AfD jetzt zweitstärkste Partei im Wahlkreis Ostallgäu

Jetzt sind zwei im Bundestag

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Trotz Stimmenverluste bei der CSU konnte Stephan Stracke (Mitte) seinen erneuten Einzug in den Bundestag feiern.

Landkreis/Kaufbeuren – Der Ausgang der Bundestagswahl 2017 hat auch im Bundeswahlkreis Ostallgäu für ein politisches Erdbeben gesorgt. Christoph Maier von der AfD sicherte sich das zweitbeste Ergebnis. Wie zu erwarten war, holte sich Stephan Stracke mit 49,2 Prozent das Direktmandat.

Der CSU-Politiker büßte im Gegensatz zur Wahl 2013, als er noch 59,8 Prozent erreichte, 10,6 Prozent ein. Damit folgt er dem Trend der CSU in Bayern. Die Christsozialen sind unter ihrem Parteichef Horst Seehofer auf ihr schlechtestes Bundestagswahlergebnis seit 1949 abgestürzt. Nach der Auszählung aller 46 Wahlkreise im Freistaat erreichte die CSU nur noch 38,8 Prozent, was ein Minus von mehr als zehn Prozentpunkten bedeutet.

Während die Grünen, die CSU und die SPD zu ihren Wahlpartys in der Kaufbeurer Innenstadt einluden, versammelten sich auch einige Kommunalpolitiker und Besucher im Sitzungssaal der Kaufbeurer Stadtverwaltung, um die erste Hochrechnung um 18 Uhr live via Leinwand mitzuerleben. „Das Wahlergebnis ist für die SPD fürchterlich. Da brauchen wir nichts zu beschönigen“, sagte MdL Dr. Paul Wengert, der für den Wahlkreis Kaufbeuren/Ostallgäu als Betreuungsabgeordneter fungiert. Auch machte er direkt nach dem Wahlausgang deutlich, dass die SPD unter Angela Merkel nicht mehr in eine weiter Regierungskoalition gehen werde. „Wir gehen in die Opposition. Die SPD hat hier durchaus Übung darin, wie kreativ und konstruktiv diese Arbeit sein kann.“

Sein Landtagskollege Bernhard Pohl bedauerte indes, dass die Freien Wähler im Wahlkampf mit Handicaps zu kämpfen hatten. „Uns fehlte die mediale Aufmerksamkeit. Wir waren nicht in den großen Talkrunden vertreten“, so der Abgeordnete gegenüber dem Kreisbote. Zudem gaben viele an, im Bundeswahlkampf ihre Stimme nicht den Freien Wählern zu geben, sondern sie dann bei den anstehenden Landtagswahlen im Jahr 2018 wieder zu unterstützen. „Das war unser Pech. Wir hätten mit Sicherheit eine Chance gehabt“, räumt Pohl ein.

Stracke zieht wieder in den Bundestag

Nach 2009 und 2013 zieht Stephan Stracke erneut als Abgeordneter für die CSU in den Bundestag ein. Das Gesamtergebnis der CSU in Bayern sei bitter. „Hier gibt es viel Anlass zur Diskussion.“ Im Hinblick auf die bevorstehende Regierungsbildung habe die CSU eine klare Position. Er erwarte schwere Koalitionsverhandlungen. „Für die Landtagswahlen 2018 müssen wir als CSU unsere Themen durchsetzen. Das ist eine große Aufgabe für den Parteivorsitzenden.“ Derweil will Stracke seine bisher erfolgreich geführte Arbeit fortsetzen. „Wir haben viel zu tun und sind gut aufgestellt. Ich werde meine Aufgaben weiterhin mit großem Enthusiasmus angehen, dass das, was wir bereits angeschoben haben, auch umgesetzt wird.“

AfD sieht sich als Wahlsieger

Der Einzug der AfD in den Deutschen Bundestag wird auch von vielen Politikern in der Region als „Zäsur“ bezeichnet. Die Alternative für Deutschland zieht als drittstärkste Kraft ins Parlament. Seit 1990 ist erstmals eine neue Partei im Bundestag vertreten. Damals schaffte es die PDS, die heutige Linkspartei. Bundestagskandidat Christoph Maier sieht die AfD als Wahlsieger. „Wir sind die einzige Partei, die deutlich hinzugewonnen hat. Unsere Aufgabe im Parlament muss es nun sein, die Arbeit der Merkel-Regierung kritisch und sachlich zu prüfen.“ Über sein persönlich erzieltes Ergebnis sei er stolz und freue sich. Man habe einen guten Wahlkampf gemacht, „besonders haben wir die Sorgen und Nöte der Menschen ernst genommen“, konnte aus Sicht von Maier die AfD durch die Flüchtlingsthematik punkten. „Wir sprechen die Sprache des Volkes“, machte er deutlich.

Katerstimmung bei der SPD

Katerstimmung herrschte bei der Wahl- und Dankesparty der SPD. Von Feierlaune war hier keine Spur. „Sicherlich ist es kein schöner Tag für die Sozialdemokraten. Wir konnten unsere Themen im Wahlkampf nicht so nach außen bringen“, bilanziert Kandidat Pascal Lechler, der rund 380 Veranstaltungen und Termine absolvierte. Für ihn sei Martin Schulz der richtige Kandidat gewesen. Als Resümee seines Wahlkampfes erklärte er: „Ich habe die letzten Wochen und Monate sehr intensiv erlebt, mit positiven und leider auch negativen Rückmeldungen. Ich hätte mir hier viel mehr erwartet“, zeigte er sich konsterniert. Dagegen hat sich Lechler bereits am Wahlabend für eine erneute Kandidatur für den nächsten Bundestagswahlkampf angeboten. „Ich würde gerne wieder antreten.“

Ferschl schafft Sprung in den Bundestag

Über die Landesliste zieht die Kaufbeurerin Susanne Ferschl von der Linkspartei in den 19. Bundestag ein. „Ich habe einen super tollen Wahlkampf erlebt, viele Aktive konnten gewonnen werden. Sie haben ihr Bestes gegeben.“ Für sie stehe die soziale Frage weiterhin im Mittelpunkt. „Wir müssen die Sorgen der Menschen ernst nehmen.“ Mit dem Wahlergebnis hat die Linke im Bundeswahlkreis Ostallgäu bereits einen guten Anfang gemacht. „Unsere Themen waren genau richtig“, freut sie sich bereits auf die Arbeit als neue Abgeordnete. Ihr Wahlkreisbüro wird in Kaufbeuren zu finden sein. 

CSU und SPD verlieren kräftig an Stimmen

Mit einem klaren Vorsprung zieht der Kaufbeurer Stephan Stracke erneut für den Wahlkreis Ostallgäu/257 in den Bundestag ein. 93.431 der insgesamt 191.581 Wähler gaben ihm ihre Erststimme. Grund zur überschwänglichen Freude besteht aber für Stracke und sein Team nicht. Denn mit 49,2 Prozent der abgegebenen Erststimmen lieferte der Christsoziale ein deutlich schlechteres Ergebnis ab als bei der Bundestagswahl 2013 (59,8 Prozent). Davon profitiert hat vor allem die im Ostallgäu neu formierte AfD mit ihrem Kandidaten Christoph Maier. 2013 im heimischen Wahlkreis gar nicht erst angetreten, holte die AfD am Sonntag auf Anhieb aus dem Stand heraus 12,7 Prozent (24.018) der Erststimmen.

Erfolgreich verlief der Wahlsonntag auch für die FDP, die nach dem Debakel bei der Wahl 2013 (1,7 Prozent) jetzt mit 5,6 Prozent ihr Comeback auch im Ostallgäu feierte. Insgesamt 10.627 Wähler votierten für die Liberalen und ihren Kandidaten Jonas Flott.

Spürbare Zugewinne konnten auch die Grünen um ihren Kandidaten Dr. Günter Räder verzeichnen. Mit 8,71 Prozent (16.536) übertrafen sie ihr Ergebnis von 2013 (sechs Prozent) deutlich. Gleiches gilt für die Linke, deren Kandidatin Susanne Ferschl 10.153 Erststimmen auf sich vereinen konnte. Das sind 5,35 Prozent, was dank des guten Listenplatzes Ferschls für einen Einzug in den nächsten Bundestag reicht. Vor vier Jahren holte die Linkspartei im Wahlkreis Ostallgäu lediglich 2,8 Prozent der Stimmen.

Spürbare Verluste musste hingegen dem Bundestrend folgend die heimische SPD hinnehmen. Stimmten 2013 noch 15 Prozent der Wähler für die Sozialdemokraten, waren es heuer nur noch 11,4 Prozent (21.610), die für die Genossen und ihren Kandidaten Pascal Lechler ihre Stimme abgaben.

Unter der Fünf-Prozent-Hürde bleiben die Freien Wähler mit ihrer Kandidatin Susen Knabner (3,4 Prozent), Krimhilde Marianne Dornach von der ÖDP (zwei Prozent), Jürgen Eißner von der Bayernpartei (1,4 Prozent) sowie der Unabhängige Werner Fischer (0,32 Prozent). 3,7 Prozent der abgegeben Erststimmen fallen unter die Kategorie „Sonstige“.

Die Erststimmen in Prozent im Wahlkreis Ostallgäu.

Betrachtet man die abgegebenen Zweistimmen, fällt auf, dass der CSU Kandidat Stracke hier mit 42 Prozent noch schlechter abschneidet als bei den Erststimmen. Zweitstärkste Kraft ist auch hier die AfD, die 13,4 Prozent der Zweitstimmen hinter sich vereinen konnte. Die SPD kommt auf 12,1 Prozent. Auffällig auch: Mit 10,5 Prozent holte die FDP deutlich mehr Zweit- als Erststimmen. Bei Grünen (8,5) und Linken (5,5) entspricht der Anteil der Zweitstimmen ungefähr dem der Erststimmen.

Wo schneidet die AfD am besten ab?

Die AfD löste auch im Landkreis Ostallgäu ein regelrechtes Wahlbeben aus und ordnet sich im Wahlranking auf Rang zwei hinter der CSU ein. Von 45 Gemeinden und Städten wurde die AfD in 22 Fällen bei der Erststimme auf Rang zwei gewählt. Vor allem in den Gemeinden Lechbruck (12,51 Prozent), Baisweil (12,4 Prozent), Lengenwang (12,39), Rieden (12,21) und Pforzen (12,20) konnte die AfD bei den Erststimmen punkten.

Bei den Zweistimmen wählten sogar 26 der 45 Ostallgäuer Gemeinden und Städte die AfD zur zweitstärksten Partei. Vor allem in Günzach (14,24 Prozent), Lechbruck (14,12), Pforzen (13,85) und Baisweil (13,57) gaben die Bürger ihre Stimme für die AfD ab.

In Kaufbeuren, als kreisfreie Stadt, landete die AfD bei den Erststimmen mit 12,8 Prozent auf Rang drei. Deutlich mehr gab es für die AfD bei den Zweistimmen. So wählten 14,04 Prozent die AfD auf Rang zwei. Vor allem im Norden Kaufbeurens gab es viele AfD Stimmen. Im Wahlbezirk Gustav-Leutelt-Schule stimmten 22,16 Prozent bei den Erst- und 24,44 Prozent bei den Zweitstimmen für die AfD.

Steigerung bei Wahlbeteiligung

Insgesamt waren im Wahlkreis Ostallgäu am vergangenen Sonntag nach Angaben des zuständigen Landratsamtes Ostallgäu 246.852 Wahlberechtigte zur Abgabe ihrer Stimme aufgerufen. Von ihrem Wahlrecht Gebrauch machten 191.581. Die Wahlbeteiligung lag damit bei 77,6 Prozent. Das entspricht im Vergleich zur Bundestagswahl 2013 einer Steigerung von fast zehn Prozent (68,6 Prozent). Auch dieser Effekt ist vermutlich durch das erstmalige Antreten der AfD im heimischen Wahlkreis zu erklären.

Ungültige Erststimmen gab es 1693, bei den Zweitstimmen waren 1419 nicht gültig.

von Stefan Günter/Kai Lorenz/Matthias Matz

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