Glöckchen statt Klausen

Um Menschenansammlungen zu vermeiden, ging der Nikolaus auf Tour

Ohne Sack und ohne Klausen: Der Aitranger Nikolaus und seine Begleiter begrüßten die Menschen von der Kutsche aus.
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Ohne Sack und ohne Klausen: Der Aitranger Nikolaus und seine Begleiter begrüßten die Menschen von der Kutsche aus.

Aitrang – Aufgrund der aktuellen Verbote von kulturellen Veranstaltungen und Versammlungen kam der Nikolaus am vergangenen Sonntag nicht zur Friedenslinde und verteilte auch keine Gaben an die Kinder des Dorfes. Auch sah man keine Klausen im Ort. 

Und trotzdem fuhr der Heilige Nikolaus an jenem Tag in seiner Kutsche durch das Dorf: In „kleiner Besetzung” mit Kutscher, Engel und Krampus ließ er sich begleitet vom Glockengeläut am Geschirr der Pferde durch die Straßen fahren. Damit sich keine Menschenansammlungen bilden konnten, machten der Heilige und seine Begleiter eine Tour durch das gesamte Dorf inklusive der Siedlungen am Heuberg und am Katzenberg. So konnte er an fast jeder Straßenkreuzung gesehen und begrüßt werden.

Angekündigt durch die Glöckchen und den Hufschlag der Pferde lockte der Bischof aus Myra vor allem Familien mit Kindern an die Gartenzäune. Freude auf vielen Gesichtern. Nur ein paar kleinere Kinder hatten dann doch ein wenig Angst, weil sie sich nicht ganz sicher waren, ob die berüchtigten Klausen mit ihren Ruten nicht auch diesmal noch auftauchen würden.

Felix Gattinger

Kommentar

  • von Felix Gattinger
  • „Ohne Kultur wird‘s still“, posten derzeit viele Künstler und Theatermacher in den sozialen Netzwerken. Bevor es in Deutschland Theater gab, waren Mysterienspiele im Mittelalter beliebte Events. Der Martinsritt und die Nikolausfeier und das Klausentreiben sind Überbleibsel dieser alten Kunstform. Vor einem Jahr noch stürmte nach einer Salve von Böllerschüssen eine Horde maskierter und mit Ruten bewaffneter Klausen durch eine Nebelwand auf die Aitranger Bevölkerung zu. Pandemiebedingt musste das Spektakel dieses Jahr entfallen. Der Heilige Nikolaus aber, also der eigentliche kulturelle und religiöse Inhalt selbst, zeigte sich auch heuer den Menschen im Dorf. Ohne Geschenke und ohne das Klausen­spektakel danach.
  • Diese neue Schlichtheit im kulturellen Akt war ja eigentlich der Wunsch, den viele seit Jahren angesichts des vorweihnachtlichen Konsum- und Partyrummels hegten. Nun, da der Wunsch wahr geworden ist, bleibt abzuwarten, wie das Ausbleiben der großen Feierlichkeiten unser Lebensgefühl tatsächlich beeinflussen wird. Essenziell wird in jedem Fall sein, wie wir emotional damit umgehen. An Möglichkeiten mangelt es da nicht: Man könnte in Erwartung einer stillen Weihnacht ohne große soziale Kontakte entweder Trübsal blasen oder aber sich auf den religiösen Kern der Veranstaltung zurückbesinnen. Vielleicht möchte man anstatt der Rückbesinnung aber auch kreativ nach vorne blicken und gerade dieses Jahr dem anstehenden „Fest der Liebe“ einen völlig neuen Sinn geben.

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