Tendenz geht zum Erhalt aller Häuser

Die Menschen auf der Kundgebung in Marktoberdorf wollen über alle Generationen hinweg den Erhalt ihres Krankenhauses. Foto: Sommer

Landrat Johann Fleschhut ist am Freitag im wahrsten Sinn des Wortes der Marsch geblasen worden. Der Grund: Vor dem Landratsamt versammelten sich rund 2500 Menschen, um gegen die Schließung des Marktoberdorfer Krankenhauses zu demonstrieren. Zur Kundgebung hatten alle Ortsvereine der im Stadtrat vertretenen Parteien sowie der Förderverein aufgerufen. In engagierten Ansprachen setzten sich 2. Bürgermeister Walter Schilhansl, Johanna Vetter (Vorstandsmitglied des Fördervereins) und 3. Bürgermeister Axel Maaß für den Erhalt des Krankenhauses ein. Begleitet wurde die Kundgebung vom „Solidaritätsorchester“ aller Blaskapellen der Umgebung, die die Veranstaltung mit Trauermarsch und andere Stücken kommentierten.

„Es sind mehr Menschen vor das Landratsamt gekommen, als bei der Demonstration von 2008, als es um die Schließung der Geburtshilfe ging“, resümierte Maaß. Auch der Zeitpunkt der Kundgebung war gut gewählt, so Maaß, denn im Landratsamt fanden sich zeitgleich zu einer Informationsveranstaltung die Kreistags-Bürgermeister und Kreisräte ein, um sich über das Sanierungsgutachten der Firma Kienbaum zu beraten. Nach rund vier Stunden Beratung zog dann Landrat Johann Fleschhut ein erstes Fazit: „Es kristallisiert sich heraus, dass alle fünf Krankenhäuser erhalten bleiben“. Damit halte man am „Szenario C“ der Beratungsfirma Kienbaum fest. Dies bedeute im Umkehrschluss, dass Kaufbeuren und Füssen die Grundversorgung abdecken, in Buchloe (Darmzentrum) und Obergünzburg (Endoprothetik) Spezialisierungen stattfinden und in Marktoberdorf ein Zentrum für ambulantes Operieren sowie eine Geriatrie eingerichtet wird. Denkbar könnte auch sein, dass das Wundzentrum in Marktoberdorf bleibt und nicht nach Buchloe ausgelagert wird. Dass die Klinik Marktoberdorf aber seines notärztlichen Dienstes beraubt würde und zu einem Operationszentrum mit Geriatrie „herabgestuft“ werden solle, stieß bei den Rednern und den Demonstranten auf weinig Gegenliebe. So mahnte Marktoberdorfs 2. Bürgermeister Walter Schillhansl: „Wir sind hier nicht als Bittsteller sondern fordern Rechte ein, die klar im Regionalplan formuliert worden sind.“ Nicht Marktoberdorf liege bei Kaufbeuren, sondern die Wertachstadt nahe der Kreisstadt und dem Mittelzentrum Markoberdorf. Mit einem Einzugsgebiet von bis zu 30000 Menschen hätten die Bürger einen Rechtsanspruch auf eine bürger- und zeitnahe medizinische Versorgung. Man habe hier Vorgaben für alle Häuser des Landkreises gleichermaßen formuliert und Marktoberdorf vorgegeben, eine flächendeckende Grundversorgung sicherzustellen. „Dieser Regionalplan“, erinnerte Schillhansl, „ist verbindlich, nicht für die Schublade, und sogar einklagbar“. Es sei außerdem unangemessen, ein Gutachten in Auftrag zu geben, das nur einzelne Szenarien aufgreife und nicht alle Varianten durch spiele, betonte der Rathausvize. „Ein unfreundlicher Akt“, so der Redner mit Blick auf den Landrat. Auch Axel Maaß hatte nochmals alle Argumente zusammengetragen, die für das Marktoberdorfer Haus sprechen, allen voran, dass man hier im Ort eben schon seine Hausaufgaben gemacht habe. „Die Spezialisierungen, die Kienbaum jetzt fordert, sind hier in Marktoberdorf schon erbracht worden“, so Maaß. Man könne auch nicht verstehen, warum das gerade erst als orthopädische Zentrum eingerichtete Haus nun zur Geriatrie werden solle. Ein Vorschlag, den außer der Beraterfirma wohl niemand verstehen könne. Es sei einfach nicht akzeptabel, warum Marktoberdorf ein Bauernopfer bringen müsse, wo doch nachweislich 60 Prozent des Gesamtdefizites in den Häusern Füssen und Kaufbeuren entstünden. Es grenze schon an Verschleier-ungstaktik, dass bislang immer noch nicht offengelegt worden sei, wo die Verluste im Einzelnen entstünden. Als Sprecher der Bürgermeister berichtete Manfred Rinderle, dass es durchaus Stimmen gebe, die bereit seien, Marktoberdorf ganz zu schließen. Man sei bereit bis zu einer Million Euro Verluste (ein Prozent Kreisumlage) zu tragen, wie sie Kienbaum in der Variante C errechnet hatte. Die Prognose reicht allerdings nur bis zum Jahr 2013 und man hatte schon am 1. Januar dieses Jahres rechnerisch begonnen, die Veränderungen vorzunehmen. Unberücksichtigt sei dabei auch, was passieren würde, wenn die Patienten das wahr machten, was ihre Ärzte angedroht hatten. Nämlich das Fernbleiben von den Ostallgäuer Kliniken. Stattdessen würden die Ärzte ihre Patienten in die Krankenhäuser jenseits der Landkreisgrenzen schicken. Dass in dieser Sache offenbar genügend Konfliktpotential besteht, konnte man bei der Kundgebung erkennen, skandierten doch zahlreiche Demonstranten „Landrat raus“.

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