig, wie fühlt sich Home­schooling für Sie persönlich an?

Hortig: Es ist nach wie vor nicht die erstrebenswerte pädagogische Methode. Natürlich ist die Not groß. Sie kann nicht darin münden, dass wir nur „digitale Schule“ machen. Ziel muss es sein, zum normalen Modus zurückzukehren. Wenn wir Schülerinnen und Schüler zurückbekommen, brauchen sie ganz viel Sozialisation, ganz viel Empathie vom Lehrer. Da müssen wir ganz viel nacharbeiten. Die Digitalisierung ist nicht der Weisheit letzter Schluss. Ein Computer ist nur eine Unterstützung, aber er ersetzt niemals den Lehrer und den Präsenzunterricht.

Wie durch- und erleben die Lehrer die derzeitige Situation?

Hortig: Ich empfinde es als sehr anstrengend für alle Beteiligten. Mein Beschäftigungsprofil hat nichts mehr mit meiner eigentlichen Arbeit als Schulleiter zu tun. Die Eltern sind stark belastet, sie haben sich vertrauensvoll auf die Schule verlassen können. Die Schüler haben es anfangs recht attraktiv gefunden, einzelne Schüler können sich hier auch mit Vorkenntnissen und der Affinität für Computer profilieren. Der Aufwand für Homeschooling ist grundsätzlich deutlich höher als normaler Unterricht. Die Wirkung von Schule daheim ist wesentlich geringer und unkalkulierbar.

Läuft Homeschooling denn jetzt besser aus Ihrer Sicht als noch im vergangenen Jahr?

Hortig: Es läuft besser als noch in der ersten Phase. Es ist ein Stück weit Routine dazugekommen. Es wurden einige Vorbereitungen von Seiten der Lehrkräfte getroffen, wie die Ausgabe von Leihgeräten. Wir haben uns auf die Techniken einstellen können. Aber: Wir sind weit weg von einer nachhaltigen Professionalisierung.

Wo muss nachjustiert werden?

Hortig: Wir müssen das ständig machen. Wir müssen darauf achten, dass die Teilnehmer es auch gut hinbekommen. Meine Rolle ist stärker koordinativ als zuvor. Für die Lehrkräfte kommt noch die schulische Situation dazu. Bei Lehrkräften, die eigene Kinder daheim haben, kommt ebenfalls eine Belastung dazu. Sie haben ebenfalls keinen strukturierten Arbeitstag und müssen im begrenzten Zeitraum den Schülern das vermitteln, was auch vermittelbar ist: Die eigenen Ziele mit Kollegen absprechen und abstecken. Die Gespräche im Lehrerzimmer finden nicht mehr statt. Videokonferenzen sind anstrengend, nicht nur für Lehrer, sondern auch für Schüler.

Ziehen Sie aus Homeschooling überhaupt etwas Positives heraus?

Hortig: Wir werden die virtuellen Medien mit einbinden, das wird auch so bleiben. Auch dann, wenn es wieder einen normalen Unterricht gibt. Wir können uns diese Arbeitshilfe zunutze machen. Nicht mehr und nicht weniger. Schule ist niemals ersetzbar durch Digitalisierung oder durch Computer und Videokonferenzen. Gehen wir doch einen Schritt weiter: Eine Künstliche Intelligenz kann einen Schulalltag unterstützen, also Verwaltungsarbeiten können übernommen werden. Wir müssen schauen, was brauchen denn unsere Kinder. Brauchen Sie ein PC-Grundwissen oder eine Sozialisation? Wir richten den Fokus klar auf Schule im klassischen Sinne, modifiziert mit den modernen Medien.

Bleiben dadurch einige Schüler auf der Strecke?

Hortig: Wir arbeiten daran, dass es nicht soweit kommen wird. Es ist eine sehr aufwändige Aufgabe. Möglicherweise würden sich die Schüler anders entwickeln, wenn sie in der Schule wären. Bildlich auf der Strecke bleiben – zum Glück nicht! Wir haben Sozialarbeiter, Berufseinstiegsbegleiter und die Lehrkräfte vorneweg, sodass ich mit Beruhigung sagen kann, dass sie uns nicht wegbrechen. Der Aufwand aber, sie bei der Stange zu halten, ist wesentlich höher und unkalkulierbarer. Wir müssen in die Trick- und Datenschutzkiste greifen, um sie mitzunehmen.

Homeschooling und Datenschutz – welche Hürden müssen Sie hier überwinden?

Hortig: Das macht uns große Schwierigkeiten, die Schüler damit zu erreichen. Wir haben verschiedene Plattformen, die auch schon gehackt wurden, aber glücklicherweise nicht an unserer Schule. Das Erreichen der Kinder steht über dem Datenschutz. Das ist eine verantwortungsvolle Aufgabe. Virtuelle Medien privat nutzen, ist einfacher als in der Schule. Hier benötigen wir einen enormen Aufwand und es bedeutet viel Bürokratie, damit Homeschooling im Zeitalter der Digitalisierung erst möglich gemacht wird.

Die Zwischenzeugnisse wird es erst Anfang März geben. Schriftliche Prüfungen gibt es aktuell nicht. Wie wird denn jetzt „fair“ benotet?

Hortig: Ein Lehrer hat gelernt, Leistungen seiner Schüler einzuschätzen. Wir haben im Blick, dass sich die Schüler daheim mit Hilfsmitteln bedienen können. Wir kennen unsere Schüler, es besteht eine persönliche Nähe. Lehrer wissen, wen sie vor sich haben und können auch damit umgehen. Ich überlasse es den Lehrern selbst, das gehört zu unserem professionellen Geschick.

Haben Viertklässler, die aufs Gymnasium oder die Realschule wechseln möchten, in diesem Schuljahr nicht enormen Nachteil?

Hortig: Sie haben keinen Nachteil, aber der Aufwand, um hier eine entsprechende Vergleichbarkeit zu schaffen, stellt uns vor Herausforderungen. Wenn die Eltern ein vertrautes Verhältnis zu ihren Lehrkräften haben, greift dies auch auf die Schüler über. Darum geht es aber jedes Jahr in den vierten Klassen. Unsere Lehrkräfte haben den Blick. Die Eltern wollen das Beste für ihr Kind, argumentieren hier nicht pädagogisch, sondern leistungsorientiert. Es ist ein riesiger Aufwand – unsere Lehrkräfte machen alles erdenklich möglich.

Wissenschaftler schlagen schon längst Alarm: Schulausfall ist eine maximale Katastrophe, weil Bildungsausfall noch viele Jahre später Folgen haben wird. Können Sie diese Aussage eins zu eins unterschreiben?

Hortig: Ja, kalkulierbar ist es aber noch nicht. Jegliches Vereinsleben ruht derzeit, Sozialisation im Alltag findet auch nicht statt, weil Kontakte begrenzt bleiben müssen. Wichtige pädagogische Maßnahmen fehlen derzeit, wie Klassenfahrten, Schulprojekte, das Üben in der Schulband, Theaterstücke einstudieren und der gemeinsame Sportunterricht. Das macht doch Schule aus. Auf diesen Ebenen gewinne ich meine Schüler, auch für Leistungsbereitschaft und Team­entwicklung. Das sind die Komponenten, die wir augenblicklich in der Form nicht leisten können, selbst wenn wir es gerne wollten. Nur, weil wir MS-Teams als Videokonferenz-Medium haben, können wir keine Teamentwicklung bewerkstelligen. Eine Videokonferenz hat nicht den Hauch mit einem Gemeinschaftsprojekt zu tun.

Ist es dann in einem nächsten, nachhaltigen Schritt wichtig, vorauszudenken?

Hortig: Dann können wir unsere Profession wieder in den Fokus stellen: Also kindgerechte, wirkmächtige Pädagogik im zeitgemäßen Prozess. Zeitmanagement durch fächerübergreifendes Behandeln von Inhalten, Teamzeit für Team­entwicklung, Innovation in der Stundenplangestaltung, Leistungsbewertung individualisieren, Lehrer nachhaltig aus- und weiterbilden. Es gibt viele Themen, die perspektivisch in Konzepte neu verankert werden müssen.

Stefan Günter

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