Kaufbeurer Stadtgeschichte

Vierter Band: Kapitel über Landwirtschaft und Vereine in den Ortsteilen

Die Gunkelstube Hirschzell auf einem Foto von 1898
+
Die Gunkelstube Hirschzell auf einem Foto von 1898.

Kaufbeuren – In den Dörfern spielte die Landwirtschaft lange die zentrale Rolle. Oberbeuren, Kemnat und Hirschzell waren über Jahrhunderte bäuerlich geprägt. Dabei betrieben die Bauern vor allem Subsistenz­wirtschaft, das heißt sie produzierten hauptsächlich für ihren eigenen Bedarf. Was an Überschüssen erwirtschaftet wurde, konnte lokal oder regional verkauft werden, zum Beispiel auf dem Markt in Kaufbeuren.

In den Orten Oberbeuren und Hirschzell scheint vorwiegend das Leibrecht üblich gewesen zu sein, da es in den Quellen häufig erwähnt wird. In Groß- und Kleinkemnat wurde das Erbrecht angewandt und nur ein kleiner Teil der Güter war „leibfällig“. Um 1835 wurden in Oberbeuren die Äcker für sechs Jahre als Wiese und 18 Jahre lang zum Getreide- und Brachbau verwendet.

Die unter dem Begriff ‚Bauernbefreiung‘ zusammengefassten Agrarreformen des 18. und 19. Jahrhunderts lösten größtenteils die Verpflichtungen der Bauern gegenüber Grund- und Leibherren oder der Kirche ab, so konnte sich allmählich eine unternehmerisch handelnde, freie Bauernschaft entwickeln. Im Kapitel Landwirtschaft wird auch die „Vereinödung“ in Kemnat und Oberbeuren beschrieben und in Luftbildern veranschaulicht. Breiten Raum nimmt die Entwicklung der Milchwirtschaft ein; auch Obstbau und Bienenzucht werden dargestellt.

Frauen trafen sich in sogenannten Gunkel- beziehungsweise Kunkelstuben

Die bäuerliche Bevölkerung war aber, vor allem im Winter, wenn die Arbeit auf Feldern und Wiesen ruhte, handwerklich tätig, einerseits für Reparaturen, andererseits in der Herstellung von Gegenständen für den täglichen Gebrauch, zum Beispiel im Schnitzen von Holzgeschirr oder in Textilarbeiten. So trafen sich die Frauen im Winter in der sogenannten Gunkel- beziehungsweise Kunkelstube. Dabei spannen sie auf ihren Spindeln (= Gunkeln) Fäden, in der Regel aus Flachs, und verarbeiteten diese zu Textilien, meist für den Heimbedarf.

Es gab jedoch auch Handwerke, die nicht nebenbei ausgeführt werden konnten, sondern einen eigenen Handwerker erforderten. An erster Stelle ist hier der Schmied zu nennen, der als Hufschmied die Pferde beschlug und Arbeitsgeräte aus Eisen herstellte und reparierte; auch Schuster und Sattler, Schneider und in der Holzverarbeitung Schreiner, Wagner und Schäffler waren wichtige und für die Landwirtschaft notwendige Berufe. So gab es in allen drei Dörfern im Jahr 1832 einen Hufschmied (in Oberbeuren sogar zwei), in Kemnat und Hirschzell gab es auch je einen Schuster und Schneider. Im fast viermal so großen Oberbeuren gab es sogar sieben Schuster und einen Sattler, außerdem einen Schreiner, wie auch in Kemnat, sowie einen Wagner und einen Schäffler. Die Geschichte von Handwerk und Gewerbe in den drei ehemals selbständigen Gemeinden wird ausführlich in Wort und Bild dargestellt.

Wichtige Institutionen im Dorf

Neben der Kirche gehörte ein Gasthaus zu den wichtigsten Institutionen eines Dorfes. Das gesellschaftliche, aber auch das wirtschaftliche Leben wäre ohne diesem nicht möglich gewesen, es war der zentrale dörfliche Treffpunkt. Dort tagte das Gemeindekollegium und auch die Vereine hielten ihre Veranstaltungen im Wirtshaus ab. In den Sälen fanden die Bürgerversammlungen, die Bälle und alle Feste, welche die gesamte Gemeinde betrafen, wie Jubiläen der Vereine oder Primizen, statt. Die wichtigsten Ereignisse des individuellen Lebens – Hochzeiten, Taufen und Begräbnisse – fanden im Wirtshaus ihren Abschluss. Ein Wirt gehörte zu den Honoratioren seines Ortes und konnte großen Einfluss ausüben. Bei ihm liefen die Informationen zusammen, er konnte Auskünfte und Ratschläge erteilen. In Oberbeuren werden dokumentiert die Gasthöfe Engel, Grüner Baum und Tirol sowie das Café Erhard, in Hirschzell werden die Entwicklung des Gasthauses Sonne zum Dorfgemeinschaftshaus ebenso beschrieben wie das Café Schantz und Jakobs Waldcafé und in Kemnat schließlich wird die Geschichte vom Gasthof zum goldenen Kreuz, der Gasthof Römerturm und das Café Ölmühle dokumentiert.

Im Rückblick könnte man das 19. Jahrhundert auch das Jahrhundert der Vereine nennen. Vereinsgründungen standen aber immer noch unter polizeilicher Aufsicht. Einen Sonderfall in jeder Hinsicht bildeten dagegen die Kriegervereine. Schon Ende des 18. Jahrhunderts entstanden sie als Militär-Begräbnisvereine, zur Unterstützung von Hinterbliebenen und zur Pflege der Kameradschaft. Mit unterschiedlichen Bezeichnungen als Veteranen-, Militär- und Kriegervereine oder als Soldatenkameradschaften verbreiteten sie sich nach den jeweiligen Kriegen der Napoleonzeit und zur deutschen Einigung 1866 und 1870/71 immer mehr. Des staatlichen Wohlwollens konnten sie sich immer sicher sein.

Aber noch waren die Möglichkeiten einer Vereinsgründung sehr eingeschränkt. Erst nach der Revolution von 1848 führte man in Bayern im Zuge der Reformgesetze auch die Versammlungs- und Vereinsfreiheit ein. Den ganz großen Durchbruch für Vereinsgründungen brachte das Jahr 1850 aber noch nicht. Doch es entstanden nun vor allem Gesangs-, Schützen- und Turnvereine.

Aufstieg des Vereinswesens

Den wirklich großen und beachtlichen Aufstieg erlebte das Vereinswesen in Bayern und ganz Deutschland erst in der Zeit zwischen der Reichsgründung 1871 und dem Ersten Weltkrieg. Viele Bürger waren nun wohlhabend und einflussreich geworden und wollten damit auch etwas bewirken. Dazu brauchten sie eine Interessengemeinschaft. Ebenso hatte aber auch die Industrialisierung zu Not und Elend bei der Arbeiterschaft geführt, wodurch es auf dem Vereinsweg zu organisierten Arbeiterbewegungen kam. Staatlicherseits wesentlich lieber gesehen und meist indirekt gefördert wurden die vielen neu entstehenden Trachtenvereine, freiwilligen Feuerwehren, wirtschaftlichen und landwirtschaftlichen Verbindungen und eine Vielzahl von karitativen Gemeinschaften.

Besonders in kleineren Gemeinden bildeten und bilden Vereinigungen, welcher Art auch immer, einen wesentlichen Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens. Sie fördern und stärken die Dorfgemeinschaft, sie dienen als „soziales Integrationselement“. Vereinsgeschichte ist somit ein wesentlicher Teil der Kultur- und Gesellschaftsgeschichte. Zwölf Vereine in Oberbeuren, sieben in Hirschzell und sechs in Kemnat werden auf über 30 Seiten dargestellt. Der vierte Band der Kaufbeurer Stadtgeschichte ist in den Buchhandlungen Thalia, Rupprecht und Menzel, bei XL-Foto Langer und Kaufbeuren Tourismus, Edeka Drexel und Hofladen Lehner in Oberbeuren, Bäckerei Koneberg in Irsee, beim Stadtmuseum Kaufbeuren und beim Bauer-Verlag erhältlich.

kb

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

PIMS – Chefarzt Dr. Rauchenzauner berichtet über Fälle in Kaufbeurer Klinik
PIMS – Chefarzt Dr. Rauchenzauner berichtet über Fälle in Kaufbeurer Klinik
Bayern Innovativ und Bayerisches Wirtschaftsministerium tagen virtuell im TTZ Kaufbeuren
Bayern Innovativ und Bayerisches Wirtschaftsministerium tagen virtuell im TTZ Kaufbeuren
Kurz und knapp: Hoher Inzidenzwert hat Folgen für Buchloer Stadtratssitzung
Kurz und knapp: Hoher Inzidenzwert hat Folgen für Buchloer Stadtratssitzung
Marktoberdorf wächst: Und zwar im Süden
Marktoberdorf wächst: Und zwar im Süden

Kommentare