Ausgebremst

Städtischer Kulturbetrieb coronabedingt auf Sparflamme – „Stadtlesen“ im August

Marktoberdorfer Künstlerhaus
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Leere Säle allerorten. Modeon und wie im Bild das Marktoberdorfer Künstlerhaus sind geschlossen und können keine Veranstaltungen anbieten. Mit ihren Planungen fährt die Stadt weiter auf Sicht.

Marktoberdorf – Das „Tal der Tränen“ sei noch nicht durchschritten, stellte Bürgermeister Dr. Wolfgang Hell am Ende der jüngsten öffentlichen Sitzung des Kulturausschusses etwas frustriert fest. Und auch Kulturamtsleiter Rupert Filser wirkte wenig zuversichtlich, als er die Stadträte über die Entwicklungen der laufenden Bühnen-Spielzeit im Modeon unterrichtete: „Sollte der Lockdown anhalten, wäre die Spielzeit 20/21 ohne eine einzige Veranstaltung vonstatten gegangen. Auch die Planungen für den Start der kommenden Bühnensaison gestalten sich sehr schwierig.“

Aktuell sind alle Veranstaltungen im Modeon bis Ende Februar gestrichen. Ob das Theaterstück „Die Physiker“, das eigentlich am 1. März im Modeon aufgeführt werden sollte, tatsächlich stattfinden kann, sei laut Filser ebenfalls äußerst fraglich. Gänzlich abgesagt wurden Aufführungen wie „Der Mann von La Mancha“ und „Mutter Courage“. Lediglich zwei Veranstaltungen konnten auf die kommende Spielzeit verschoben werden. Es sind dies „Tod auf dem Nil“ (ursprünglich für den 26. November 2020 geplant), ein Kriminalstück, das nun für den 1. Oktober 2021 vorgesehen ist und das Ballett „Schwanensee“, das vom 5. Dezember 2020 auf den 3. Dezember 2021 geschoben wird. Auch hier wies Rupert Filser auf die allgemein unsichere Planungslage hin. Er sprach von einem andauernden Termingeschacher, das zwangsläufig in einem Terminstauende.

Finanziell sei die Stadt allerdings mit einem blauen Auge davon gekommen. Da, wo Ausfallhonorare zu zahlen gewesen seien, sei der Freistaat mit Förderungen eingesprungen. Richtig schlimm allerdings, so der Bürgermeister, treffe es die Ensembles. „Es stehen Existenzen auf dem Spiel“, so das Stadt­oberhaupt.

„Stadtlesen“ und Ausstellungen

Nicht das Modeon, sondern der öffentliche Raum soll Bühne für ein Literaturfest der besonderen Art in Marktoberdorf 2021 sein. Rupert Filser gab bekannt, dass Marktoberdorf als eine von 282 nominierten Städten für die Veranstaltung „Stadtlesen 2021“ ausgewählt worden war. Insbesondere der Kunstverein hatte sich für dieses Vorhaben eingesetzt. „Stadtlesen“ nennt sich die Lesegenusstour, die auf den schönsten Plätzen europäischer Städte ein Lesewohnzimmer im öffentlichen Raum mit über 3.000 aktuellen Büchern aus allen Genres bei freiem Eintritt anbietet. Als Highlight wird außerdem eine Lesung mit einem hochkarätigen Lesetestimonial inszeniert. 28 Städte nehmen 2021 an diesem Festival teil. In Marktoberdorf soll es vom 12. bis zum 15. August zum Lesegenuss kommen. Allerdings nur, wenn es die Corona-Lage denn zulasse, benannte Filser den Wermutstropfen der derzeitigen Planung.

Überhaupt hat es die Kultur schwer, Highlights in diesem Jahr zu setzen. Die Arbeit der städtischen Museen beschränke sich aktuell auf die Arbeit in Registratur und Archiv, wie Museumsleiterin Josephine Berger dem Gremium bedauernd mitteilte. Da Besucher im städtischen Archiv derzeit nicht zugelassen sind, übernehmen die städtischen Historiker auch die externen Rechercheanfragen. „Wir haben alle Hände voll zu tun.“ Der Kulturamtsleiter ergänzte, dass die renommierte Ostallgäuer Kunstausstellung, die im Künstlerhaus nur wenige Tage vor Schließung durch den Lockdown eröffnet hatte, bis Mitte April verlängert werde. „Wir hoffen, die Ausstellung im März und April noch für einige Wochen dem Publikum zugänglich zu machen“, so Filser.

Stadtbücherei mit guten Ausleihzahlen

Hoffnung in schwierigen Zeiten machte den Stadträten auch der Rückblick der Stadtbücherei auf das Jahr 2020, den Bibliotheksleiterin Carmen Wittmann präsentierte. Die Ausleihzahlen seien auch im vergangenen Jahr gut gewesen (rund 170.000 ausgeliehene Medien), vergleichbar mit denen der Jahre 2017 und 2018. Allerdings, so Wittmann, habe Corona das Veranstaltungsprogramm der Stadtbücherei, die ein Ort ein Begegnung sein wolle, regelrecht ausgebremst. Nur 26 Programmpunkte seien 2020 möglich gewesen, im Vorjahr waren es über 40 gewesen. Dass die Schließzeiten (insgesamt waren es 15 Wochen) nicht ungenutzt verstrichen seien, machte Wittmann an anderer Stelle deutlich: die Systematik der Fach- und Sachbücher sei komplett umgestellt und neu sortiert worden. Außerdem konnte die Sanierung und Gestaltung der Innenräume zum Jahresanfang abgeschlossen werden. Aktuell bietet die Stadtbücherei einen kontaktfreien Abholservice und eine digitale Vorlesestunde für Kinder an.

Angelika Hirschberg

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