Im Segenskreis des Handelns

Einen eher konservativ anmutenden Rahmen hatte die Theologieproffessorin und ehe- malige evangelische Landesbischöfin Margot Käßmann mit den „zehn Geboten“ der Bibel gewählt, als sie in der vergangenen Woche beim Kaufbeurer Sparkassenforum in der Pforzener Mehrzweckhalle vor hunderten Zuschauern zum Thema „Ethische Werte – Grundpfeiler nachhaltigen Handelns“ sprach. Die Gedanken, die sie in diesen Rahmen packte, erwiesen sich jedoch als individuell und lebensnah. Trotz – oder vielleicht gerade wegen – der schwierigen Aufgabe, als Mensch mit eigenen Fehlern und Schwächen vor anderen über „Ethik“ zu referieren, überzeugte Käßmann mit ihren Worten und fand den breiten Zuspruch des Publikums.

Mit immer wieder auftauchenden Stichworten wie Vertrauen, Selbstreflektion oder Nächstenliebe zog Käßmann einen Bogen zwischen den kirchlichen Geboten. „Ob es nun heißt ‘Du sollst nicht ehebrechen’ oder ‘Du sollst keinen Gott neben mir haben’ – Nachhaltigkeit kann in all diesen Bereichen angewendet werden. Denn nachhaltiges Handeln bedeutet, für eine gerechte und sichere Zukunft einzustehen“, so lautete die zentrale Aussage Margot Käßmanns an diesem Abend. Was aber hat das Setzen von Gott an oberste Stelle mit Nachhaltigkeit zu tun? Diese Frage beantwortete Käßmann mit einem Wort von Luther: „Woran dein Herz hängt, das ist dein Gott“. Und fragte gleich weiter: „Was bedeutet dies für jemanden, der Konsum oder den DAX als wichtigsten Leitfaden seines Lebens ansieht?“ Gott als obersten Leitfaden anzusehen sei dagegen ein Zeichen gerade bei Menschen in Führungspositionen, dass diese sich höheren moralischen Grundsätzen als dem reinen Gewinnstreben verpflichtet fühlten. Trotzdem wolle sie wirtschaftliches Handeln nicht verdammen, es gehe vielmehr um einen „Segenskreis des Handelns“, in dem jeder von der Geburt bis zum Alter Phasen des „Gebens und Nehmens“ durchlaufe: „Nachhal- tigkeit bedeutet auch, sich der eigenen Vergänglichkeit bewusst zu sein und das Herz nicht an die ständige Vermehrung von Besitz zu hängen“. Stattdessen sei die entscheidende Frage, für welche Zwecke man diesen Besitz einsetze. Spaßgesellschaft kritisiert Käßmann warnte in diesem Zusammenhang auch vor der „heute weit verbreiteten Spaßgesellschaft“, in der alles „Möglichst ohne Grenzen“ und „leicht erreichbar“ sein solle. Dies führe jedoch auf Dauer zu einem „kollektiven Burnout“. Als Beispiel nannte sie unter anderem die Diskussion über längere Ladenöffnungszeiten. In direkten Zusammenhang stellte die Rednerin während ihres Vortrags immer wieder die Begriffe „Nachhaltigkeit“ und „Nächstenliebe“. Nachhaltiges Wirtschaften bedeute für sie auch, dass jeder Mensch vor Gott den selben „Wert“ besitze. „Eine Mutter, die zu Hause ihre Kinder großzieht, oder jemand, der sich ehrenamtlich engagiert, ist genauso viel wert wie der Manager einer großen Firma oder der Schauspieler im Fernsehen“, betonte Käßmann, die selbst Mutter von vier Kindern ist. Eine nachhaltige Wirtschaft dürfe die „Schwachen“ nicht vernachlässigen, sondern sei vielmehr in der Pflicht, jeden Menschen gleichwertig zu behandeln. „Niemand kennt die Universallösung für die Verbesserung der Welt. Aber jeder Mensch kann an seinem von Gott gegebenen Platz etwas bewirken“, so Käßmann. Vor allem der werteorientierten Erziehung von Kindern müsse im Sinne der „Nachhaltigkeit“ mehr Achtung entgegengebracht werden. Nach dem Vortrag reichte der Moderator und Vorstandsvorsitzende der Kreis- und Stadtsparkasse Kaufbeuren Winfried Nusser das Mikrofon an die Gäste weiter. Dabei zeigte sich, dass Käßmanns Thesen im bunt gemischten Publikum, zu dem unter anderem OB Stefan Bosse und MdB Stephan Stracke (CSU) gehörten, auf breite Zustimmung stieß. „Ich habe Frau Käßmann heute als bodenständig und ihre Argumente als nachvollziehbar empfunden“, so Bosse in einem anschließenden Gespräch. Auch als Bürgermeister stehe man natürlich vor Entscheidungen in ethischen Fragen: „Gott sei dank leben wir aber in einem Land, in dem Demokratie und Gerechtigkeit zu den Grundwerten gehören und dement- sprechende Entscheidungen möglich sind“, fasste der Oberbürgermeister zusammen.

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