Unverständlich und skandalös

An einen schlechten Scherz glaubten in der vorvergangenen Woche zuerst einige Bauern im Ost- und Unterallgäu. Im Briefkasten lag eine sogenannte „Umbruchanordnung” der Regierung von Oberbayern. Sämtliche junge Maispflanzen, hieß es darin, die aus Saatgut des Buxtehuder Agrar-Konzerns Pioneer stammen, müssten innerhalb einer Woche vernichtet werden. Es seien bei einer Routinekontrolle des niedersächsischen Landwirtschaftsmin- isteriums Spuren von gentechnisch verändertem Material in einer Charge Saatgut der Firma gefunden worden. Die betroffenen Bauern verteilen sich über sieben Bundesländer, im nördlichen Ostallgäu und im Unterallgäu sind über 20 von ihnen aufgefordert, die bereits sprießenden Pflanzen mit dem Pflug buchstäblich „dem Erdboden gleichzumachen”.

Nicht einmal als Brennmaterial oder ähnliches dürfte der verunreinigte Mais noch verwendet werden, dies geben die strikten Vorgaben des Umweltministeriums in Bezug auf gentechnisch verunreinigtes Pflanzenmaterial vor. Ursprünglich waren die Maispflanzen in Bioqualität für die Weiterverarbeitung in einer Biogasanlage vorgesehen. Bliebe der Mais auf dem Feld, könnten sich die gentechnisch veränderten Erbinformationen durch Pollenflug auf „sauberen” Mais übertragen. Die künstlich veränderten Merkmale beziehen sich beispielsweise auf Schädlingsresistenz, schnelleres Wachstum und vor allem Resistenz gegen Herbizide (Unkrautvernichtungsmittel). Prinzipiell sei das bedingungslose Vorgehen gegen die Verbreitung von Gen-Mais im Sinne der Landwirte, erklärt Thomas Kölbl, Geschäftsführer des Bayrischen Bauernverbandes in der Geschäftsstelle Kaufbeuren auf Anfrage des KREISBOTE. In diesem Fall gibt es jedoch ein erhebliches Problem, denn wer für den entstandenen Schaden von tausenden Euro aufkommt, ist momentan noch völlig unklar. Die Firma Pioneer weigert sich, die Proben anzuerkennen. Im Rahmen des firmeninternen Prüfungsverfahrens habe man keine Hinweise auf gentechnisch verändertes Material gefunden, ließ das Unternehmen verlauten. Außerdem habe man erst im April von den angeblichen positiven Proben erfahren. Da sei es sowieso bereits zu spät gewesen, eine Rückrufaktion für die betreffende Charge zu starten: Mais wird in Deutschland Ende April ausgesät. Seltsam ist dabei: bereits im Februar lagen dem niedersächsischen Landwitschaftsministerium die positiven Ergebnisse der Stichproben vor. Wer für die Verzögerung verantwortlich ist und warum diese Ergebnisse nicht umgehend veröffentlicht wurden und das verunreinigte Saatgut so aufs Feld gelangen konnte, ist bis heute ungeklärt: „Dieses Vorgehen ist für mich absolut unverständlich und geradezu skandalös. Da wird ein Streit zwischen einer Behörde und einem Großkonzern auf dem Rücken der Landwirte ausgetragen, obwohl dies die einzigen sind, die nachweislich keine Schuld trifft”, so Thomas Kölbl. Die Firma Pioneer habe ihre Fürsorgepflicht gegenüber den Landwirten auf eklatante Weise verletzt: „Auch wenn Pioneer in den eigenen Untersuchungen keinen Nachweis auf Gentechnik gefunden hat, so hätte doch sicherheitshalber die betroffene Lieferung zurückgehalten werden müssen. Dieser Vorfall ist dem Ansehen des Unternehmens bei den Landwirten sicher nicht zuträglich.” Viele der Bauern erfuhren erst durch die Presse oder die Umbruchanordnung von dem potentiellen Gen-Mais auf ihrem Feld. Und nicht nur der Ertrag des laufenden Jahres steht auf dem Spiel: durch die Unterpflügung gelangen die möglicherweise gentechnisch veränderten Pflanzen in den Feldboden. Das bedeutet, dass erst einmal keine anderen Feldfrüchte auf dem betreffenden Stück Land angebaut werden dürfen, erklärt Thomas Kölbl. Auch bestehe die Möglichkeit, dass sich bestimmte Eigenschaften des untergepflügten Pflanzenmaterials auf künftig dort angebauten Mais übertragen, so zum Beispiel die Resistenz gegen Herbizide. „Dies birgt die Gefahr, dass beispielsweise schädliche Pilze ihrerseits eine Resistenz gegen das Herbizid entwickeln und dann nicht mehr oder nur sehr schwer zu bekämpfen sind”, so der Geschäftsführer des Bayrischen Bauernverbandes in Kaufbeuren. Buchloes Bürgermeister Josef Schweinberger (CSU) kündigte an, sich im Rahmen seiner Möglichkeiten für die betroffenen Bauern in der Region stark zu machen, schlussendlich bleibe aber aus seiner Sicht „wohl nur der Klageweg, um die finanziellen Schäden auszugleichen“. Ein geringer Trost für die Landwirte, denn ein Fond oder eine Versicherung, die die Ausfälle vorerst bis zur endgültigen Klärung übernehmen könnten, bestehen nicht.

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