Die Erinnerungen sind weg

Sexueller Missbrauch: Verfahren wegen Gedächtnislücken eingestellt

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Symbolfoto

Kaufbeuren – Hat der Angeklagte eine 35-jährige Frau Ende Juni in einer Bar in Neugablonz sexuell bedrängt und ihr an die Brust gefasst? Weder der Beschuldigte noch das angebliche Opfer konnten sich vor dem Kaufbeu­rer Amtsgericht erinnern, was genau in der fraglichen Nacht passiert ist, weil sie damals Alkohol getrunken hatten. So kam es im Verfahren gegen einen 38-jährigen Mann aus Kaufbeuren in der Sache zu keinem Urteil. Er wurde aber zu einer Geldstrafe wegen Beleidigung verurteilt.

Der Deutsch-Russe aus Kaufbeu­ren, der wegen Trunkenheit im Verkehr bereits strafrechtlich in Erscheinung getreten ist, soll laut Anklage in einer Kneipe in der Gewerbestraße mit der Frau an der Bar ins Gespräch gekommen sein und mit ihr reichlich Alkohol getrunken haben. Im Verlauf des Gesprächs soll er gesagt haben, er wolle Sex mit ihr. Er soll ihr an die Brust gefasst haben. Als die Frau die Bar verließ, soll er ihr nachgegangen sein, sie nochmals begrapscht haben. Außerdem habe er seine Hose und sein Hemd geöffnet. Einem der hinzugerufenen Polizeibeamten habe er beide Mittelfinger gezeigt. Er wurde daher beschuldigt, sich in einen Alkoholrausch versetzt und in dem Zustand sexuellen Missbrauch an der Frau begangen und zusätzlich den Polizeibeamten beleidigt zu haben.

Bei der Befragung beteuerte der Angeklagte gegenüber dem Richter mehrmals, dass er sich an fast nichts mehr erinnere. Er habe an diesem Tag schon nachmittags um 14 Uhr angefangen, auf dem Geburtstag seiner Schwester Wodka zu trinken. Im Anschluss sei er in die Bar gegangen, wo er die 35-Jährige kennen lernte. Sie hätten sich gut verstanden und zusammen Bier und Schnaps getrunken. Dann höre seine Erinnerung an den Abend auf. Er wisse auch nicht, ob Zärtlichkeiten ausgetauscht wurden.

Keine Erinnerung

Ähnlich schilderte auch die 35-Jährige den Abend. Sie sei nach einem Streit mit ihrem Freund in die Bar gegangen und habe dort „zwei Bier und bisschen Schnaps“ getrunken und „mit dem Herrn geredet“. Er habe einen netten Eindruck auf sie gemacht. Bestimmt hätten sie sich auch mal umarmt, sagte sie auf Nachfrage des Richters. Sie habe „spaßeshalber mitgemacht“, Getränke gerne angenommen, wisse aber nicht mehr was genau geredet wurde. Der 38-Jährige habe irgendwann „Äußerungen gemacht“, ob sie Lust auf Sex mit ihm hätte, worauf sie „schockiert reagiert“ und verneint habe. Der Angeklagte habe ihr einmal an die Brust gefasst, was ihr unangenehm gewesen sei. Auf dem kurzen Nachhauseweg zu einer Bekannten, wo sich auch ihr Freund aufhielt, sei der Angeklagte ihr hinterher und habe ihr nochmals an die Brust gefasst. Auf ihre Schreie seien Anwohner aufmerksam geworden, dann sei auch schon die Polizei gekommen. Der Richter konfrontierte sie mit ihrer Zeugenaussage von Mitte Juli. Damals habe sie gesagt, der Mann habe sie in der Bar am Unterarm und an den Oberschenkeln gestreichelt. „Was stimmt?“, fragte der Richter. Ihre Antwort: „Ich weiß es nicht mehr“. Sie könne sich auch nicht mehr erinnern, ob er sie draußen an die Schulter oder die Brust gefasst habe.

Ihr Lebensgefährte sagte im Zeugenstand, er habe sie in der Juni­nacht „durcheinander und aufgewühlt“ wahrgenommen, als er wegen ihrer Schreie auf die Straße gegangen sei. Von der angeblichen Tat mitbekommen habe er nichts. Der Angeklagte habe auf ihn nicht den Anschein gemacht, dass er noch Herr seiner Sinne gewesen sei. Was er und der Polizeibeamte als weiterer Zeuge bestätigen konnten, ist, dass die Hose und das Hemd des Beschuldigten geöffnet waren. Der Beamte bewies die Beleidigung gegen ihn mittels Mittelfinger durch Fotos.

Die Staatsanwältin stellte in ihrem Plädoyer fest, dass der Mann die Beleidigung unter erheblicher Alkoholisierung, die er billigend in Kauf genommen hat, beging. Sie forderte als Strafe 40 Tagessätze zu je 20 Euro. Sicherlich habe der 38-Jährige die Frau belästigt, nur könne nicht geklärt werden, in welcher Weise dies geschah, so der Richter. Er hielt dem Mann zugute, dass er seit dem Vorfall nicht mehr trinke. Weil man ihm nichts genaues nachweisen konnte, wurde der Angeklagte nur wegen der Beleidigung unter vorsätzlichem Vollrausch mit verminderter Schuldfähigkeit zu einer Geldstrafe von 40 Tagessätzen zu je 30 Euro verurteilt. Das Urteil ist rechtskräftig.

Martina Staudinger

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