„Kommando zurück!“

LKA stürmt fälschlicherweise Wohnung von Marktoberdorfs Stadtrat Nieberle

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Spezialeinsatz des LKA in Marktoberdorf. Warum sich die Beamten wohl in der Tür geirrt haben?

Marktoberdorf – Die Geschichte, die hier folgt, könnte aus dem Kino stammen: „Mission Impossible“ live aus Marktoberdorf. „Wir kamen uns tatsächlich vor wie im Film“, sagt Erich Nieberle. Er schüttelt den Kopf, als wirke die Erinnerung immer noch nicht real und beginnt zu erzählen.

Sehr früh an einem Juni-Morgen des vergangenen Jahres werden Erich Nieberle und seine Frau Regina Renner durch Geräusche wach, die sie zuerst im Flur des Mehrfamilienhauses, dann direkt in ihrer Wohnung vermuten. Sekunden später geschieht dann das Unfassbare: Drei schwarz vermummte Männer mit ihren Waffen im Anschlag stürmen das Schlafzimmer und stehen vor dem Bett des Ehepaars. „Polizei!“ Und „Bewegen Sie sich nicht!“ lautet die barsch gebellte Aufforderung. Nieberle und seine Frau rühren sich nicht.

„Kommando zurück! Wir sind hier falsch“

Erst nach einigen, sehr langen Momenten kommt Unruhe in die drei Männer des Sondereinsatzes. Sie schauen sich um, sie schauen sich an und einer sagt leise: „Ich glaube, wir sind hier falsch.“

Auch in Erich Nieberle und Regina Renner kommt Leben, doch die junge Frau – schwanger mit ihrem ersten Kind – steht noch unter Schock. „Sie fragten uns nach einer anderen Adresse im Haus und zogen wieder los“, erzählt sie entgeistert. „Die haben das gleiche Programm an der zweiten Wohnungstüre wieder durchgezogen.“ Erst einiges später, es ist Frühstückszeit geworden, kommt der Einsatzleiter des Bayerischen Landeskriminalamt (BLKA) für ein klärendes Gespräch zurück in die Wohnung von Erich Nieberle und Regina Renner. Der Kriminalhauptkommissar entschuldigt sich für das gewaltsame Eindringen und verspricht eine unkomplizierte Regelung für die beschädigte Eingangstüre. Weil die neun Wohnungen des Hauses in der Hohenwartstraße nicht über Namensschilder entlang des Treppenhauses verfügen, ist es vermutlich zum Irrtum in der Wohnungstüre gekommen. Später bestätigt das BLKA in einem Schreiben an Nieberle, das dem Kreisbote vorliegt, eine „versehentliche Wohnungsöffnung“.

Doch die Eheleute bleiben verunsichert. Immerhin steht auf der Visitenkarte des Einsatzleiters der Zusatz „Operatives Terrorismus­abwehrzentrum Bayern“. Erich Nieberle fragt den Polizeibeamten denn auch gerade heraus: „Leben wir denn mit Terroristen unter einem Dach?“ Der Einsatzleiter beruhigt. Tatsächlich stellt sich heraus, dass auch der vom ­BLKA Gesuchte nach nur zwei Tagen wieder zurück bei seiner Familie ist. Ein Verdacht habe sich nicht bestätigt. Regina Renner ist entrüstet: „Ein so krasses Vorgehen bei solch vagen Verdachtsmomenten halten wir für sehr bedenklich.“

Kommt es denn öfter vor, dass sich Spezialeinsatzkräfte in der Türe irren? Diese Frage hat der Kreisbote an Karl-Heinz Segerer gestellt, den Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Bayerischen Landeskriminalamts. Segerer verneint. Ihm sei in zwölf Jahren als Pressesprecher kein zweiter Fall bekannt. Dem Entschädigungsanspruch sei man darüber hinaus im Rahmen der rechtlichen Möglichkeiten entgegen gekommen. Erich Nieberle hatte seine Wohnungstür ersetzen lassen, da sie Kratzer sowie Schäden in der Abdichtung aufwies. Allerdings ist er auf einem Eigenanteil von 90 Euro für den Austausch der alten Tür durch eine neue sitzengeblieben. „Spätestens zu dem Zeitpunkt ist uns der Kragen geplatzt“, sagt er deutlich angefressen und nennt dies auch als Grund, warum er dann doch so spät mit den Vorkommnissen an die Öffentlichkeit ging. Das BLKA verweist jedoch in einem weiteren Schreiben auf strenge Vorgaben. „Ein Verzicht auf den Abzug neu für alt kam nicht in Betracht, da die mit dem Austausch der Tür einhergehende Aufwertung der Immobilie nicht vom Staat beziehungsweise dem Steuerzahler zu tragen ist.“ „Wir hätten uns nach diesem dilettantisch anmutenden Einsatz eine schnelle und unbürokratische Regelung erwartet“, meint Nieberle dennoch.

von Angelika Hirschberg

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