Theater einmal hautnah

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Gruselig wurde es im Keller Geyrhalter bei der Darbietung von „Das verräterische Herz“.

Kaufbeuren – Ein außergewöhnliches Experiment haben vergangenes Wochenende acht Theatervereine in der Innenstadt Kaufbeurens mit „Theater to go“ gewagt. Die verschiedenen Stücke wurden je in rund zehnminütigen Szenen an acht ungewöhnlichen Orten aufgeführt. Vom Abend bis in die Nacht hinein konnten die Zuschauer immer zu jeder vollen und halben Stunde in einer selbst gewählten Reihenfolge ihre Wunschaufführung besuchen und fanden sich dann zum Beispiel im Keller oder Tresorraum, im Bus oder Kaufhaus wieder. Das Interesse an dem Projekt war groß, entsprechend schnell waren die Karten ausverkauft.

Im Hinterhof der Stadtapotheke konnte man zum Beispiel zwei Ehepaaren (Theaterverein Aufbruch-Umbruch) dabei zusehen, wie sie sich im „Restaurant zur Wahrheit“ gegenseitig die feine Gesellschaft vorspielten, darum bemüht, sich angemessen zu artikulieren und die Speisen auf der Speisekarte richtig auszusprechen. So bestellte die Ehefrau „Ochsenherztomatensuppe“ und der Gatte, der viel lieber Fleisch gegessen hätte, wurde gezwungen, sich vegetarisch zu ernähren. Der Gaston, der die Wahrheit kannte, hatte Intimeres aus dem Geheimleben der Paare preiszugeben und brachte die Fassade zum Bröckeln: So bot die eine zweifelhafte telefonische Dienste an, während die andere eine Affäre mit dem Gatten der ersten hatte. Das war der Anstoß des aufbrechenden Konflikts – es kam zum Zerwürfnis.

Unheimlich und im wahrsten Sinne des Wortes düster wurde es im Keller Geyrhalter – die Zuschauer saßen im Dunklen, nur das Kerzenlicht beleuchtete das Gesicht des Mannes (Theaterverein Moskitoldies), der nach der Kurzgeschichte Poes, „Das verräterische Herz“, sich von dem Auge des alten Mannes bedroht fühlte und dem Wahn verfiel. Das Klopfen auf den Tisch indizierte das lauter werdende Herzklopfen, das ihn nach dem Mord am alten Herrn, so befürchtete er, seiner Tat überführt. Die Mimik und Schreie aus Wahn trugen ihren Teil zur gruseligen Atmosphäre im Kellergewölbe bei.

Im Tresorraum der ehemaligen Landeszentralbank gab es eine Szene aus Shakespeares „Sommernachtstraum“ zu sehen. Dazu ging es für die Zuschauer in den kühlen, unterirdischen Raum, wo man zunächst auf dem Bildschirm der Überwachungskamera das Ensemble (Kulturwerkstatt) beobachten konnte. Die Aufführung zeigte dann die Zusammenkunft der Handwerker im Wald, die für ein Theaterstück, basierend auf der Sage „Pyramus und Thisbe“ in Ovids „Metamorphosen“, probten. Wenn man so will, ist das ein „Stück im Stück im Stück“. Gestritten wurde darum, wer den Löwen verkörpern darf, und einer musste sich damit begnügen, die Wand zu spielen.

Sogar im – stehenden – Linienbus wurde gespielt: Ganz nah mischen sich die Darsteller (Spot e.V.) unter die zuschauenden „Fahrgäste“. So erzählte eine Frau namens Schicksal von fremdbestimmtem, vom leisen, angepassten Leben, das viele der Passagiere zu führen scheinen: Langsam offenbarten die fremden Personen verborgene Sehnsüchte; darunter der Angestellte, der nicht immer unter ständigem Druck nur funktionieren, sondern leben wollte, oder der schwule Mann, der sich wünschte, von seinem Vater akzeptiert zu werden – und einem der Fahrgäste einen leidenschaftlichen Kuss aufdrückte. Mit der Wahrnehmung des Publikums und der Grenze zwischen Traum und Realität wurde hier gespielt. In Zeitlupe tanzten die Passagiere zu „Mad World“. Und wenn nach einer längeren Stille, die für die Figuren nicht mehr zu ertragen war, dieselbe unterbrochen wurde, merkte auch der Zuschauer, dass er seine eigenen Gedanken aushalten, sich mit ihnen auseinandersetzen musste.

Provozierende Worte, die „grafisch sein und berühren“ sollten, gab es im Pulverturmgässle zu hören: Im Chor verkündeten die Darsteller (Theater im Turm) in rotes Licht getaucht, dass es „verboten ist, Leute in Brand zu stecken, die eine Aufenthaltsgenehmigung haben“.

Es war ein belebtes Bild, das die Stadt an diesem Abend bot. Dementsprechend groß war aber auch der Andrang, und so mussten sich die Besucher rechtzeitig anstellen, um noch in die gewünschte Aufführung zu kommen. Auch den Darstellern, die in häufigerer Frequenz auftreten mussten, wurde einiges abverlangt. Wer sich nicht zu viel vornahm, konnte es da ruhiger angehen und das Theater als Kunstform in all seinen Facetten auf sich wirken lassen.

von Mahi Kola

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