Schule in den drei Ortsteilen

Vierter Band der Kaufbeurer Stadtgeschichte: Wie sich das Schulsystem hier entwickelte

Eine Schulklasse der Oberbeurer Schule um 1890, Am Schlössle 4
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Eine Schulklasse der Oberbeurer Schule um 1890, Am Schlössle 4.

Kaufbeuren – Wenn man heute von Schule spricht, so denkt man an ein vom Staat organisiertes System, das für alle Kinder ab dem siebten Lebensjahr verpflichtend ist. In diesem Schulsystem unterrichten an der Universität ausgebildete Lehrkräfte nach vom Staat festgesetzten Lehrplänen und die Schülerinnen und Schüler jeder Klasse sind ungefähr gleich alt.

In früheren Jahrhunderten war Schule jedoch völlig anders, wie im vierten Band der Kaufbeurer Stadtgeschichte nachzulesen ist: Schulpflicht gab es im Kurfürstentum Baiern erst seit 1802, die Schule stand bis 1918 unter der Aufsicht der Kirche, eine staatliche Lehrerbildung für Volksschullehrer gab es zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch nicht, sondern den Unterricht übernahm ein Handwerker oder der Mesner, und der Unterrichtsstoff umfasste neben der Religion nur die grundlegenden Fähigkeiten im Schreiben, Lesen und Rechnen.

Von den drei Dörfern hatte Oberbeuren als erstes eine Schule, die von Pfarrer Simon Geiger (1728-1774) errichtet wurde; in Kemnat begann der Schulunterricht im Jahr 1780 und in Hirschzell gab es 1803, als der Ort vom Kloster Rottenbuch zum Kurfürstentum Baiern gekommen war, immer noch keine Schule: Die Kinder gingen teils nach Frankenried, teils nach Kaufbeuren, teils wurden sie privat vom Bader unterrichtet. In den Anfangsjahren fand der Unterricht in den Privaträumen des Lehrers statt, was der Konzentration der Kinder oft abträglich war, da in diesem Raum gleichzeitig auch gesponnen und gearbeitet wurde, wie 1824 über die Hirschzeller Schule im Bericht der Schulaufsicht zu lesen ist. In Oberbeuren wurde 1810 das Schlössle zur Schule umgebaut, in Kemnat wurde 1835 ein eigenes Schulgebäude errichtet; das Schulgebäude in Hirschzell wurde 1849 gebaut, diente aber ab 1853 auch als Pfarrhaus. Im gesamten 19. Jahrhundert war der Schulunterricht einklassig, das heißt Schülerinnen und Schüler von der ersten bis zur siebten beziehungsweise achten Klasse saßen in einem Raum und wurden von einem Lehrer unterrichtet; meistens wurden dabei die Älteren auch als Hilfslehrkräfte für die Jüngeren eingesetzt. Diese einklassige Schule bestand in Kemnat bis zur Schulschließung 1969. Hirschzell bekam wegen des Bevölkerungszuwachses nach dem Zweiten Weltkrieg ab 1949 eine zweite Lehrkraft, ab 1972 wurde die Grundschule Hirschzell vierklassig geführt, so dass jede Jahrgangsstufe für sich unterrichtet werden konnte. In Oberbeuren gab es um 1900 bereits knapp 120 Schüler, so dass sich die Gemeinde gezwungen sah, eine weitere Klasse einzurichten, für die ein weiteres Schulgebäude errichtet wurde, nämlich das heutige Haus der Vereine. Seit dem Schuljahr 2008/09 ist auch die Schule in Oberbeuren nur noch eine Grundschule; Mittelschüler müssen nach Kaufbeuren wechseln.

Im 19. und 20. Jahrhundert waren Klagen über den schlechten Zustand der Schulgebäude deutlich zu vernehmen. Feuchte Räume, unpassende Abortanlagen, und am problematischsten: beengte Raumverhältnisse. In Kemnat und Hirschzell standen noch die Schulgebäude von der Mitte des 19. Jahrhunderts, in Oberbeuren wurde das Gebäude der ehemaligen Leim- und Beinwarenfabrik bis 1924 in ein Schulhaus umgebaut – aber auch das wurde durch den Bevölkerungszuzug nach dem Zweiten Weltkrieg zu klein. Im Zuge der in der Gesellschaft zunehmenden Bedeutung der Bildung und der Bemühung um Chancengleichheit auch für Landgemeinden wurde ab den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts kräftig in Bildung investiert – und so bekamen alle drei Gemeinden einen Schulhausneubau: In Kemnat wurde der Neubau 1957, in Hirschzell 1959 bezogen und Oberbeuren bekam 1962 einen Erweiterungsbau. Diese neuen Gebäude stehen heute noch, in Oberbeuren wurden die Schulgebäude noch durch eine Turnhalle (1971) und einen weiteren Erweiterungsbau (1997) umgestaltet; letzterer machte das Schulhaus von 1924 überflüssig, das dann 2003 abgerissen wurde. In Hirschzell fand eine Erweiterung 2016 statt – unter anderem mit einem Raum für die Ganztagsbetreuung.

Da zu Beginn des 19. Jahrhunderts oft der jeweilige Mesner der Lehrer war, wie in Oberbeuren Matthäus Bodo bis 1823, so ist zu fragen, wie die beiden Berufe zueinander standen: Bodo verdiente als Mesner 82 Gulden, als Lehrer 15 Gulden; dies zeigt deutlich, wie gering die Schule und der Lehrer geschätzt wurden. Auch der Unterricht fand nur in den Wintermonaten statt – im Frühjahr und Sommer wurden die Kinder ja in der Landwirtschaft benötigt und auch die Schulversäumnisse waren hoch. Das Ansehen von Schule und Lehrerschaft stieg jedoch gegen Ende des 19. Jahrhunderts: So gab es in den Dörfern angesehene Lehrer wie Kasimir Eder, der von 1910 bis 1926 in Hirschzell unterrichtete und der erste Ehrenbürger Hirschzells wurde. Der Lehrer war neben dem Pfarrer ein Honoratior in der Gemeinde.

Auffällig ist jedoch in allen drei Gemeinden, dass die jeweiligen Lehrer wesentlich stärker, als das für Volksschullehrer üblich war, den Nationalsozialismus unterstützten: Johann Völk war in Kemnat 1934/35 Stützpunktleiter der NSDAP, wurde aber wegen Untätigkeit abgelöst; Adelbert Fürst war bis zu seinem Tod 1938 Ortsgruppenleiter des Stützpunktes Hirschzell. Am stärksten in den Nationalsozialismus verstrickt war Gebhard Mader in Oberbeuren: Auch er war Stützpunktleiter der NSDAP und von 1933 bis 1938 Kreisobmann des Nationalsozialistischen Lehrerbundes für Kaufbeuren. Mader wurde 1945 von den Amerikanern verhaftet und starb im Dezember 1946 im Internierungslager Moosburg.

Nach diesem düsteren Kapitel der deutschen Geschichte stehen die Schulen heute für demokratische Werte wie Toleranz und Vielfalt, so wie es bei den bunten Schulfesten und in der Aufnahme ausländischer Schülerinnen und Schüler, die als Flüchtlinge zu uns gekommen sind, deutlich erkennbar wird.

kb

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