Zur Freiheit berufen

Serie Schule anders: Material-geleitete Stillarbeit bewährt sich bereits im vierten Jahr

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Für die Schülerinnen ist es ganz selbstverständlich, dass moderne Technik wie Tablets zum didaktischen Unterrichtsmaterial der Freien Stillarbeit gehört.

Kaufbeuren – Während sich Grund- und Hauptschulen schon aus pädagogischer Notwendigkeit seit langem um kreative Ansätze bemühen, scheinen sich höhere Schulen etwas schwerer zu tun, sich vom traditionellen Unterrichtsverständnis zu lösen. Dabei gibt es den ein oder anderen vielversprechenden Ansatz: Dazu gehört auch die Freie Stillarbeit (FSA), die in der fünften und sechsten Jahrgangsstufe des Kaufbeurer Marien-Gymnasiums bereits seit vier Jahren praktiziert wird.

Von Fachlehrern erstellte Lernkästen decken die zentralen Fächer ab: Deutsch, Englisch, Französisch, Latein und Natur-Technik, eine Mischung aus Biologie, Physik und Informatik.

Freiheit und Selbstverantwortung

Andreas Merz, der Schulleiter, unterstützt die Methodik, weil es zum christlichen Menschenbild gehöre, den jungen Menschen einen bestimmten Freiheitsraum „zuzumuten“. Für die Schülerinnen bedeutet dies sowohl Eigenverantwortung übernehmen, als auch einen eigenen Entscheidungsspielraum zu nützen. Individuell auf die Möglichkeiten und Bedürfnisse eingehen, heißt hier, die Schülerinnen selbst entscheiden zu lassen, wann sie welche Unterrichtsstoffe lernend entdecken wollen. Grenzen, in welcher Reihenfolge die Kästen bearbeitet werden, sind nur da gesetzt, wo das Verständnis von Unterrichtsmaterialien bestimmte Vorkenntnisse aus anderen Kästen voraussetzt.

Die erste Stunde des Tages steht den Schülerinnen zur Verfügung, um ihren selbst gewählten Stoff lernend zu erschließen. Ein Beispiel wird das Vorgehen verdeutlichen: Ein Englischkasten enthält ein Tablet mit dem Hörtext einer Kurzgeschichte. Es liegt ganz im Belieben der Schülerin, wie oft sie sich den Text anhört, bevor sie sich daran macht, das beigefügte Aufgabenblatt zu bearbeiten. Zum „Warmwerden“ gibt es da zunächst Multiple-Choice Fragen, bevor ein Lückentext zur Geschichte bearbeitet werden kann. Sprachlich anspruchsvoller ist dann bereits, einen freien Text zu formulieren – auf Englisch, versteht sich.

Zum Abschluss können dann mit einer getrennt vorliegenden Musterlösung die eigenen Ergebnisse verglichen und gegebenenfalls selbst korrigiert werden. Für fleißige und begabte Schülerinnen besteht die Möglichkeit, Zusatzkästen zu bearbeiten.

Verständlich, dass sich die Rolle des Lehrers ändert. Neben der notwendigen Aufsichtspflicht, gehört es zu seinen Aufgaben, das fachspezifische Lernfeld zusammen zu stellen und die Aufgabenblätter zu korrigieren. Dabei gilt es das selbständige Vorgehen der Schülerinnen aufmerksam zu beobachten, schließlich muss er eine organische Verbindung schaffen zu seinem sonstigen Fachunterricht. Nicht immer einfach, denn durch die individuelle Auswahl der Lerninhalte, kann der Kenntnisstand zu einem bestimmten Stoff im „normalen Unterricht“ recht unterschiedlich sein.

Mehr als nur Wissen

Fachlehrer Florian Aurbacher räumt ein, dass die Beurteilung dieses didaktischen Vorgehens von Eltern, Schülerinnen und auch vom Lehrpersonal sehr unterschiedlich ausfällt. Er selbst ist ein eifriger Verfechter der Methode, zu der er sogar eine spezielle Zusatzausbildung machte. „Dieser Ansatz der FSA gehört zum Anspruch einer kirchlichen Schule, weil auf jede Schülerin mit ihren Stärken und Schwächen eingegangen werden kann“, erklärte er.

Dafür spricht auch, dass die Methodik zum pädagogisch ausgeklügelten Marchtaler Plan gehört, einem Konzept für die Katholischen Freien Schulen in der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Hier finden sich wesentliche Ansätze der Montessori-­Pädagogik und des pädagogischem Reformprogramms von Peter Petersen. Da die Anwendung des Stoffs und die Selbständigkeit der Schülerinnen grundlegende Elemente darstellen, geht das pädagogisch bewährte Vorgehen auch in Richtung der vom Kultusministerium eingeforderten „Kompetenzorientierung.“

Die aktive Auseinandersetzung mit dem Stoff hilft auch laut Aurbacher, sich vertieft Wissen anzueignen. Aber es geht um mehr: Werte wie Selbständigkeit, Selbstverantwortung, Kreativität und zielgerichtetes Lernverhalten bekommen einen nicht zu vernachlässigenden Stellenwert. Wenn nicht für die Schule, sondern für das Leben gelernt werden soll, geht es doch gerade darum, was die moderne Gesellschaft und Wirtschaft von diesen Werten braucht und brauchen wird.

von Peter Suska-Zerbes

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