Tiefgründiger Blick in die Seele einer biologischen Maschine

Kinokritik: "Blade Runner 2049"

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Blade Runner „K“ (Ryan Gosling) geht seinem Gewerbe nach.

Vergangene Woche startete mit „Blade Runner 2049“ eines der meist erwarteten Science-Fiction Sequels der Filmgeschichte. Dabei war der erste „Blade Runner“ ein Flop. Zumindest an den Kinokassen von 1982. Erst im Laufe der Jahre entwickelte sich Ridley Scotts Klassiker zum melancholischen Kultfilm eines apokalyptischen Weltbildes, dessen Zukunft nicht allzu fern schien.

Die Romanvorlage lieferte Philip K. Dick mit dem metaphorischen Titel „Träumen Androiden von elektrischen Schafen?“ und geht der Frage nach, was einen Menschen überhaupt menschlich macht, wenn der Unterschied zu einem biologisch adäquaten Androiden immer mehr verwischt. Der kanadische Regisseur Denis Villeneuve stellt sich diese komplexe Frage erneut und schickt mit Ryan Gosling und (erneut) Harrison Ford zwei prominente Schwergewichte in seine düstere Zukunftsvision.

Inhalt

Seit 30 Jahren gilt der ehemalige Blade Runner Rick Deckard (Harrison Ford) als vermisst. Nach einem globalen Blackout und dem Aus der „Tyrell Corporation“ hat sich eine neue Führungsspitze gebildet, welche nicht nur neue und sozial verträgliche Androiden als Sklaven züchtet, sondern auch die alten Überreste der damaligen Produktion in den „Ruhestand“ schickt. Polizeibeamter K (Ryan Gosling), selbst ein „Blade Runner“ der neuen Generation, entdeckt allerdings während seiner Fahndung nach alten „Modellen“ der Nexus-Reihe Hinweise, die das ganze gesellschaftliche System der neuen Wirtschaftsmacht ins Wanken bringen könnten. Während er immer tiefer gräbt, gerät auch sein eigenes Schicksal ins Fadenkreuz mächtiger Interessen.

Rezension

Die Zukunft der einstigen Zukunft könnte nicht phantasievoller und gleichzeitig bedrückender erdacht sein. Waren Himmel und Erde von Los Angeles in Ridleys Scotts Vorstellung von Menschen, Maschinen, Fahrzeugen und Werbung völlig überwuchert und lärmerfüllt, wirkt die Welt von Denis Villeneuve dreißig Jahre später geradezu ausgestorben.

Dass dem nicht so ist, zeigen die grandios epischen Aufnahmen aus der Vogelperspektive. Ein dystopisches Los Angeles ist auf Grund der nebulösen Atmos­phäre und sintflutartigen Regenfälle kaum noch zu erkennen, die Welt von übermorgen besteht aus einem engmaschigen, flachen und monotonen Gebäude-Panzer, dessen seltene, hohe Architektur-Spitzen von den Mächtigen der Stadt bewohnt wird. Slums sind zu riesigen verwahrlosten Abfall-Arealen in der Größe eines kleinen Bundesstaates angewachsen. Diese Bezirke werden genauso scharf isoliert wie die verseuchten Rand-Gebiete, die der Filmemacher in rostroter, marsähnlicher Optik angelegt hat.

Villeneuve verschwendet keinen Gedanken daran, das Werk von 1982 zu kopieren, sondern übernimmt lediglich den optischen Stil, die musikalische Atmosphäre und den beinahe schwerfälligen Erzählstil des Originals. Besonders faszinierend gestaltet sich dabei die Beziehung zwischen dem biologisch perfekten Androiden ohne menschlichen Status und einem erworbenen Hologramm mit künstlichem Bewusstsein. Kann ein körperloses Programm eine Seele besitzen und umgekehrt? Darin liegt der größte Anreiz in der Grundidee des Kanadiers.

Doch trotz genialer Optik, einer fesselnden Geschichte mit unvorhersehbarer Handlung und starker Besetzung bis in die kleinsten Nebenrollen, kann „Blade Runner 2049“ dem Original schwerlich das Wasser reichen. Woran das liegt ist nicht leicht auszumachen, den Kult-Status erreicht ein Film durch ganz besondere Szenen, wie beispielsweise die letzten Worte des mit dem Tode ringende Replikant Roy Batty (Rutger Hauer) am Ende des ersten Films oder die eingehend verwobene, melancholische Ästhetik zwischen Musik und Film, wie sie Vangelis 1982 unübertroffen komponiert hat. Vielleicht braucht es aber auch noch etwas Abstand und ein paar Jahre Zeit, bis diese Vision in unserer Empathie die richtige Kult-Reife erreicht hat.

von Michael Denks

Infos zum Film:

Originaltitel: Blade Runner 2049

Land: USA

FSK: 16

Regisseur: Denis Villeneuve

Darsteller: Ryan Gosling, Harrison Ford, Ana de Armas, Robin Wright u.a.

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