Himmelblau durchs Allgäu

Wasserstoffzug macht Stop in Kaufbeuren – Testfahrt mit Söder

Ministerpräsident Dr. Markus Söder (re.) begutachtete die mit Wasserstoff angetriebene Lok von Alstom
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Ministerpräsident Dr. Markus Söder (re.) begutachtete die mit Wasserstoff angetriebene Lok von Alstom, die am vergangenen Montag leise und emissionsfrei durchs Allgäu rollte. Mit am Kauf­beurer Bahnhof und an Bord des Wasserstoffzugs waren unter anderem Dr. Erika Rössler (v. li.), 3. Bürgermeisterin, MdB Stephan Stracke und Bayerns Verkehrsministerin Kerstin Schreyer.
  • Angelika Hirschberg
    VonAngelika Hirschberg
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Kaufbeuren/Buchloe – Als der himmel­blaue Wasserstoffzug der Firma Alstom vergangenen Montag auf Testfahrt durchs ebenfalls strahlend blaue Allgäu rollte, war das für die politische Prominenz immerhin einen Abstecher aufs Land wert. Am Bahnhof Kaufbeuren stiegen der bayerische Ministerpräsident Dr. Markus Söder und Verkehrsministerin Kerstin Schreyer in das moderne Schienenfahrzeug und testeten auf der Fahrt nach Buchloe den Abschied von der Diesellok. Sehr zum Ärger des Fahrgastverbands Pro Bahn der hernach den Auftritt von Söder und Ministerin Schreyer als „reines Wahlkampfgetöse“ kritisierte.

Schon lange pochen Politiker jeder Couleur darauf, die Elektrifizierung der Bahnstrecken in der Region voranzutreiben. Von einem „Dieselloch“ im Allgäu ist gar die Rede. Der Ansatz, die Dieselzüge durch den Betrieb mit Wasserstoff zu ersetzen, erscheint verlockend. Für die aktuelle Testfahrt war ein Prototyp des „Coradia iLint“ der Firma Alstom extra von Baden-Württemberg nach Bayern gekommen. Er ist der weltweit erste Wasserstoffzug für den Personentransport und hat sich in einem über zweijährigen Probebetrieb bereits gut bewährt.

Testfahrt durchs Allgäu

Auch Ministerpräsident Söder und Verkehrsministerin Schreyer bezeichneten die Testfahrt durchs Allgäu als Erfolg. Auch für anspruchsvolle Schienennetze wie im Allgäu gebe es erfreulicherweise mehrere umweltfreundliche technische Optionen, so die beiden Politiker. Söder ergänzt, dass Wasserstoff einen wichtigen Beitrag zur Klimaneutralität leiste. Und er verspricht: „Bis 2040 sollen die Züge von Diesel auf alternative Antriebe umgestellt sein.“

Leise und emissionsfrei unterwegs: der Wasserstoff-Zug von Alstom.

Auch die Verkehrsministerin bestätigt, viel für das Klima zu bewegen, denn laut Schreyer stammen allein 19 Prozent der CO2-Emissionen in Deutschland aus dem Verkehrsbereich. „Ich werde bis Ende des Jahres einen landesweiten Fahrplan für die Dekarbonisierung (also die Abkehr vom Kohlenstoff, Anm. d. Red.) des Schienenpersonennahverkehrs im Freistaat vorlegen“, wird die Ministerin konkret. Der erste mehrmonatige Testbetrieb in Bayern, allerdings mit einem Akku-Hybrid-Zug ist bereits für das kommende Jahr auf der Fränkischen Seenlandbahn geplant. Im Allgäu soll ab dem Jahr 2023 ein fast dreijähriger Testbetrieb mit dem Prototyp eines reinen Wasserstoff-Triebfahrzeugs der Firma Siemens erfolgen.

Kritik von Pro Bahn

„Alles Wahlkampfgetöse“, schreibt der Fahrgastverband Pro Bahn und wirft den CSU-Politikern vor, sich vor einem Zug fotografieren zu lassen, der allenfalls auf Nebenstrecken zum Einsatz kommt, anstatt tatsächlich die Hindernisse der Verkehrswende aus dem Weg zu räumen. Timm Kretschmar, Mitglied im bayerischen Landesvorstand von Pro Bahn nimmt kein Blatt vor den Mund, als er erklärt: „Jeder halbwegs mit dem Thema befassten Person ist klar, dass der Wasserstoffantrieb im Bahnverkehr maximal für den Einsatz auf wenigen entlegenen Nebenstrecken geeignet ist. Weder können die Züge die erforderliche Leistung auf Hauptstrecken abrufen, noch sind sie im Ansatz wirtschaftlich gegenüber den beiden verfügbaren Alternativen Elektrifizierung und Akkutriebwagen und deren Kombination.“ Der Verband bezweifelt, dass für die Allgäuer Teststrecke ein Wasserstoffzug die wirtschaftlichste Lösung sein werde. Für die Strecke von Lindau über Kempten nach Buchloe komme langfristig nur die Elektrifizierung in Betracht.

Dr. Lukas Iffländer, der stellvertretende bayerische Landesvorsitzende von Pro Bahn meint ebenso unverblümt: „Bei der Aktion handelt es sich um PR im Wahlkampf und nicht um den Einstieg in eine echte Verkehrswende.“ Und Kretschmar ergänzt: „Sich jetzt aus heiterem Himmel vor einem Wasserstoffzug fotografieren zu lassen, ist nicht sonderlich glaubwürdig.“ Der Fahrgastverband fordert von Bund und Land die Elektrifizierung aller Hauptstrecken, auf denen mindestens zwei Züge pro Stunde verkehren. Nur so werde eine ausreichende Wirtschaftlichkeit erreicht.

Der Bundestagsabgeordnete Stephan Stracke, der die Probefahrt im Allgäu in Gesprächen mit Alstom initiierte, hält dagegen: „Unser Ziel ist es, im Allgäu einen attraktiveren Schienenpersonennahverkehr zu schaffen, der schneller, leiser und klimaneutral ist. Deshalb müssen wir uns möglichst rasch vom Diesel verabschieden. Hinzu kommt, dass durch die Elektrifizierung der Strecke München-Memmingen-Lindau die Direktverbindungen aus dem Allgäu nach München deutlich reduziert wurden. Diese Situation muss sich für die Pendler verbessern. Beim Abschied vom Diesel im Schienenpersonennahverkehr gibt es mehrere umweltfreundliche technische Optionen. Eine davon könnte ein Wasserstoffzug sein. Ob der Wasserstoffzug die für das Allgäu vorzugswürdige Option ist, bedarf einer intensiven Betrachtung.“

Aus Strackes Sicht sei die Vollelektrifizierung des Allgäus klar vorzugswürdig. Allerdings sei der Einsatz eines Akku-Hybrid-Zuges auf den Strecken Augsburg-Füssen und Augsburg/München über Buchloe-Kaufbeuren-Kempten-Hergatz eine immerhin taugliche Zwischenlösung, wie der Abgeordnete sagte, wenn eine Vollelektrifizierung nur schrittweise möglich ist. „Auf diese Weise hätten wir den Fuß in der Tür für die Vollelektrifizierung und könnten neue Insellösungen vermeiden.“

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