Kulturausschuss billigt einstimmig einen Vorschlag

„Stolpersteine“ für Kaufbeuren

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Stolpersteine, wie sie in der Bahnhofstraße in Bad Wörishofen verlegt wurden, sollen auch in Kaufbeuren installiert werden.

Kaufbeuren – Eine Sonderausstellung im Stadtmuseum Kaufbeuren erzählt in Schlaglichtern die Geschichte Kaufbeurens im „Dritten Reich“: Wie hat sich der Nationalsozialismus damals hier verankert? Was genau ist in der Stadt passiert? Und wie nehmen wir die NS-Zeit heute wahr? Sie wird, wie berichtet, bis zum 17. Mai 2020 zugänglich sein. Der Schul-, Kultur und Sportausschuss beriet nun am vergangenen Montag darüber, welche Vorhaben die Erinnerungsarbeit danach unterstützen könnten. Ein Vorschlag ist die Installation von „Stolpersteinen“ und deren Ergänzung durch moderne Informationsmedien.

Das im November 2019 gestartete Ausstellungsprojekt des Stadtmuseums „Kaufbeuren unterm Hakenkreuz. Eine Stadt geht auf Spurensuche“ fand bereits in seiner ersten Phase breite Resonanz. Diese entsteht allein schon dadurch, dass in die Gestaltung zehn Kooperationspartner einbezogen wurden, darunter Schulen und die Volkshochschule, die Kulturwerkstatt, die Bundesluftwaffe und – nicht zuletzt – interessierte Mitbürger der Stadt. Diese steuerten nicht nur zahlreiche Objekte, sondern auch viele Informationen und Geschichten bei. Damit verdeutlicht die Ausstellung die heutige Sicht von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen auf die NS-Vergangenheit.

Die Träger des Projektes möchten nun über die Laufzeit der Ausstellung hinaus weitere Vorhaben zur Erinnerungsarbeit in Kaufbeuren anstoßen. Das Stadtmuseum plant, diese Prozesse zu begleiten und dabei auch in Zukunft mit verschiedenen Partnern in der Stadtgesellschaft zusammenzuarbeiten.

Raum zur Erinnerung

Konkret schlägt das Stadtmuseum, gemeinsam mit einem der Kooperationspartner, der Bundesinitiative „Demokratie Leben!“ vor, das öffentliche Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus in Kaufbeuren zu erweitern. Dabei soll neben den bereits eingerichteten Mahnmalen und Gedenkorten für Opfergruppen wie jüdische Mitbürger, KZ-Häftlinge oder Euthanasie-Opfer Raum geschaffen werden für die Erinnerung an konkrete Personen.

Eine Möglichkeit, wie das geschehen könnte, beriet der Schul-, Kultur und Sportausschuss in seiner Sitzung am vergangenen Montag: Die Aufstellung sogenannter Stolpersteine. Dabei handelt es sich um Messingplatten, in welche die Namen, Lebensdaten und die Art des Todes von Opfern des Nationalsozialismus eingraviert sind. Diese Stolpersteine werden in das Straßenpflaster eingefügt, und zwar meist am letzten selbst gewählten Wohnort oder Arbeitsort der Opfer.

Die Idee und die Initiative für dieses Projekt gehen auf den Künstler Gunter Demnig zurück, dessen Stiftung inzwischen fast 70.000 Steine an rund 1200 Orten in Deutschland und an weiteren Plätzen in 23 Ländern Europas verlegt hat. Dazu zählen in unserer näheren Umgebung Kempten und Bad Wörishofen.

Die Ausstellung des Stadtmuseums stellt bereits eine Reihe von Biografien von Opfern des NS-Regimes in Kaufbeuren vor. Diese könnten nach Ansicht der Organisatoren den Ausgangspunkt für die Erstverlegung von Stolpersteinen bilden. Als mögliche Personen wurden genannt:

• der jüdische Kaufmann Ernst Buxbaum (1897-1940), Tod durch Selbstmord nach Inhaftierung im KZ Dachau

• der polnische Zwangsarbeiter Stefan Smigalski (1924-1943), erhängt in Kaufbeuren wegen versuchter Flucht aus Deutschland

• der SPD-Stadtrat Georg Riedel (1897-1938), Tod durch Selbstmord im KZ Dachau.

Mehr Infos durch digitale Ergänzung

Da die Stolpersteine nur wenige grundlegende Angaben zu den Opfern enthalten, entstand in Gesprächen mit dem Kooperationspartner „Demokratie Leben!“ die Idee, gemeinsam mit Jugendlichen eine digitale Ergänzung zu schaffen. Das könnten beispielsweise eine App, ein Multimediaguide oder ein Audioguide sein, die erweiterte Informationen wie Kurzbiografien oder Fotos verfügbar machen.

Das digitale Angebot soll dann auf längere Sicht weiter geführt und ausgeweitet werden. Stadtmuseum und Stadtjungendring würden in Zukunft dieses Projekt begleiten.

Für die Verlegung der Stolpersteine ist nach Angaben der „Stiftung-Spuren Gunter Demnig“ mit einer Wartezeit von etwa neun Monaten zu rechnen. Die Kosten liegen bei 120 Euro pro Stein.

Große Zustimmung

Die Mitglieder des Schul-, Kultur und Sportausschusses waren einhellig der Meinung, dass diese Vorschläge umgesetzt werden sollten, um – wie KI-Stadtrat Alexander Uhrle es formulierte – „denjenigen, die gern die Verantwortung für die Vergangenheit verdrängen möchten, Hindernisse in den Weg zu legen“.

Museumsleiterin Petra Weber erklärte dann auf Nachfragen, dass die konkreten Orte der Verlegung noch nicht feststünden. SPD-Stadträtin Helga Ilgenfritz meinte, dass sicherlich von der SPD noch weitere Vorschläge vorgelegt werden können. Laut Petra Weber sind solche Anregungen, auch von anderen Parteien oder Bürgern, willkommen. „Der Kreis der Opfer, derer in dieser Form gedacht werden soll, wird in Zukunft ganz sich noch größer werden“, meinte sie.

Der Schul-, Kultur und Sportausschuss sprach sich für die Verlegung der Stolpersteine nach Zustimmung des Stadtrates und formeller Genehmigung der Stadtverwaltung aus. Die Umsetzung, auch die Ergänzung durch Informationsmedien, soll aus den Mitteln des Förderprogrammes „Demokratie Leben!“ und dem regulären Budget des Stadtmuseums finanziert werden.

von Ingo Busch

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