Sich stärker vernetzen

„Es geht nicht nur darum, ob Amok- läufe möglich sind, sondern wie kann man Gefahren erkennen“ und gegebenenfalls verhindern, sagte Landrat Johann Fleschhut anlässlich eines Runden Tisches zur Gewaltprävention im Ostallgäu in der Aula der Marktoberdorfer Realschule. Hintergrund dieser Zusammenkunft von Vertretern der Kindergärten, Schulen, Schulpsychologen, Schülern, Polizei, Jugendsozialarbeitern und Schützen und Jägern war es „durch Zusammenarbeit und Vernetzung in punkto Sicherheitsfragen“ die Möglichkeiten und Perspektiven im Landkreis zu verbessern, so der Landrat.

Nicht nur seit dem Amoklauf im thüringischen Erfurt, sondern spätestens seit Winnenden (Baden Württemberg) ist jedem bewusst, dass solch schreckliche Taten nicht nur in den fernen USA oder in anderen Ländern passieren können, sondern direkt vor unserer Haustür. „Wir sind nicht sicher, dass nicht so etwas auch an unseren Schulen“ passieren könnte, doch bei dem Runden Tisch stand weniger die Gefahr eines Amoklaufs im Vordergrund, viel mehr ging es darum darzustellen, was im Landkreis alles getan wird, um mögliche Gefahren schnell zu erkennen und eine Eskalation schon im Keim zu ersticken. Aus diesem Grund erhielten die verschiedenen Vertreter die Möglichkeit ihre Beobachtung oder auch Arbeit kurz vorzustellen. Für eine stärkere Vernetzung plädierte unter anderem die Leiterin des Schulamtes, Eva Severa-Saile, denn keiner „kann mit einem einzelnen Projekt erfolgreich sein“. Dass Kindern schon früh zur Seite gestanden werden müsste, verdeutlichte Gerlinde Haslbauer, Leiterin des Kindergartens Geisenried. Kinder müssten schon in jungen Jahren lernen konstruktiv zu streiten und dadurch mit „Konflikten sinnvoll umzugehen“, sprich „raufen und rangeln mit Respekt“. Großes Problem sei aber vor allem der fehlende Platz und zu wenig Fachpersonal, bemängelte Haslbauer. „Viele Konflikte entstehen erst dadurch, dass zu wenig Zeit ist“, führt die Kindergartenleiterin weiter aus. Einen sehr rauen Umgangston unter den Schülern können hingegen die Jugendsozialarbeiter Silvia Schwarz, Berufsschule Ostallgäu, und Martin Klotz, Hauptschule Marktoberdorf, stellvertretend für alle Jugendsozialarbeiter im Landkreis feststellen. Körper- liche Gewalt sei hingegen eine Ausnahme, eher „werden Stühle geworfen“ oder Gerüchte und Lügen verbreitet, berichtet Schwarz. Mobbing sei ein Thema, was die Jugendsozialarbeiter jedoch jede Woche beschäftigt, so Klotz. Stärker befassen werden sich die Jugendsozialarbeiter in Zukunft mit dem Thema „Neue Medien“. Es soll auch Kurse für Eltern geben, in denen über die neuen Medien informiert und aufgeklärt wird. Die Erarbeitung von Perspektiven sei das Bes- te für Jugendliche, um Frustrationen etc. abzubauen, ist Klotz zusätzlich der Auffassung. Schüler sachlichten selbst Nicht nur Jugendsozialarbeiter oder Pädagogen suchen den Kontakt zu Schülern und Kindern, um Mobbing, Frust oder Streit zu verhindert, auch Schüler selbst werden aktiv. Michaela Reichel geht in die 10. Klasse des M-Zweiges der Hauptschule Buchloe und ist dort seit acht bis neun Jahren als Streitschlichterin tätig. Jedes Jahr findet an der Hauptschule dazu eine Ausbildung statt. Es sei wichtig, dass man sich durchsetzen und auf andere zugehen könne, aber auch Neutralität und Verschwiegenheit seien, laut Reichel, wichtige Voraussetzungen, um Streitschlichter zu werden. Schüler wie Reichel bringen andere sich streitende Schüler an einen Tisch. Dort können sich diese durch Einhaltung von Regeln, wie den anderen aussprechen lassen und sich zuhören, über ihren Konflikt in Ruhe austauschen. Die Streitschlichter achten darauf, dass die Regeln eingehalten werden und geben sonst nur Denkanstöße, um Kompromisse zu finden. Zirka 25 Schulen und Vereine seien auf dem Portal „Netzwerk Schulbezogene Jugendarbeit Ostallgäu“ (www.kjr-ostallgaeu.de/sbja.html) vertreten, wie Erich Nieberle vom Kreisjugendring (KJR) berichtete. Ziel des KJR sei es mit seiner Arbeit, einen Beitrag zur Förderung der Persönlichkeitsentwicklung zu leisten. Deshalb gebe es Projekte, wie „Klettern in der Kletterhalle“ an der Hauptschule in Füssen in Kooperation mit dem Deutschen Alpenverein der Sektion Füssen oder „Schüler helfen Schülern“, ein Nachhilfeprojekt für SchülerInnen mit Migrationshintergrund an der Hauptschule in Buchloe in Zusammenarbeit mit dem Türkischen Elternverein. Neu dazu kommen soll jetzt das Projekt „Vereinspraktika“. Schüler der Don-Bosco-Schule Marktoberdorf sollen dann auch Praktika bei verschiedenen Vereinen absolvieren können. Das Jugendamt Ostallgäu sei bei Gewalt auf Hinweise angewiesen, machte Axel Berschwinger vom Jugendamt hingegen deutlich. Hilfsangebote gebe es jedoch beim Jugendamt viele, wie Erziehungs- beratung, Therapien oder Erziehungsbeistand. In Härtefällen könnte das Jugendamt auch eine Inobhutnahme veranlassen. Viele Trittbrettfahrer Zwei bis drei Wochen nach einem Amoklauf sei es normal, dass es viele Trittbrettfahrer gebe, berichtete Ludwig Kögel vom Polizeipräsidium Kempten. Dies sei allerdings kein Spaß und „solche Drohungen werden sehr strikt verfolgt“, sagte Kögel. Des Weiteren betonte Kögel, dass „wir mit legalen Waffenbesitzern keine Probleme haben.“ Gerade die Jäger und Schützen gingen sehr sinnvoll mit ihren Waffen um. Den guten Umgang mit den eigenen Schusswaffen konnten auch Hans Kollmann, Schützengau Ostallgäu, und Hermann Koch, Jagdschutz und Jägerverband Füssen, an dem Nachmittag in Marktoberdorf bestätigen. Nicht nur eine sichere Aufbewahrung in einem genormten Waffenschrank, sondern auch eine Überprüfung der richtigen Aufbewahrung durch die Waffenbehörde sei jederzeit möglich, wie sie berichteten. Und als Zeichen dieser freiwilligen Transparenz unterzeichneten der Sportschützengau Kaufbeuren- Markt- oberdorf, der Schützengau Ostallgäu, die Jägervereinigung Marktoberdorf, der Jagdschutz und Jägerverein Kaufbeuren und Füssen eine Erklärung (Bericht folgt). Denn immer wieder geraten die Schützenvereine und Jäger in die „Schusslinie“ der Medien und Politiker, wenn ein Amoklauf passiert. Koordinierungsstelle Als Ergebnis des Runden Tisches forderten die Anwesenden nicht nur eine stärkere Vernetzung und einen intensiveren Austausch, sondern auch mehr Einblick in die Arbeit des jeweils anderen. „Auch wenn wir auf einem guten Stand sind, müssen wir uns weiter orientieren und entwickeln“, betonte Fleschhut und bot gleichzeitig an, dass das Landratsamt als Koordinierungsstelle fungieren könnte, um beispielsweise Anfragen für ein weiteres Zusammentreffen abzustimmen.

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