Entlastung, Begleitung, Beratung

Steigender Pflegebedarf und Fachkräftemangel – Wie der Landkreis darauf reagieren will

Pflegerin mit Seniorin
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Zukünftig ist ein Mix aus Angeboten notwendig, um auf den steigenden Pflegebedarf im Landkreis zu reagieren.

Marktoberdorf – „Dass die Menschen älter werden, ist klar. Pflegebedürftigkeit allerdings tritt oft sehr plötzlich ein“, sagte Maximilian Bogner, Sachbereichsleiter Soziale Entwicklung im Landratsamt. Gute Beratung sei in einem solchen Fall umso wichtiger. So beschloss der Ausschuss für Soziales in seiner jüngsten Sitzung, auf den Beratungsbedarf zu reagieren und einen integrierten Pflegestützpunkt für den Landkreis Ostallgäu einzurichten.

In den kommenden zehn Jahren werde die Zahl der Pflegebedürftigen um etwa ein Drittel steigen, sagte Bogner. Der Anteil der pflegeleistenden Bürger werde jedoch sinken. „Das ist ein alarmierendes Anzeichen“, sagte der Sachgebietsleiter. Bisher sei im Landkreis dafür einiges passiert. So beschloss das Gremium des Ausschusses für Familie und Soziales Ende des Jahres 2019 das „Maßnahmenpaket Pflege 2020“. Damit steigerten sie die jährliche Fördersumme des Landkreises für ambulante Angebote von 90.000 Euro auf 120.000 Euro, darüber hinaus wurden für andere Angebote weitere 110.000 Euro bewilligt (der Kreisbote berichtete).

Zukünftig sei ein Mix aus Angeboten notwendig, um auf den steigenden Pflegebedarf zu reagieren, sagte Bogner. Aktuell würden Angehörige rund 80 Prozent der Pflege abdecken. Besonders wichtig sei die „Entlastung, Beratung und Wertschätzung“ dieser Personen, so Bogner. Um das zu erreichen, soll im kommenden Jahr ein Pflegestützpunkt eingerichtet werden.

„Es macht unbedingt Sinn eine solche Beratungsstelle einzurichten“

Bundesweit bestehe bis Ende des kommenden Jahres das Initiativrecht der Landkreise, einen integrierten Pflegestützpunkt zu errichten. Der Vorschlag an das Gremium war daher, einen solchen zum 1. Juli 2021 zu etablieren. „Es macht unbedingt Sinn eine solche Beratungsstelle einzurichten“, warb Bogner für das Vorhaben. Die Pflegeberatung werde damit auch vor Ort und im gesamten Pflegeprozess begleitend stattfinden. Denn Fragen und Probleme würden sich erst nach und nach ergeben, sagte der Sachbereichsleiter. Diese spezielle Beratung beinhalte umfassende, unabhängige und kostenfreie Auskunft und Beratung inklusive eines „Case-Managements“ mit Besuchen vor Ort.

Nur ein Sechstel der Kosten habe der Landkreis selbst zu tragen, sagte Bogner. „Das ist dann Personal des Landkreises, aber mitfinanziert von anderen Trägern“, erklärte der Sachgebietsleiter. Pro 60.000 Einwohner sei eine Vollzeitstelle vorgesehen. Das mache im Ostallgäu eine Besetzung mit 2,38 Angestellten mit zu erwartenden Kosten von maximal 243.000 Euro jährlich. Davon entfallen nur rund 40.500 auf den Landkreis. Einen gleich hohen Anteil übernehme der Bezirk Schwaben, jeweils ein Drittel übernehmen die Kranken- und Pflegekassen.

Erfahrungen sammeln, Wissen weitergeben

„Ich kann das nur bestätigen“, sagte Bernd Ruppert, Direktor der AOK Direktion Kaufbeuren Ostallgäu. Stellvertretend für die Kranken- und Pflegekassen berichtete er ebenfalls, dass die Pflegeerwartung in der Region zunehmen wird. „Ein Pflegestützpunkt ist die große Chance, in einem fest installierten Rahmen ein umfassendes Wissensmodell aufzubauen“, sagte Ruppert. „Es ist sehr komplex“, beschrieb er die Prozedur rund um die Pflegetätigkeit. Deshalb sei es umso wichtiger eine unabhängige, institutionelle Hilfe aufzubauen.

„Endlich. Endlich!“, meldete sich Ilona Deckwerth (SPD) zu Wort. Seit einem Beschluss der Bayerischen Staatsregierung 2008 seien im Freistaat keine 20 solcher Einrichtungen entstanden. Nur acht nenne die Homepage „Wohnen im Alter“ des Bayerischen Staatsministeriums. Dazu kämen „noch eine Handvoll mehr“, so Deckwerth. Rheinland-Pfalz habe dahingegen 135 Pflegestützpunkte. Landrätin Maria Rita Zinnecker (CSU) warf ein, dass dieses Thema zwar seit zwölf Jahren im Raum stand, es allerdings erst in diesem Jahr offiziell möglich wurde, die Rahmenverträge dazu abzuschließen. „Weil die Partner nicht bereit waren. Sie waren im Landtag, Frau Deckwerth, da wundert es mich, dass Sie das nicht wissen.“ Es habe lange gedauert, doch „das Ostallgäu ist jetzt ganz vorne mit dabei“, betonte Zinnecker.

Zur „Bewältigung der Folgen des Fachkräftemangels“ möchte der Landkreis mit dem Ausbildungsverbund Pflege reagieren (wir berichteten) und im gleichen Atemzug mit einer Werbeinitiative starten. Durch gezielte Werbung soll mit Vorurteilen aufgeräumt und pflegerische Berufe attraktiver gemacht werden. Zielgruppen gelte es pro-aktiv zu bewerben, so Bogner. Das seien junge Menschen im Rahmen der Berufsorientierung, Wiedereinsteiger und Migranten, die länger schon in Deutschland leben.

Unbedingt müssten Kurzzeitpflegeplätze (KZP) ausgebaut werden. Stefan Mohr, Abteilungsleiter für Soziales, berichtete, dass der Bedarf sehr viel höher sei als das bestehende Angebot. „Es gibt nur sechs feste Plätze in Obergünzburg“, und 28 sogenannte eingestreute Plätze in verschiedenen stationären Einrichtungen. Dauerhaft solle sich das ändern. Mindestens 52 feste Plätze zeige die Bedarfsermittlung auf, so der Fachbereichsleiter. Der Mangel sei ein überregionales Problem und bedingt durch ungünstige wirtschaftliche Rahmenbedingungen für die Betriebe und durch Fachkräftemangel. Ausdrückliche Zustimmung gab es dafür von Andreas Eggensberger (CSU). Er sehe einen noch deutlich höheren Bedarf als die angestrebten 52 KZP. „Wir bräuchten weitere zehn.“ Von seinem eigenen Kurbetrieb in Hopfen am See konnte er berichten, dass Reha-Aufenthalte pflegender Angehöriger häufig daran scheitern, weil diese keinen KZP für die zu pflegende Person bekämen.

Am Freitag, 11. Dezember wird der Kreistag entscheiden, ob er der einstimmigen Empfehlung des Ausschusses für Soziales zustimmt und den Maßnahmenkatalog auf den Weg bringt. „Das ist ein großes Paket“, fügte Zinnecker hinzu. Im Haushalt sollen für die Fortsetzung des Maßnahmenpakets Pflege 2020 und für ein zweites im kommenden Jahr insgesamt 52.250 Euro – vorbehaltlich des Beschlusses über den Kreishaushalt 2021 – bereitgestellt werden. Für das Jahr 2021 rechnet man mit Kosten in Höhe von 12.250 Euro für den Pflegestützpunkt. Der größte Teil mit 25.000 Euro (einmalig) entfällt für die geplanten Werbemaßnahmen. Im Sozialausschuss würde dann in den kommenden Jahren die Umsetzung weiterer Maßnahmen besprochen, erklärte Mohr.

Selma Höfer

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