"Der böhmische Don Camillo"

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Hockes Nichte Franziska (Tine Böhm) will den Knecht Karl Hübner (Oliver Chmiel) heiraten, aber der ist evangelisch.

Kaufbeuren-Neugablonz – Im Rahmen des Jubiläums „70 Jahre Neugablonz“ und im Gedenken an den 2015 verstorbenen langjährigen Vorsitzenden Heinz Böhm führt das Theater im Turm jetzt zum dritten Mal das paurische Volksstück „Hockewanzel“ auf.

In der Rolle des legendären Pfarrers hatte Heinz Böhm 1970 und 1987 große Erfolge gefeiert. Kürzlich war die neue Premiere. Diesmal wird der bei aller urwüchsigen Schlitzohrigkeit gütige, humorvolle Pfarrherr von Thomas Schönhoff gespielt, dem die Rolle geradezu auf den Leib geschneidert ist. 

Es gab ihn wirklich, den Wenzeslaus Hocke, volkstümlich „Hockewanzl“ genannt. Er lebte von 1732 bis 1808, wirkte zunächst als Pfarrer in Klein-Bocken und schließlich als Erzdechant in Ober-Politz. Für seine respektlosen Zusammenstöße mit der Obrigkeit, wo er den Schäfchen seiner Gemeinde auf unkonventionelle Weise zu ihrem Recht verhalf, war er weithin unter dem Beinamen „der nordböhmische Eulenspiegel“ bekannt. Heute würde man ihn vielleicht als „Böhmischen Don Camillo“ bezeichnen. 

Einige der in die Literatur eingegangenen Hockewanzl-Anekdoten wurden im Theaterstück zu einer Geschichte zusammengefasst: Hockes Nichte Franziska (liebenswert Tine Böhm) und sein Knecht Karl Hübner (bauernschlau Oliver Chmiel) möchten heiraten, sehen jedoch ein schier unüberwindliches Hindernis in Karls evangelischer Religionszugehörigkeit. Außerdem soll er zu den Soldaten einrücken, obwohl er der einzige Versorger seiner alten Mutter und seiner unmündigen Geschwister ist. Daher setzt Hocke eine Eingabe an den Amtmann von Leitmeritz auf. Ein wenig wie Robin Hood wirkt Hocke, wenn er der armen Witwe Agnes (Brigitte Dressler „notschte“ zum Steinerweichen) kostenlos ein würdiges Begräbnis für ihren Mann zusagt: „Dr Hömml kost nöscht!“ oder wenn er beim Kartenspielen mit dem Schulmeister (Alexander Schmiddunser) absichtlich ein paar Groschen verliert, weil der vier Kinder zu Hause hat. 

Die reiche „Jumpfer Feronika, dos Schandmaul, dos niedrträchtiche“ (Heidi Lucke), die sich über Spielkarten und Bier beim Pfarrherrn moralisch entrüstet, bekommt jedoch gehörig die Leviten gelesen, weil sie eine arme Familie, die ihr die Miete nicht bezahlen konnte, einfach auf die Straße gesetzt hat. Hockes Kutscher und langjähriges Faktotum Seff (Herbert Stumpe) mit unendlichem Bierdurst – „dr Seff sefft“ – versucht umwerfend komisch, den heiratswütigen Avancen der Schloß-Liese (Petra Lucke) zu entgehen. Im zweiten Bild wird Franziskas und Karls Eingabe dem Amtmann in Leitmeritz – hinreißend wichtigtuerisch mit seinem Pseudo-Latein Karl Köberle – und dessen Amtsdiener Schöffel – so devot, dass er Schleimspuren hinterlässt, Alexander Friedrich – persönlich überbracht. Wie Pfarrer Hocke dann des Amtmanns Genehmigung auf das Gesuch „zaubert“, ist ein Kabinettstückchen erster Güte. 

Aber als sich nach der Pause, in der als Ergänzung zum Lokalkolorit „Rejchrworschte“ reißenden Absatz fanden, der Vorhang wieder öffnete, erhielt sogar das leere Bühnenbild vom herzoglichen Bräuhausgarten in Politz einen spontanen Applaus. Hier führt Hocke den Wirt (Markus Stumpe) mit dem seltenen Tier „Mulhu“ aufs Glatteis und die vornehme Herzogin von Zweibrücken (Brigitte Fischer-Nitsche) mit ihrer reizenden jungen Hofdame (Kathrin Zimmerlein) spielt Schicksal bei der Bewerbung Hockes als Erzdechant. Dabei hilft Kutscher Seff gegen klingende Münze nach Kräften mit „fr su enn Tolr loss ich mr schun orntlich ejs ei de Gusche plepprn“. 

Die Auflösung aller Verwicklungen sollte man sich unbedingt selbst ansehen. Allerdings ist beim Kartenkauf Eile geboten: „Erstaunlicherweise läuft der Vorverkauf diesmal wie verrückt, bis auf einzelne Plätze ist alles ausverkauft – so einen Run sind wir sonst gar nicht gewöhnt, die Mundart scheint doch ein besonderer Magnet zu sein“, berichtete Karl Köberle.

von Ingrid Zasche

Weitere  Spieltermine:

Fr 29. April, Sa 30. April, jeweils um 20 Uhr; Sa, 23. April um 16 Uhr. VVK bei Buchhandlung Menzel, Tel. 08341/98244

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