"Wir schaffen das, wir dürfen nicht scheitern"

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Ein brillianter Dr. Theo Waigel referierte beim Neujahrsempfang des Informationskreis der Wirtschaft im Fendt-Forum in Marktoberdorf.

Marktoberdorf – „Es ist besser in der Zuversicht zu leben, als in der Furcht.“ Worte, die der 100-jährige Ernst Jünger einst seinem Gast Dr. Theo Waigel ans Herz legte. Worte, die dieser nun auch seinen rund 250 Zuhörern im Fendt Forum mit auf den Weg ins neue Jahr gab, eingebettet in einen überzeugenden Vortrag zu den gesellschaftlichen Themen der Gegenwart.

Der Informationskreis der Wirtschaft Marktoberdorf hatte zum alljährlichen Neujahrsempfang ins Fendt-Forum geladen und gekommen waren so viele wie nie. „Es war brilliant“, resümierte Gastgeber Peter-Josef Paffen, Sprecher des Kreises und Vorsitzender der AGCO/Fendt-Geschäftsführung.

In seiner Rede spann Ex-Bundesminister Dr. Theo Waigel einen Bogen, der weit in die europäische Geschichte zurück und ganz nah an die aktuellen Herausforderungen heranreichte. Er blickte auf 100 Jahre Erster Weltkrieg und mehr als 25 Jahre Deutsche Einheit zurück. Er erinnerte an die Befreiung Kuwaits und die Einführung des Euro – und blieb doch nicht rückwärtsgewandt in der Historie hängen und schon gar nicht auf Beobachterposten.

Im Gegenteil. Der ehemalige Bundesminister verknüpfte brilliant die Themen der Vergangenheit mit den Sorgen der Gegenwart. Und bezog entschlossen Position. Er relativierte, mahnte und schickte so manchen Ratschlag in Richtung Kanzleramt. Vor allem aber brach „Mister Euro“ eine Lanze für die Europäische Union als Frieden stiftende Institution und für ihre gemeinsame Währung. „Was wären wir ohne den Euro?“ fragte er. „Ein Spielball zwischen dem Dollar und dem chinesischen Renminbi, der sich zur Weltwährung aufmacht.“

Eine große Verantwortung

Deutschland sei das ökonomisch und sozial attraktivste Land Europas, sagte der 76-Jährige, und untermauerte – ganz Ex-Finanzminister – dies mit Zahlen einer stabilen Konjunktur. Für viele Menschen sei Deutschland daher auch das Land mit dem größten Entfaltungspotential, ja der Stabilitätsanker Europas. Doch diese Wertschätzung deutete Waigel nicht etwa als Führungsanspruch, vielmehr leitete er daraus eine große Verantwortung ab. „Ja, wir haben die Verantwortung in Europa“, betonte er. Dies gelte für die Finanz- ebenso wie für die Flüchtlingskrise.

Und da war er bei den großen, aktuellen Fragen angekommen und machte keinen Hehl aus seiner Kritik am Kurs der Kanzlerin. Ihr vielfach bemühtes „Wir schaffen das“ müsse eingebunden sein in ein parlamentarisches Gesamtkonzept, das Maßnahmen wie auch finanzielle Konsequenzen ehrlich öffentlich mache, so Waigel. „Stellen Sie sich vor, wir schaffen das nicht“, warf er mahnend in die Runde. „Das wäre die Katastrophe für Deutschland und, angesichts unserer Verantwortung, auch für Europa.“

 Und in Richtung der Kanzlerin forderte er: „Wenn die Voraussetzungen für einen europäischen Plan A in Sachen Flüchtlingskrise nicht da sind, muss als ultima ratio auch ein Plan B möglich sein. Es kann nicht sein, dass alle anderen europäischen Länder die Flüchtlinge einfach nach Deutschland durchreichen.“ Hilfe ja, aber Waigel warnte vor einer unbegrenzten Einwanderung.

Zuversicht und Mut 

Angesichts von weltweit 60 Millionen Menschen auf der Flucht unterstütze er die Forderung von Parteikollege und Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU), mehr Geld in den Krisenregionen einzusetzen, sowie Transitländer oder Krisen-Anrainerstaaten auch finanziell beizustehen. Gleichzeitig gab Waigel der Kanzlerin den guten Rat, eine stärkere Beteiligung der Golfstaaten und Visegràd-Länder einzufordern.

Für Deutschland sagte er Integration als das große Thema der nächsten zehn Jahre voraus. „Das müssen wir mutig angehen“, schloss er zuversichtlich mit Blick auch auf die zahlreichen Unternehmer in den Reihen der Zuhörer.

von Angelika Hirschberg

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