Im Schatten Luthers

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Stolz präsentieren den neuen Band Elisabeth Bauer (v. li.), Hieram Kümper, Brigitte Fischer und Stefan Dieter.

Kaufbeuren – Die Reformation hat viele Gesichter. Dank des Buchdrucks sind die Bekannteren: Luther, Calvin, Zwingli. Nachdem der Stein des Zweifels erst einmal losgetreten war, brach eine gewaltige Lawine von unterschiedlichen theologischen Lehrmeinungen über Europa herein. 1517 stellte nur den Anfang dar. Das Gedenkjahr ist auch in Kaufbeuren Anlass genug, der Frage nachzugehen, welche der etwas weniger bekannten Reformatoren das Glaubensleben in der Wertach-Stadt in dieser Umbruchsstimmung mitbestimmten.

Schon der Titel des Sonderbands „Quellen der Kaufbeurer Reformationsgeschichte“ stellt klar, dass mit Originaltexten versucht wird, den tatsächlichen historischen Umständen auf den Grund zu gehen. Es sei gleich vorweg gesagt: Wieder einmal ist mit dem Band 17 der Kaufbeurer Schriftenreihe ein kleines Meisterwerk der historischen Heimatforschung entstanden. Die sprachliche Darstellung ist nach einer kurzen Einarbeitungszeit auch für interessierte Laien zugängig. Die anspruchsvolle Umsetzung wird aber auch hohen wissenschaftlichen Standards gerecht.

Eindrucksvolle Buchpräsentation

Die Herausgeber Stadtarchiv, Stadtmuseum, Heimatverein Kaufbeuren und der Bauer Verlag Thalhofen, der seit 1999 für Druck und Veröffentlichung der historischen Schriftreihe zuständig ist, luden kürzlich zur Präsentation der Neuerscheinung ins Matthias Lauber Haus ein. Optimale Rahmenbedingungen: Vollbesetztes Haus. Viele bekannte Gesichter aus Politik und Kultur.

Die Präsentation ist sehr konzentriert und zeigt sich von der allerbesten menschlichen Seite. Gar nicht hochtrabend akademisch sondern wortgewandt und volksnah gibt sich Mitverfasser Prof. Dr. Hiram Kümper von der Universität Mannheim. Er zeichnet für den ersten Schwerpunkt des Buchs, die Schwenckfelder, verantwortlich. Die Zusammenhänge sind von ihm rasch geklärt: Caspar Schwenckfeld rechnet zu den heute etwas weniger bekannten Gesichtern der Reformation. Das war nicht immer so. Mitte des sechzehnten Jahrhunderts hatte er in Kaufbeuren, überhaupt in Süddeutschland und Schlesien, eine zahlreiche Anhängerschaft. Auf Wunsch einiger Kaufbeurer Bürger vermittelte Schwenckfeld den Pfarrer Burckhardt Schilling an die Wertach. Von diesem Pfarrer Schilling stammt der im Original aufgenommene Text „Traktat von der wahren und falschen Kirche“. Während sich viele der bekannteren Reformatoren mehr und mehr radikalisierten, wirkte Schilligns theologisches Werk eher vermittelnd zur katholischen Kirche. Gut für Kaufbeuren, denn dort schwankten die Gläubigen zwischen katholischer Kaisertreue und schwenckfeldischer Reformation.

Zweiter Schwerpunkt

Menschlich bewegend war es auch, als Brigitte Fischer erzählte, wie sie zur Mitautorin des zweiten Schwerpunkts dieses Buches wurde. „Ich kam dazu wie eine Jungfrau zum Kind“, gestand sie lächelnd. Nach liebevollem Drängen übersetzte sie eine Doktorarbeit des Kaufbeurer Pfarrers Hieronymus Merz aus dem Lateinischen. Das Original von 1733 befindet sich im Archiv der Dreifaltigkeitskirche in Kaufbeuren. „Die Geschichte des Lebens und der Kontroversen des Viktorin Strigel“ beschreibt die religiöse Gedankenwelt des 1524 in Kaufbeuren geborenen Theologen. Die Schrift vermittelt einen anschaulichen Zugang zum sich neu orientierenden Glaubensleben im Allgäu.

Die Zuhörer waren rundweg zufrieden mit dieser thematisch abgerundeten Veranstaltung. Der aus Kaufbeuren stammende Historiker Dr. Stefan Dieter stellte präzise und gut verständlich die zeitlichen und religiösen Bezüge am Beispiel konkreter Musikstücke aus dieser Zeit her. Vielen ist er als Mitautor des Bands 13 mit dem Titel „Reformation und Politik“ aus dem Jahr 2014 bekannt. Inhaltlich ergänzen sich die beiden Bände sehr gut. Wichtig für die entspannte Atmosphäre war nicht zuletzt die Musikerin Marianna Wunder, die am Klavier die von Dieter angekündigten zeitgenössischen religiösen Werke beeindruckend spielte.

Die Schriftenreihe ist u.a. unter www.verlag-bauer.de erhältlich

von Peter Suska-Zerbes

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