"Wie eine OP am offenen Herzen"

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Oberbürgermeister Stefan Bosse ist zufrieden mit dem abgelaufenen Jahr.

Kaufbeuren – Stefan Bosse ist seit zwölf Jahren und zwei Monaten Oberbürgermeister der Stadt Kaufbeuren. Mindestens genauso lange zieht er auch in unserer Zeitung am Ende des Jahres sein persönliches Fazit über das abgelaufene Jahr und wagt einen Ausblick auf kommende Ereignisse. Und er gibt gleich zu Beginn unseres Redaktionsgesprächs offen zu, dass es ihm zunehmend schwerer falle, die jeweiligen Ereignisse den entsprechenden Jahren zuzuordnen.

Kein Wunder, ziehen sich doch einige Projekte über Jahre hin. So auch der Kampf um den vierspurigen Ausbau der B12. Als heuer verkündet wurde, dass diese Maßnahme im vordringlichen Bedarf des neuen Bundesverkehrswegeplan verankert ist, war das für das Stadtoberhaupt „DIE Meldung des Jahres“.

„Es war eine unglaubliche Nachricht, die ich so nicht mehr erwartet habe“, erinnert sich Bosse im Hinblick auf die B12. Er habe in den letzten ein, zwei Jahren aus der obersten Baubehörde eher verhaltene Signale erhalten. Umso erfreuter sei Bosse nun über die aktuelle Entwicklung, stelle der vierspurige Ausbau der B12 für die Stadt Kaufbeuren doch einen „außerordentlichen Entwicklungsschub“ dar: „Es gab lange nichts Vergleichbares. Es ist ein epochales Ereignis“.

Damit sei der Weg frei für Planung und Bau. „Für die Verkehrssicherheit und wirtschaftliche Entwicklung unserer Region ist das ein großartiger Meilenstein“, fasst Bosse das Ereignis zusammen und dankt MdB Stephan Stracke für dessen „ausgezeichnete Arbeit“. Bosse selbst rechnet damit, dass es gut zehn Jahre bis zur Umsetzung des vierspurigen Ausbaus dauern werde. Mit Blick auf die angekündigte „Infrastrukturgesellschaft Verkehr/Bundesautobahngesellschaft “, die 2021 aktiv werden soll, sei man bis dahin „Herr des Verfahrens“ und müsse entsprechende Meilensteine setzen.

Feierlichkeiten zu 70 Jahre Neugablonz

Ein Höhepunkt war für OB Bosse auch der 11. September. Bei strahlendem Wetter seien viele Menschen zum Bürgerfest nach Neugablonz gekommen. Darunter 300 Ehrengäste aus Politik, öffentlichem Leben und vor allem viele Menschen, die Flucht und Vertreibung nach dem zweiten Weltkrieg persönlich erleben mussten. Alle seien zum Festakt ins Gablonzer Haus gekommen. Bosse erinnert sich an die Rede des Bayerischen Innenministers Joachim Herrmann. Dieser habe die enorme Aufbauleistung in Neugablonz gelobt und wie schnell die neu begründete Gablonzer Industrie Bestandteil des deutschen Wirtschaftswunders geworden sei.

„Tief bewegt“ sei Bosse aber vor allem von der Ansprache des Primator Petr Beitl, Oberbürgermeister von Gablonz an der Neiße, gewesen. Dieser habe sich unter anderem vor den Gräbern der Deutschen verneigt und die Vertreibung sehr bedauert. Er zollte Hochachtung für die Aufbauleistung und die innere Stärke der Neugablonzer, die groß genug gewesen sei, die Barrieren von Hass und Verbitterung zu überwinden. „Solche Worte sind nicht selbstverständlich und wären früher undenkbar gewesen“, so Bosse. Die bestehende Städtepartnerschaft sei eine große Bereicherung für Kaufbeuren.

Behördenverlagerung

Auch die Behördenverlagerungen der Bayerischen Staatsregierung nach Kaufbeuren bringe Kaufbeuren weiter voran. So hätten heuer weitere Mitarbeiter des Freistaates ihren Dienst in Kaufbeuren angetreten. Bosse erinnert an die Staatsminister Dr. Markus Söder und Dr. Marcel Huber, die heuer die neuen Dienststellen vom Landesamt für Finanzen und der Bayerischen Staatskanzlei im Zuge der Behördenverlagerung nach Kaufbeuren kürzlich ihrer Bestimmung übergeben haben. Parallel zur vorübergehenden Anmietung plane der Freistaat Bayern für die Beschäftigten ein neues Behördenzentrum zwischen Bahnhof und Kaufbeurer Altstadt (wir berichteten). Welchen Standort der Freistaat favorisiert, stehe laut Bosse noch nicht fest. Aktuell laufen hierzu die Untersuchen der Behörde. Gleiches gelte auch für das anvisierte neue Polizeigebäude.

Voll im Plan beim Eisstadion

Weitere Meilensteine seien für Bosse der Spatenstich und das kürzliche Richtfest für das neue Eisstadions gewesen. „Die Arbeiten laufen wetterbedingt hervorragend und wir sind absolut im Zeitplan“, freut sich das Stadtoberhaupt. Auch finanziell liege man voll im Kostenrahmen. Bosse ist zuversichtlich, dass dies auch so bleibt, denn immerhin seien bereits über 90 Prozent der Auftragsvergaben abgewickelt. Auch wenn es so gut läuft und das Eisstadion seine zukünftige Pracht bereits erahnen lässt, scheiden sich laut Bosse nach wie vor die Geister am Projekt. Für die Stadion-Gegner sei es weiter ein Ärgernis und eine Verschwendung von Geldern: „Die Kluft ist da“. Dies zeige sich auch am Richtfest, bei dem keine Stadträte von SPD, Grüne und FDP anwesend waren, so Bosse.

Flüchtlinge

Eine große Aufgabe für Kaufbeuren bleibe das Thema Flüchtlinge. Zwar sei der große Zustrom heuer ausgeblieben, jedoch gehe es jetzt auch um die Ausweisung derjenigen, dessen Asylantrag abgelehnt werde. Hier setzt Bosse auch auf das Verständnis der vielen ehrenamtlichen Helfer wie etwa des Arbeitskreis Asyl, wohl wissend, dass diese übermenschliches für die Integration und Betreuung der Flüchtlinge geleistet haben und leisten.

Mit Blick auf die Ereignisse in Berlin kurz vor Weihnachten zeigt sich Bosse „besorgt“, dass Menschen unsere Gastfreundschaft missbrauchen. Er hofft für Kaufbeuren, dass es hier friedlich bleibt und die Bürger der Stadt weiter herzlich und friedvoll miteinander umgehen.

Stadtrat

Nicht ganz so friedlich ging es hingegen in einigen Stadtratssitzungen dieses Jahr zu. Das ist auch Bosse nicht entgangen. Aus seiner Sicht ähneln die Stadtratssitzungen inzwischen eher Sitzungen im Landtag und den dort geführten Debatten. „Klare Positionen gepaart mit dem permanenten Versuch, politisch Kapital daraus zu schlagen“, umschreibt Bosse die Situation ohne daran Kritik üben zu wollen. Dies beschränke sich aber auf wenige Akteure, Namen wollte er jedoch nicht nennen. Bosse vermutet dahinter den Versuch, oppositionelle Politik zu machen, um sich bereits jetzt auf die Wahl vorzubereiten. Er selbst finde die für den Landtag typischen Spielregeln schade, denn der Stadtrat biete mehr Möglichkeiten zur Zusammenarbeit. Als Oberbürgermeister habe er zudem keinen Einfluss auf die Positionskämpfe, die von einigen Stadtratsmitgliedern ausgefochten werden. Diese seien zudem von langer Hand vorbereitet. Kritisieren möchte Bosse dieses Vorgehen im Sinne eines Demokratieverständnisses jedoch nicht.

Ausblick auf 2017

Auch im kommenden Jahr stehen wieder weitreichende Projekt für die Stadt an. Dazu zählt Bosse die Erweiterung des Jakob-Brucker-Gymnasiums: „Ein außerordentlich lohnender Kraftakt“.

Sanierung Fußgängerzone

Ein Kraftakt mit einem sehr sportlichen Zeitplan wird auch die Sanierung der Fußgängerzone, das „Herzstück der Kaufbeurer Innenstadt“. Die Planungen laufen laut Bosse in engem Dialog mit den Betroffenen und Bürgern der Stadt. Es sei eine „sehr sensible Baustelle“ und gleiche einer „Operation am offenen Herz“, so der Rathauschef.

Je nach Witterung sollen im Frühjahr 2017 die Bagger anrollen. Läuft alles nach Plan, sollen die Arbeiten bereits Ende des Jahres abgeschlossen sein. Um dieses Ziel zu erreichen, werde laut Bosse an mehreren Stellen parallel gearbeitet. Die einzelnen Abschnitte sollen nicht länger als 30 Meter betragen, damit Feuerwehr und Rettungsdienst jederzeit jeden Ort in der Altstadt erreichen können und auch die Belieferung des Einzelhandels in der Stadt gewährleistet ist.

Mit Blick auf die „große Politik“ und die derzeit angespannte Lage in vielen Ländern der Welt hofft Bosse, dass die Bürger es wertschätzen, in einem friedlichen und gesicherten Umfeld zu leben. „Die Stadt Kaufbeuren ist bereit, sich den Herausforderungen zu stellen“, so Bosse. Er vertraue dankbar auf das vielfältige und intensive Engagement der Kaufbeurer Bürgerinnen und Bürger.

von Kai Lorenz

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