Beschluss der Stadt Marktoberdorf zum Einsatz von Pflanzenschutzmitteln im Freiland

Verzicht auf chemische Keule

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Eine Wiese im Mai. Chemische Pflanzenschutzmittel sind künftig tabu auf Flächen, die von der Stadt an Landwirte verpachtet werden.

Marktoberdorf – Eine deutliche Mehrheit der Räte hat im Ausschuss für Wirtschaft und Umwelt dafür gestimmt, dass die Stadt künftig auf den Einsatz chemischer Pflanzenschutzmittel verzichtet. Dies gilt für städtische Flächen im Freiland. Das ist für den Bauhof bindend; dazu verpflichtet werden aber auch private Dienstleister, die den Auftrag zur Pflege öffentlicher Flächen erhalten.

Zum Beschluss gehört auch: Wenn neue Pachtverträge für gemeindliche landwirtschaftliche Flächen unterzeichnet werden, dann sollen sie bevorzugt an ökologisch wirtschaftende Betriebe vergeben werden – „nach Abwägung der Umstände“. Diese Formulierung ist ein politischer Kompromiss.

Was die Verlängerung von Verträgen angeht, so wird eine Klausel eingefügt, in der sich der Pächter zum vollständigen Verzicht auf den Einsatz chemischer Pflanzenschutzmittel auf diesen Flächen verpflichtet. So wird auch bei Verträgen verfahren, die eine automatische Verlängerung vorsehen. Ziel ist es, dass binnen fünf Jahren alle betroffenen Pachtverträge entsprechend bearbeitet werden.

Bestandteil des Beschlusses ist zudem, dass die Stadt das 2017 begonnene Anlegen bienen- und insektenfreundlicher Blühflächen weiterführt. Darüber hinaus fördert die Stadt die Information der Bürger dazu, was Biodiversität bedeutet. Der Begriff steht für die Vielfalt der Ökosysteme. Die Stadt soll auch die Information dazu forcieren, welche Möglichkeiten es zum Schutz von Bestäubern wie Bienen und Waldbienen gibt bzw. welche chemiefreien Maßnahmen beim Gärtnern angewendet werden können.

Georg Martin, Fraktionssprecher der Grünen und Biobauer in Ronried, hatte den Antrag zusammen mit seinem Fraktionskollegen und Umweltreferenten Christian Vávra eingebracht. Martin gab im Umweltausschuss zu bedenken, dass von den 600 Wildbienenarten in Deutschland rund die Hälfte auf der Roten Liste stehe. Dabei seien blütenbesuchende Insekten unentbehrlich für die Bestäubung von Wild- und Kulturpflanzen.

Zudem wies Martin darauf hin, dass beim Einsatz der chemischen Keule die Wirkstoffe in direkten Kontakt mit Menschen kommen könnten – etwa auf Spielplätzen. Zudem seien Haustiere wie Hunde und Katzen den Stoffen schutzlos ausgeliefert.

Kontroverse Ansichten gab es im Ausschuss für Wirtschaft und Umwelt zu dem Punkt, dass neue Pachtverträge für landwirtschaftliche Flächen der Stadt bevorzugt an ökologisch wirtschaftende Betriebe vergeben werden. Die Stadträte Peter Grotz, Franz Barnsteiner (beide Freie Wähler) und Andreas Grieser (CSU) stimmten dagegen. Peter Grotz war, wenn schon der Einsatz chemischer Pflanzenschutzmittel verboten werde, gegen eine Bevorzugung von Öko-Bauern.

Meinrad Seelos (Stadtteile aktiv)hielt dagegen und stellte die Frage: „Warum sollten wir uns diese Pächter nicht heraussuchen dürfen? Wir können doch unsere Geschäftspartner aussuchen.“

Christoph Knestel, CSU-Stadtrat und Bauer aus Hattenhofen, bekundete zu dem Thema, es sei ein Konzept entstanden, mit dem auch ein konventionell wirtschaftender Landwirt leben könne. Einerseits schaue die Stadt darauf, die Flächen „wieder fit zu kriegen.“ Andererseits würden bei der Bewirtschaftung trotz Auflagen „keine Handschellen“ angelegt.

Freilich war Knestel auch der Hinweis wichtig, dass auch die Versiegelung ein wesentlicher Grund für das Insektensterben sei und nicht nur die Landwirtschaft. Bürgermeister Dr. Wolfgang Hell sagte: „Das Insekten­sterben kann man nicht leugnen.“ Er stehe hinter dem Antrag mit seinen einzelnen Punkten.

100 Hektar – 80 Pächter

Die Stadt Marktoberdorf hat selbst 300 Hektar Wald. Auch hat sie 100 Hektar Grünland. Die Wiesen sind meist kleinteilig an 80 verschiedene Pächter vergeben, wie Stadtrat Martin dazu anmerkte.

In der Sitzung war auch Claudia Schatz anwesend; sie ist beim Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Kaufbeuren Ansprechpartnerin für den ökologischen Landbau. Detailliert Stellung genommen hat Schatz zu Ampferstechen, das als Alternative zur chemischen Keule gesehen wird. Dies schaffe eine Lücke im Boden, die relativ schnell geschlossen werden müsse. Das A und O sei immer eine „geschlossene Grasnarbe“. Werde an einer Lücke nach dem Ausstechen nicht Grassamen angesät, dann würden sich Wildkräuter ausbreiten, die kein Landwirt im Futter haben möchte

jj

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