Tagesstätte für psychische Gesundheit: Treffpunkt, der Hoffnung und Freude macht

Wenn das Alleinsein ein Ende hat

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Eine Fundgrube ist die Bücherstube für alle, die auch gerne einmal etwas länger schmökern wollen.

Kaufbeuren – Viele Einrichtungen kennen nur eine Art von Besuchern, die Tagesstätte für psychische Gesundheit in der Bismarckstraße kennt gleich zwei: Da sind zunächst jene, für die diese Einrichtung der Diakonie Augsburg montags bis freitags zwischen acht und 16.30 Uhr eine lebenswichtige Begegnungs- und Kontaktstelle darstellt.

Das betrifft derzeit genau 62 angemeldete Besucher, die wegen einer psychischen Krankheit therapeutische Hilfe und Unterstützung brauchen. Und zum Anderen sind es die Besucher, so genannte Stammkunden, die das Haus regelmäßig besuchen.

„Eigentlich werden nur 27 Plätze vom Bezirk Schwaben finanziert“, erklärt Leiter Ralf Sander. Der Rest läuft einfach so mit. Die acht Teil- und Vollzeit beschäftigten Mitarbeiter sind also voll ausgelastet mit Ergo- und Arbeitstherapie, mit Einzel- und Gruppenarbeit, mit lebens­praktischem Training und kreativer Freizeitgestaltung. Nicht zuletzt aber gibt es auch die Besucher, die das Haus als regelmäßige Kunden besuchen. Stammkunden sind sie meist alle, denn wenn sie erst einmal herausgefunden haben in welch entspannter Atmosphäre sie bei einem heißen Kaffee ein Buch oder ein passendes Geschenk aussuchen können, dann nimmt man den kleinen Umweg Richtung Süd-Parkhaus schon mal gerne in Kauf.

Im Mittelpunkt stehen die sonst oft einsam lebenden Menschen. Die Ziele für die betreuten Besucher unter dem Diakonie-Motto „Stark für Menschlichkeit“ sind in der Konzeption klar formuliert: Soviel Selbstständigkeit wie möglich, Einüben von verlässlichen Tagesstrukturen, Aufbau von Selbstvertrauen und Belastbarkeit, Erweiterung der eigenen sozialen Kompetenzen vor allem im Alltagsleben. Nicht immer ein leichter Weg aus der leidvollen Krankheit zu einem selbstbestimmtem, erfüllten Leben, erzählt Dipl. Pädagoge Sander. Gelingen kann dies nur mit aktiver Beteiligung der hilfebedürftigen Besucher. Aus den immer wieder vermittelnden Erfolgserlebnissen ergeben sich wie von selbst erneuter Mut zum Weitermachen.

Alltag in der Tagungsstätte

Wie kann der Außenstehende sich dies konkret vorstellen? Das Vorgehen bei der Aufnahme eines neuen Besuchers ist denkbar einfach und unbürokratisch. Besteht nach eigenem Ermessen ein Bedarf kann telefonisch oder persönlich ein erster Orientierungstermin mit Sander vereinbart werden. Die Angebote sind nicht nur kostenfrei, sondern um eine spätere regelmäßige Teilnahme zu gewährleisten, werden Fahrkosten und bei entsprechendem Einsatz auch kleine finanzielle Motivationshilfen gezahlt.

Nach dem unverbindlichen Klärungsgespräch kann der „Bewerber“ eine Schnupperwoche machen, eine Art Praktikum, in der beide Seiten klären, wie die vorhandenen therapeutischen Möglichkeiten am wirkungsvollsten genützt werden können.

Zahlreiche Angebote

Die Auswahl an Angeboten ist vielseitig: Im Küchenbereich zum Beispiel versorgt sich die Einrichtung unter fachkundiger Leitung selbst mit schmackhaften und gesunden Mahlzeiten. Die Möglichkeiten auch kostengünstiges Essen dort zu bestellen, können mit der Hausleitung abgesprochen werden. Angeschlossen an diesen für alle sehr lebenspraktischen Bereich ist ein kleines Bistro, in dem alle Besucher in gastlicher Atmosphäre einen Kaffee und eine kleine Brotzeit zu sich nehmen können. Die ebenfalls angeschlossene kleine Backstube wird vor allem in der Vorweihnachtszeit sicher Hochsaison haben.

Aber es gibt weit mehr: Zwei, drei Personen sorgen direkt daneben dafür, dass die 40.000 gebrauchten Bücher nach Themen und zum Teil auch nach Alphabet wohl sortiert bleiben. Kundenorientierung wird auch hier großgeschrieben. Eine zusätzliche Einnahmequelle stellt auch der Internet-Verkauf dieses Lektüreangebots dar. Dieser ist durch einen verlässlichen Vertragspartner dauerhaft abgesichert. Günstigste Preise verstehen sich aber auch für die in der eigenen Buchbinderei selbstgemachten Tagebücher und Kalender. Schönheit und Qualität gehören zum eigenen hohen Anspruch.

Es ist schon erstaunlich, was aus einem alten Schrank werden kann.

Dies gilt auch für alle Produkte, die in der Holz- oder Keramikwerkstatt mit dem fachlich ausgebildeten Personal zusammen hergestellt werden. Sollte beim ästhetisch anspruchsvollen und umfassenden Angebot einmal nicht gleich das passende Geschenk dabei sein, ist es möglich, auch den einen oder anderen kleinen Sonderauftrag ausführen zu lassen. Da die Auftragslage insgesamt gut ist, sollten Interessierte allerdings eine Vorlaufzeit mit einplanen. Diese Auslastung gilt vor allem für die Fahrradwerkstatt, die sich inzwischen zum Aushängeschild der Einrichtung entwickelt hat. Unbedingte Verkehrstüchtigkeit der reparierten Fahrräder ist durch eine fachkompetente Anleitung garantiert.

Wie in vielen andern Sozial-Werkstätten gibt es auch einen Industrie-Montagebereich. So arbeitet die Einrichtung bei der Verpackung von Spielen mit einem Spielzeugproduzenten zusammen. Zuverlässigkeit und Genauigkeit sind eingefordert. Mehr die eigene Kreativität kann der Besucher hingegen in der komplett ausgestatteten Keramikwerkstatt entwickeln. Die mit der Hand nach uralter Tradition geformten oder mit einem Gussverfahren hergestellten Keramikartikel brauchen den Vergleich mit industriell gefertigten Produkten sicherlich nicht zu scheuen. ´Mit Liebe gemacht´ könnte auf jedem Produkt draufstehen.

Zum Bedauern von Sander bleibt das Phänomen, dass trotz der hohen qualitativen Standards und der Kundenorientierung dieser Standort ein Geheimtipp in Kaufbeuren bleibt. Dabei könnten Kaufbeu­rer Kunden auch bei handgeflochtenen Produkten fündig werden. „Berührungsängste der Laufkundschaft sind völlig unbegründet“, versichert Sander. Ganz im Gegenteil. „Nett und freundlich geht es zu. Auf jeden Fall ist es eine Begegnung die sehr bereichernd für beide Arten der Besucher ist.“

von Peter Suska-Zerbes

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