„Ich hab' mehr Angst vor der Grippe“

Umfrage zum Coronavirus: Gelassene Marktoberdorfer appellieren an die Vernunft

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Finn und Inga Seitz.

Marktoberdorf – Die Welt erstarrt unter einer hochinfektiösen Pandemie, dem Coronavirus SARS-CoV-2. Das tägliche Leben ist nicht mehr das, was es bisher war. Veranstaltungen und Versammlungen sind landesweit untersagt. Die Schulen und Kitas haben seit Montag in ganz Bayern geschlossen. Genauso wie nun auch sämtliche Einrichtungen, die der Freizeitgestaltung dienen. Dazu zählen insbesondere Hallenbäder und Thermen, Kinos, Bars, Restaurants und Diskotheken, Theater, Vereinsräume und Sport- und Spielplätze sowie Fitnessstudios. Auch Bibliotheken, Museen und jegliche Formen von Bildungseinrichtungen...– gefühlt alles, vor allem das, was Spaß macht.

Täglich gibt es Meldungen von weiteren Infizierten und auch die Todeszahlen häufen sich. Der Kreisbote war in Marktoberdorf unterwegs, um die Bürger nach ihrer Meinung, ihren Gefühlen und Erfahrungen zur Situation zu fragen. Kein leichtes Unterfangen.

Während sich scheinbar alles und auch die Gespräche, die aufgeschnappt werden können, um das Coronavirus dreht, war öffentlich kaum jemand zu einer Aussage bereit. So manch einer nahm regelrecht Reißaus, noch bevor die Bitte ausgesprochen war. Ob es die Nähe war, die als Redakteur dafür gesucht und von welcher offiziell abgeraten wird, oder nur eine allgemeine Verunsicherung der Grund dafür war, ist nicht zu sagen.

Nicole und Konrad Endraß.

„Wir sind von Haus aus nicht unbedingt gefährdet“, sagte Nicole Endraß. Mit ihrem Sohn Konrad war sie Blumen kaufen. Abgesehen davon, dass die Familie nun mehr auf Hygiene achte, habe sie „keine große Panik“. Es sei beunruhigend, aber es wäre weniger Angst als das Warten auf das, was da so noch komme. „Wir wohnen außerhalb auf einem Hof und sind sehr mit den ganzen Tieren beschäftigt“, erzählte sie weiter. Nach Markt­oberdorf kämen die beiden noch ohne Bedenken. Besorgungen gebe es zu machen, außerdem hatte Konrad noch einen Termin in der Stadt. „Zwei Ponys, wir haben zwei Ponys“, krakeelt Konrad unbeeindruckt von allem dazwischen. Aber es gibt unter anderem noch Kühe, Damwild und Kleintiere, deshalb werde es bestimmt nicht langweilig, schmunzelte Endraß.

Robert Motus.

Robert Motus arbeitete gerade im Garten. Mit dem nötigen Abstand, über den Zaun hinweg, war er bereit, seine Meinung zu sagen. „Man muss einfach gelassen bleiben. Man muss doch keine Hamsterkäufe machen, das ist ja nicht normal,“ sagte er zu der Reaktion vieler Menschen. „Wir bekommen doch immer noch alles, von Montag bis Samstag.“ Die geplanten Sonntagsöffnungszeiten finde er ebenfalls übertrieben. Er verfalle nicht in Panik. Das, obwohl er selbst als gefährdet gelte. Denn Motus, so erzählte er weiter, überlebte eine Krebserkrankung. Hygiene zu beachten, auf die Empfehlungen zu hören, dass empfindet er als angebracht. „Von mir aus kann man auch Abstand halten. Es ist doch einfach nur wichtig, vernünftig zu bleiben. Das ist das A und O“, so Motus.

Michael Smith.

„Ich denke, für mich, dass die Chinesen da was verheimlicht haben“, sagte Michael Smith, der sich gerade um seinen Roller kümmerte. „Wieso haben die sonst so schnell eine riesen Klinik bauen können?“ Er sei herzkrank und Diabetiker, aber Angst habe er nicht. „Ich habe mehr Angst vor der Grippe und ich mache auch keine Hamsterkäufe.“ Zwar bemühe er sich einzuhalten, was das Robert Koch Institut angab, aber das helfe ja allgemein vor Ansteckung. Der gebürtige Engländer lebt seit 38 Jahren im Allgäu. Nun war der Plan, dieses Jahr zum 90. Geburtstag seines Onkels zu fahren. „Die Tickets sind gebucht. Jetzt warten wir auf einen Anruf der Bahn, was damit ist.“ Um den Onkel und die Tante, die ebenfalls bereits 88 Jahre alt ist, sorge sich Smith schon. Im November möchte er mit einer Gruppe von 16 Leuten zum Golf spielen in die Türkei fliegen. Bis dahin, so hofft er, ist das Reisen wieder möglich.

Finn und Inga Seitz.

Finn Seitz ist sechs Jahre alt und findet das Ausschlafen eigentlich gar nicht so schlecht. Dass aber kein Fußballtraining mehr stattfinden darf, ist ein herber Schlag für ihn. „Die Umstellung war für uns alle sehr stressig. Da hat es am Anfang ein paarmal gekracht,“ berichtete seine Mutter Inga Seitz. Mit der Umstellung war die Kinderbetreuung gemeint. „Arbeiten muss man ja trotzdem.“ In ihrem Fall, wie auch teilweise vorher schon, von zu Hause aus. Ihr Mann gehe bisher noch regulär seiner Arbeit nach. Seitz habe keine große Angst und sie hätten auch keine Hamsterkäufe getätigt. „Man hält sich eben an die Richtlinien. Organisatorisch war das die ersten Tage etwas schwierig“, berichtete die Mutter zweier Kinder. Auch sei es nicht ganz einfach, die Rolle einer Lehrerin zu übernehmen und die Kinder zu den Schulaufgaben anzutreiben. So lange es nicht verboten ist, werde sie auch noch raus gehen. „Jetzt müssen wir einfach abwarten und schauen, was noch kommt. Wir bekommen das schon hin.“

von Selma Höfer

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