„Verlust eines musealen Kleinods“

Kaufbeurens Puppentheatermuseum wird aufgelöst

Puppentheatermuseum Kaufbeuren wird aufgelöst
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Im Eingangsbereich stehen schon Kartons mit einem Sammlungsteil für ein Museum in Dresden zur Abholung bereit.
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Das stimmungsvolle Museumsgebäude Spielberger Hof.
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Von Alois Raab gefertigte Puppen sollen ins Theater übernommen werden.
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Auch die Kaufbeurer Märchenkutsche, mit der Alois Raab zum Beispiel beim Tänzelfest unterwegs war, soll ins Theater übernommen werden.
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Stücke mit Bezug zu Kaufbeuren wie dieser „Tänzelfest-Kasper“, eine der ersten Puppen von Raab, bleiben auf jeden Fall im Theater.
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Ob dieser prächtige, fast lebensgroße sizilianische „Rasende Roland“ behalten wird, ist weniger sicher .
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Marionetten von Albrecht Roser und Stabpuppen von Karl Heinz Drescher agieren gemeinsam als Stars in der Fernsehverfilmung von „Robbi, Tobbi und das Fliewatüüüt“.
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Blick in eine Puppenmacher-Werkstatt.

Kaufbeuren – Erfahrungsgemäß sind Kultureinrichtungen meist Zuschussbetriebe. Dennoch leistet sich jede Stadt, die etwas auf sich hält, Theaterbühnen, Konzertsäle und das eine oder andere Museum, seien sie direkt unter städtischer Leitung oder von Vereinen betrieben und städtisch gefördert. Wenn jedoch, wie beim Puppentheatermuseum, jährlichen Ausgaben von circa 25.000 Euro lediglich Einnahmen – einschließlich Spenden – von 359 Euro und weniger gegenüberstehen und die staatliche Förderung inzwischen wegen „fehlender überregionaler Bedeutung“ gestrichen wurde, ist es verständlich, wenn die Verantwortlichen – die Stadt und der Puppenspielverein Kaufbeuren e. V. – sich „schweren Herzens“ für eine Auflösung der Einrichtung entscheiden. Der Beschlussantrag in der jüngsten Kulturausschusssitzung, das Museum im Laufe des Jahres aufzulösen und zu schließen, wurde allgemein bedauert, jedoch prinzipiell eingesehen.

Walter Nocker (CSU) fragte an, ob denn nicht ein Ankauf durch die Stadt möglich sei, da das Museum doch auch ein Stück Heimat für die Kaufbeurer darstelle. Dem entgegnete Kulturamtsleiter Günther Pietsch, zunächst müssten Besitzverhältnisse geklärt und Nachlässe sowie Leihgaben zurückerstattet werden, der Rest solle „in gute Hände“ gegeben werden. Nach der Sichtung des Vorhandenen erwägt man im Sommer eine öffentliche Versteigerung im Spielbergerhof. Ein Ankauf durch das Stadtmuseum sei jedoch nicht vorgesehen, da man dort ein anderes Sammlungskonzept verfolge und schon dafür sei der Platz knapp. Das bestätigte auf Nachfrage auch Museumsleiterin Petra Weber dem Kreisbote. Der Fokus des Sammlungskonzepts liege im Stadtmuseum auf der Geschichte der Stadt, man müsse mit dem im Depot und den Ausstellungsräumen verfügbaren Platz sowie dem Personal „haushalten“ und könne nicht „sorglos“ Nachlässe übernehmen oder neue Spezialsammlungen unterbringen.

Eventuell, so Pietsch, wird eine abschließende Ausstellung im Kunsthaus stattfinden. Einige wenige ausgewählte „Lieblingsstücke“ will der Verein im 1972 erbauten, frisch sanierten Puppentheater in der Wagenseilstraße präsentieren. Mit Hilfe der Stadt ist auch eine professionelle Digitalisierung der Sammlung angedacht, um wenigstens die Inhalte zu dokumentieren. Die Stadt gewährt dem Verein für die Auflösung der Sammlung eine Frist von rund einem Jahr. Zum 31. März 2022 soll das Gebäude geräumt sein. Zur Disposition stehen 72 teils raumhohe Ausstellungsvitrinen, zahlreiche Hand- und Stabpuppen, Schattenfiguren und Marionetten aus aller Welt, Straßenorgeln, Objekte aus dem asiatischen Raum, Papiertheater, Nachlässe und ein umfangreiches Text- und Bildarchiv.

Alexander Uhrle (KI) beklagte den Verlust für das kulturelle Leben der Stadt. Holger Jankovsky (Grüne) verwies auf die lachende und die weinende Theatermaske der Antike, wenn dieses „museale Kleinod und Alleinstellungsmerkmal Kaufbeurens“ verloren gehe. Bürgermeisterin Dr. Erika Rössler (CSU) stellte fest, dass sich die Unhaltbarkeit der doppelten Vereinsstruktur – Theater und Museum – schon länger abgezeichnet habe. Jetzt sei es an der Zeit für eine Neuaufstellung und die Fokussierung auf den Spielbetrieb. Auch Martin Valdés-Stauber (SPD) hoffte, dass wenigstens einige Exponate erhalten werden können. Allen Wortmeldungen gemeinsam war die Anerkennung für die vom neuen Vorstand des Puppenspielvereins Kaufbeuren bis jetzt geleistete und noch zu leistende Arbeit und die Einsicht, dass die Schließung unter den gegebenen Umständen unumgänglich sei.

Die neue Vorstandschaft unter Raphael Bobritz hatte 2018 ein kompliziertes Erbe vom Ehepaar Waltraud und Gerhard Funke übernommen, das bis dahin das Vermächtnis von Alois K. Raab verwaltet hatte. Nach einem jahrelangen – wie es Pietsch formulierte – „großen künstlerischen und materiellen Investitions­stau“ sah sich der Verein finanziell und personell nicht mehr in der Lage, alle bisherigen Angebote aufrecht zu erhalten. Da zudem kaum noch Besucher in das 1987 von Raab gegründete Puppentheatermuseum im Spielbergerhof kamen, waren die Stadt als Vermieter und der Puppenspielverein übereingekommen, sich vom Puppentheater-Museum zu trennen. Der Fokus sollte vielmehr auf den Erhalt und die Fortführung des Spielbetriebs gelegt werden, der mittlerweile auf eine über siebzigjährige Tradition in Kaufbeuren zurückblicken kann.

Die neue Spielleiterin Katrin Keetmann und ihre Helfer haben inzwischen begonnen, zunächst den Speicher des Museums von Gerümpel zu befreien, alles nach unten zu bringen und zu sichten. Es wurde, da auf dem Speicher ein Marder sein Unwesen getrieben hatte, viel Unbrauchbares gefunden, aber auch einiges Hübsche. Eine Inventarübersicht war jedoch leider nicht dabei. „Seit wir mit dem Räumen begonnen haben, wühlen wir ununterbrochen bis zu den Ellbogen in Staub und Schmutz“, berichtet Keetmann. Tausende von Dias wurden in Umzugskartons gepackt. Sie sollen eingelagert werden, „falls sie irgendwann doch noch einmal ein Archivar durchsehen will“. Alle Bücher im Archiv wurden ausgeschüttelt, um nicht irgendein wichtiges Dokument zu übersehen. Sobald der Speicherinhalt keine „Stolperfallen“ mehr in den Ausstellungsräumen bildet, möchte Katrin Keetmann (so Corona will) das Museum zum „Abschiednehmen“ ein letztes Mal öffnen.

von Ingrid Zasche

Rubriklistenbild: © Zasche

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