Er war dabei

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Dr. Theo Waigel beeindruckte mit seinen zeitgenössischen Eindrücken zu Zeiten des Mauerfalls.

Kaufbeuren – Über 25 Jahre ist die Wiedervereinigung nun her und das Kaufbeurer Marien-Gymnasium bietet den Schülerinnen ein sogenanntes W-Seminar zum „Wunder der Wiedervereinigung“. Es erstreckt sich über die letzten beiden Schuljahre vor dem Abitur, also Q11 und Q12. Was liegt da näher, als einen Zeitzeugen dazu einzuladen? Dr. Theo Waigel gilt als maßgeblicher Gestalter der deutschen Einheit und Namensgeber des Euro.

Der ehemalige Bundesfinanzminister berichtete den Schülerinnen der Q11 und der zehnten Klassen, wie er die Zeit vor und um den Mauerfall herum bis zur Wiedervereinigung erlebt hat. 

„Für Sie ist das Geschichte, für mich Zeitgeschichte“, begann Waigel aus seinen Erinnerungen zu erzählen. Kalter Krieg, deutsche Teilung, der Mauerfall waren zentrale Themen der Gesprächsrunde. 

Für Erheiterung im Publikum sorgte die Anekdote einer indirekten Begegnung mit der Stasi. Auf einem privaten DDR-Besuch 1985 habe er gemerkt, dass über 100 Personen auf ihn angesetzt gewesen waren, die ihn auf Schritt und Tritt verfolgten. Abends im Hotel sagte Waigel in den leeren Raum hinein: „So meine Herrschaften, wir haben den ganzen Tag miteinander verbracht. Die nächsten sieben Stunden werden Sie allerdings nichts von mir hören – außer vielleicht schnarchen“.

 Jahre später habe Waigel in den Stasi-Akten über ihn nachgelesen, in denen über diesen Moment stand, dass sich „der Observierte seiner Observation deutlich bewusst war“. Waigels Kommentar: „Ein Irrsinns-Staat!“ 

Der 9. November 1989 – für Waigel „eine unglaubliche Nacht, die unvergessen bleibt in der Geschichte Deutschlands“. Vom Mauerfall habe er selbst bei einer Veranstaltung in seinem heimischen Wahlkreis erfahren, wie er auf Nachfrage von Lehrer Michael Bauer erzählte. Tags darauf habe er einen Flug nach Berlin genommen und sei abends unter anderem mit Bundeskanzler Helmut Kohl bei einer Kundgebung vor 100.000 Leuten dabei gewesen. Kohl gestaltete den Prozess der Wiedervereinigung 1989/1990 entscheidend mit. 

Der ehemalige Bundesfinanzminister war vor dem Mauerfall in regem und engem Kontakt zu Michail Gorbatschow. Zwischen dem damaligen Generalsekretär der KPdSU und Kohl habe ein großes Vertrauensverhältnis geherrscht – größer als zu Staatsmännern der DDR. Ohne diesen Politiker sei eine Wiedervereinigung Deutschlands „schwerlich“ möglich gewesen, antwortete Dr. Theo Waigel einer Schülerin. „Es wäre viel schwieriger, unübersichtlicher und teurer geworden.“ 

Wie er die aktuelle Situation in süd-ost-europäischen Staaten empfinde, wo Zäune errichtet würden und die Forderungen nach Grenzkontrollen größer würden? Waigel riet, „geduldiger mit osteuropäischen Ländern zu sein, auch was Ausländer angeht“ und zitierte damit den ehemaligen tschechischen Außenminister Karel Schwarzenberg. Ihnen fehle im Gegensatz zum Westen die Erfahrung multikulturellen Zusammenlebens, seinen sie doch bis zum Fall des Eisernen Vorhanges hermetisch abgedichtet gewesen. Die Flüchtlingsproblematik werde man, so Waigel, nicht auf nationalem Wege lösen können, sondern gesamteuropäisch. An erster Stelle aber müsste stehen, in den Herkunftsländern Perspektiven zu schaffen, damit Grenzkontrollen gar nicht erst nötig würden. 

Für diese Aussagen erntete der Politiker tosenden Beifall und bekam als Dankeschön für seine zeitgeschichtlichen Einblicke eine Tasche mit Wein, Kaufbeurer Pralinen und einem Buch über die Heilige Crescentia.

von Martina Staudinger

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