Kloster Irsee: "Breverl" zur Abwehr von Unheil in alter Treppenstufe versteckt

Glücklicher Fund im Kloster Irsee

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Ein winziger roter Stoffpartikel, ein fingerlanges Doppelbalken-Kreuz, ein nur daumennagelgroßes Medaillon und zwei bedruckte Zettelchen mit deutschem und lateinischem Text kamen unter einer Treppenstufe zum Vorschein.

Irsee – Als im Sommer vergangenen Jahres eine ehemalige Treppenstufe von Kloster Irsee zu einer Ablage im neuen Freizeitraum des Schwäbischen Tagungs- und Bildungszentrums aufgearbeitet werden sollte, fiel Stephan Bartenschlager aus Kleinkemnat, Mitarbeiter der Schreinerei Angerer in Irsee, ein Hohlraum auf, in dem sich ein kleiner Schatz versteckte, den er bergen konnte:

Ein winziger roter Stoffpartikel, ein fingerlanges Doppelbalken-Kreuz, ein nur daumennagelgroßes Medaillon und zwei bedruckte Zettelchen mit deutschem und lateinischem Text kamen zum Vorschein. Vier von Dr. Stefan Raueiser als Leiter der Bezirkseinrichtung zu Rate gezogene Experten konnten den Fund jetzt einordnen:

„Beim Kreuz handelt es sich um ein sogenanntes Caravaca-Kreuz“, wusste Petra Weber, Leiterin des Stadtmuseums Kaufbeuren, das durch eine exquisite Kruzifix-Sammlung bekannt ist: Die Stadt Caravaca in Spanien war seit dem 13. Jahrhundert ein Wallfahrtsort aufgrund seiner Kreuz-Reliquie, die in einer doppelbalkigen, kostbaren Fassung bewahrt wird. Durch Pilger fanden seit dem 17. Jahrhundert Nachbildungen des Reliquiars eine weite Verbreitung – offensichtlich auch bis ins Allgäu nach Irsee.

Die Identifizierung des Medaillons war erst nach seiner Reinigung und vergrößerten Umzeichnung durch Restauratorin Heide Tröger aus Kempten möglich, bei der zwei Gebetsformeln zum Vorschein kamen: Auf der einen Seite des Medaillons befindet sich der Zacharias-Segen und auf der anderen (in kreuz-förmiger Darstellung) der Benedictus-Segen.

Und schließlich ließ sich auch der Text eines der aufgefundenen Zettelchen vollständig rekonstruieren, da die darauf befindlichen Segensformeln in nahezu identischer Fassung abgedruckt sind in Friedrich Nicolais „Beschreibung einer Reise durch Deutschland und die Schweiz im Jahre 1781“. Der Aufklärer Nicolai nahm solche Texte in den Anhang seiner 1785 erschienenen Reisebeschreibung auf, um zu belegen, dass in den katholischen Gebieten Süddeutschlands nach wie vor Aberglauben verbreitet war.

„Die gedruckten Segensformeln sind zusammen mit den weiteren Fundstücken - dem Caravaca-Kreuz, dem Benediktuspfennig und dem roten Stoff- oder Filzstückchen – typische Bestandteile eines sogenannten Breverl“, erläutert der Augsburger Historiker Dr. Helmut Zäh: „Die Breverl wurden üblicher-weise wie ein Amulett oder Talisman zur Abwehr von Krankheit und Gefahr am Körper getragen, konnten aber auch bei Baumaßnahmen zur Unglücksabwehr an versteckter Stelle eingebracht werden.“

Auch wenn in jüngster Zeit das ehemalige Benediktinerreichsstift Irsee als Hort der katholischen Aufklärung identifiziert werden konnte, so haben sich Reste von Volks- und Aberglauben auch in diesem Kloster erhalten: „Nicht selten wurden solche Amulette und Medaillen als Wetterschutz oder zur Abwehr von Unheil auf Dachfirsten und Türmen angebracht oder aber auch in Hausfundamente eingegraben“, weiß Museumsleiterin Petra Weber aus Kaufbeuren zu berichten.

Nur das Alter der Treppenstufe, in die der Schatz eingelassen war, ließ sich nicht herausfinden: In einer vom Schwäbischen Bildungszentrum beauftragten dendrochronologischen Baualtersbestimmung erwies sich die Eichenholz-Bohle als nicht datierbar – „und für die alternative Radiokarbon-Datierungsmethode ist die Probe vermutlich zu jung, der Zeitbereich wäre wahrscheinlich zu groß, zum Beispiel 1700 bis 1850“, meint Friederike Gschwind vom Büro für Dendrochronologie in Planegg.

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