Keine Euphorie, aber ordentliches Ergebnis

Traktorhersteller Fendt mit Geschäftsjahr zufrieden: 18.750 Schlepper verkauft

Großtraktor Fendt Vario 1100 MT
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(Vario 1000 MT): Fendt setzt auf Wachstum, vor allem in Nord- und Südamerika, wie mit dem neuen Großtraktor Fendt Vario 1100 MT. Der Raupenschlepper wurde anlässlich der Jahrespressekonferenz als eine von mehreren Produktneuheiten vorgestellt.

Marktoberdorf – „10.59 Uhr. Wir gehen in einer Minute auf Sendung!“ lautet die Anweisung aus dem Off. Auf dem Podium wird es still, die eine oder andere Brille wird zurecht gerückt, die Nase geputzt, geräuspert. Dann geht sie los, die jährlich mit viel Spektakel inszenierte Pressekonferenz von Landtechnik-Hersteller AGCO/Fendt, Global Player und größter Arbeitgeber im Ostallgäu. Der Countdown läuft, Pressesprecher Sepp Nuscheler begrüßt eine Handvoll Journalisten im Fendt-Forum und erwartungsvolle Stille senkt sich über den Saal. Und doch ist es anders als in den vergangenen Jahren. Ach, ja… das Spektakel. Es fehlt.

Natürlich, es ist es ein besonderes Jahr. Nicht nur, dass die Auswirkungen der Corona-Pandemie die Produktion bei Fendt im Frühjahr über fünf Wochen still stehen ließen. Messen, Feldtage und Kunden-Events wurden verschoben oder fielen einfach aus. Auch die Pressekonferenz steht unter den Vorzeichen der Pandemie: nur wenige Journalisten aus dem Inland sind vor Ort zugelassen, 450 weitere aus 36 Ländern sind eingeladen, an der virtuellen Live-Konferenz teilzunehmen, die eben auf Sendung geht. Der Verkaufsstart der neuen, in dritter Generation entwickelten Fendt 200er-Baureihe geht gar ausschließlich online über die Bühne. Wir erinnern uns vage, zum Start des Fendt 1000 Vario im Jahr 2014 traf man sich noch pompös auf Schloss Neuschwanstein.

Der Vorsitzende der AGCO/Fendt-Geschäftsführung Christoph Gröblinghoff erläuterte die Geschäftszahlen im Ausnahmejahr 2020.

So täuschte wohl nicht nur der Eindruck, dass das PR-Event gezwungenermaßen nüchterner ausfiel als gewohnt. Auch die präsentierten Zahlen und Fakten hinterließen keine echte Euphorie. Christoph Gröblinghoff, seit Januar Vorsitzender der ACGO/Fendt-Geschäftsführung, stellte die Markt- und Geschäftsentwicklung vor und sprach von einem „sehr ordentlichen Ergebnis“ angesichts der herrschenden weltweiten Einschränkungen. Und doch hat auch Fendt eine Achterbahnfahrt hinter sich. „Anfang des Jahres gingen wir noch fest davon aus, das Ziel der Strategie 2020, nämlich 20.000 Traktoren in diesem Jahr zu verkaufen, auch sicher zu erreichen“, so der Fendt-Chef. „Und Ende März mussten wir trotz guter Auftragslage die Traktorenproduktion und auch zum großen Teil die Erntemaschinenproduktion für fünf Wochen unterbrechen.“ Zeit, die Fendt allenfalls dafür nutzen konnte, zahlreiche Maßnahmen zum Schutz der Belegschaft umzusetzen.

Stabiler Traktorenmarkt in Deutschland

So kommt es, dass die Fendt-Führung aktuell mit einem Absatz von rund 18.750 Schleppern bis zum Ende des Ausnahmejahres rechnet. Das ist ein Prozent weniger als im Vorjahr, allerdings – wie Gröblinghoff betont – immerhin noch das zweitbeste Ergebnis in der Fendt-Geschichte. Er klingt zufrieden, denn gut die Hälfte des Produktionsrückstands im Traktorenbereich konnten mit Sonderschichten bis Ende September aufgeholt werden. „Das Landtechnik-Geschäft läuft wieder annähernd normal“, sagt Gröblinghoff. „Da machen der Landwirtschaft die regional auftretenden Dürren und die afrikanische Schweinepest mehr zu schaffen.“

Erfreulich stabil zeigt sich der deutsche Traktorenmarkt, wo Fendt auch in diesem Jahr seine Position weiter ausbauen konnte. So ist beispielsweise bei den Neuzulassungen vor allem im Bereich der Großtraktoren ab 200 und vor allem ab 400 PS fast jeder zweite Schlepper ein Fendt. Nicht ganz so glücklich scheint der Fendt-Chef mit Blick auf das Geschäft in Europa. Dort entwickelten sich die Traktorenmärkte sehr unterschiedlich, so Gröblinghoff und er zielt insbesondere auf Absatzmärkte in Frankreich, Italien, Großbritannien und Spanien mit Rückgängen im zweistelligen Bereich. „Insgesamt erwarten wir in Europa einen Marktrückgang um rund sechs Prozent im Jahr 2020.“

Es sind daher die Märkte in Nord- und Südamerika sowie Asien und Australien, wo Fendt wachsen und Marktanteile gewinnen will. Dort konnte der Absatz bereits um 20 Prozent auf rund 1800 Fendt-Traktoren gesteigert werden. Im vierten Jahr als Full-Liner hingegen steht dem Landtechnik-Konzern noch Arbeit bevor. Denn die Absatzzahlen von Mähdreschern (360 verkaufte Einheiten), Ballenpresse (rund 1100 verkaufte Einheiten) und Erntemaschinen (3400 verkaufte Einheiten) stehen noch weit hinter denen der Traktoren zurück. AGCO-Konzernchef Martin Richenhagen beruhigt. „Wir arbeiten daran, auf dem Markt als Full-Liner angenommen zu werden. Die Produkte sind da, jetzt wird verkauft.“

Mitarbeiterzahl weiter gewachsen

Wie Gröblinghoff weiter ausführte, beschäftigte AGCO/Fendt zur Jahresmitte an allen sechs Standorten in Deutschland (Marktoberdorf, Asbach-Bäumenheim, Feucht, Waldstetten, Hohenmölsen und Wolfenbüttel) insgesamt 5.958 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Das waren 117 mehr als Ende 2019. Die Umstellung der Traktorenmontage in Marktoberdorf auf ein Zweischichtsystem und die Erhöhung der Tagesproduktion ließ sich nur mit zusätzlichen Mitarbeitern bewerkstelligen. An allen anderen Standorten blieb die Beschäftigung stabil auf hohem Niveau.

Für die Mitarbeiter in Forschung und Entwicklung baut Fendt aktuell ein sechsstöckiges Gebäude in Marktoberdorf. Noch steht das Gerüst, bald jedoch soll es 120 neue Arbeitsplätze beherbergen und die Abteilungen Forschung und Entwicklung vergrößern. Auch mit einer neuen Kantine inklusive Grillstation und Patisserie auf dem Werksgelände will Fendt bei seinen Angestellten punkten. Und Gröblinghoff verspricht: „Das Budget für Forschung und Entwicklung liegt im Jahr 2020 bei knapp 80 Millionen Euro mit weiter steigender Tendenz in den kommenden Jahren.“

Fendt-Strategie 2021

Nun werden zwar 2020 keine 20.000 Fendt-Traktoren in Marktoberdorf vom Band rollen. Für die kommenden Jahre setzt die Fendt-Führung dennoch auf Kontinuität. Und rechnet fest damit, dass im kommenden Jahr das Ziel von 20.000 erreicht wird. Konzernchef Richenhagen setzt die Latte hoch: „Ich bin für 21.000 plus.“ Denn die Kapazitäten wären am Allgäuer Standort dafür noch viel mehr. Das Werk in Marktoberdorf ist für die Produktion von bis zu 30.000 Traktoren ausgerichtet. Luft nach oben also, denn Fendt will weiter wachsen. Als wichtige Wachstumsmärkte nennt Gröblinghoff Nordamerika, Brasilien, Australien und Neuseeland. „Unser Ziel ist die Entwicklung der Marke Fendt zu einem globalen, digitalen und nachhaltigen Full Line Anbieter der Landtechnik.“

Angelika Hirschberg

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