Wie soll es weiter gehen?

Der Einzelhandel gerät auch in Kaufbeuren infolge der Corona-Pandemie in Existenznot

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Maximilian Fischer, Einzelhändler und Vorstandsmitglied der Aktionsgemeinschaft Kaufbeuren.

Kaufbeuren – Die mit der Corona-Pandemie verbundenen Beschränkungen des wirtschaftlichen Lebens treffen vor allem kleine und mittelständische Unternehmen, die über nur geringe Reserven verfügen. Hier geht es in allernächster Zukunft um die nackte Existenz, trotz staatlicher Überbrückungshilfen und in Aussicht gestellter günstiger Kredite. Maximilian Fischer, Einzelhändler in Kaufbeuren und aktiv in einschlägigen Verbänden, sieht hier dringenden Handlungsbedarf. Gebraucht wird vor allem eine Exit-Strategie bei den Beschränkungen von Handel und Dienstleistungen.

Maximilian Fischer, Geschäftsführer der Cigarren Ruf GmbH in Kaufbeuren, hat in diesen Tagen wenig Zeit. „Ich liefere derzeit auf Bestellung ins Haus, das ist die einzige Möglichkeit, etwas Umsatz zu generieren“, erklärt er. Allerdings ist das nur ein Tropfen auf den heißen Stein. „Mit dem Lieferservice“, so seine Einschätzung, „lassen sich pro Woche vielleicht fünf Prozent der Umsatzeinbußen ausgleichen. Seit Mitte März liegen die jedoch bei über 50.000 Euro.“

Wie Fischer geht es momentan vielen kleinen Einzelhändlern in Kaufbeuren und im Ostallgäu.

„Dem von den staatlich verordneten Ladenschließungen betroffenen Einzelhandel wurde von einem Tag auf den anderen die Geschäftsgrundlage entzogen. Viele dieser Händler sind Mittelständler, die plötzlich und ohne eigenes Verschulden um ihr wirtschaftliches Überleben kämpfen müssen“, schätzt auch der Bayerische Handelsverband HBE ein, der in Kaufbeuren von Fischer vertreten wird.

Maximilian Fischer ist zudem auch Vorstandsmitglied der Aktionsgemeinschaft Kaufbeuren, hat also einen guten ersten Überblick über die Probleme und Entwicklungen. „Ich selbst vermag noch über Liefergeschäfte ein wenig Umsatz zu machen, das geht vielleicht auch bei einigen Restaurants. Kleinere Textilgeschäfte und Dienstleister wie Frisöre können jedoch unter den derzeit gültigen Bedingungen überhaupt nichts mehr verdienen. Und in anderen Branchen, etwa der im Allgäu so wichtigen Hotellerie, kommt auch kein Geld mehr herein. Dadurch sind natürlich auch die Zulieferer betroffen.“

Selbst die staatlichen Hilfen von 5000 oder 9000 Euro werden da nicht lange das Überleben sichern. Sie können lediglich helfen, die allernötigsten Kosten und Verpflichtungen abzudecken, welche auch unter den derzeitigen umfassenden Einschränkungen und kurz nach deren Lockerung oder Aufhebung zu tragen sind. Fischer setzt hier strikte Prioritäten. „Es ist klar, dass wir einige Zeit ganz stark ,auf Sparflamme kochen‘ müssen, also keinen Gewinn erwirtschaften können. Als Händler und Dienstleister, die schon immer mit und für Menschen gearbeitet haben, teilen wir die Ansicht, dass es jetzt in erster Linie um die Sicherung und Aufrechterhaltung der Gesundheitsversorgung gehen muss. Wir und unsere Angestellten haben zudem auch Familienmitglieder, um die wir uns derzeit sorgen. Aber dennoch müssen wir uns bereits heute auf die Zeit danach vorbereiten.“

Die „Zeit danach“

Und tatsächlich – was wird sein, wenn die Ausgangsbeschränkungen aufgehoben werden? Wie reagiert die gesamte Wirtschaft auf die inzwischen ausgelöste Krisensituation? Inwieweit ist eine Rückkehr zu den Bedingungen in der Zeit vor der Pandemie möglich? Diese Fragen stellen sich heute nicht nur Händler wie Fischer, sondern auch Unternehmer in der Industrie, Dienstleister Heimarbeiter, Kurzarbeiter, Menschen in Quarantäne – eigentlich wir alle. Vor allem: Wie kann ich mich auf die „Zeit danach“, vor allem die Übergangszeit vorbereiten, welche Einschränkungen werden noch wie lange gelten?

Der HBE jedenfalls findet es „irritierend, wenn Kanzlerin Merkel sich weigert, einen politischen Plan für den Exit aus dem Corona-Stillstand vorzulegen. Auch wenn der weitere Verlauf der Pandemie aktuell noch nicht absehbar ist, machen wir gegenüber der Politik und der Öffentlichkeit deutlich, dass wir jetzt endlich so einen Plan brauchen. Nicht irgendwann, sondern so schnell wie möglich“, gab der Verband bekannt.

Für die Selbsthilfe hingegen stehen nach Fischers Meinung momentan nur einige wenige und begrenzte Möglichkeiten zur Verfügung. Eine davon ist die Plattform www.helfenkaufbeuren.de. Hier können Kunden ihre Lieblingshändler oder Gastronomen durch den Kauf von Gutscheinen unterstützen, die nach Wiedereröffnung eingelöst werden (wir berichteten). Viele Geschäfte in Kaufbeuren haben auch ihre Öffnungszeiten geändert und bieten einen Lieferservice an. Die Aktionsgemeinschaft Kaufbeuren sammelt dazu die aktuellen Informationen und veröffentlicht sie auf ihrer Website www.­aktionsgemeinschaft-kf.de.

„Derartige Aktionen sind auch psychologisch wichtig“, schätzt Fischer ein. „Sie schaffen ein lokales Gemeinschaftsgefühl, das wir in Zukunft sicher noch brauchen werden. Und sie zeigen, dass wir, die kleinen und mittelständischen Händler und Dienstleister, noch da sind.“

Der Handelsverband Bayern hat inzwischen zusammen mit den anderen Landesverbänden sowie dem Handelsverband Deutschland eine eigene Exit-Strategie erarbeitet. Im Kern will er eine rasche Ladenöffnung, wenn entsprechende Vorsorgemaßnahmen ergriffen werden. 

Maximilian Fischer hat für sein Geschäft schon diesbezügliche Vorbereitungen getroffen. „Es kommen Marker auf den Boden für die Sicherheitsabstände, Plexiglasscheiben im Verkaufsbereich, Schutzmasken“, zählt er auf. Und auch das Online-Geschäft wird er weiter ausbauen. Das erwartet er auch bei anderen Geschäftsleuten. „Da ist noch viel Platz nach oben. Der Gegensatz von stationärem Handel und Online-Handel ist schon lange kein Thema mehr. Alle Händler und Dienstleister sind ja inzwischen bereits mehr oder weniger digital aktiv.“

Vor allem aber wünscht sich Maximilian Fischer mehr Planungssicherheit, die nach seiner Einschätzung ein Lebenselixier des Handels ist. „Jedes Stückchen Normalität, die jetzt zurück kehrt, werden wir, ebenso wie unsere Kunden, mit Freude begrüßen“, kündigt er an.

von Ingo Busch

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