Grundimmunität bei Grippe als Vorteil

Viren im Vergleich: Corona versus Influenza – Kaufbeurer Pandemieexperte klärt auf

Jemand hält Covid-19 Impfstoff und Spritze in Kamera
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Gegen das Coronavirus fehlt die Grundimmunität in der Bevölkerung. Das ist einer der entscheidenden Unterschiede zur Grippe. Nach Weihnachten soll in Deutschland erstmals gegen Covid-19 geimpft werden.

Kaufbeuren – Eine Infektion mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 kann schwer bis tödlich verlaufen, eine Ansteckung mit Grippeviren ebenso. Doch wie ist die Gefahr beider Infektionen einzuschätzen, ist sie vergleichbar? Antworten gibt Prof. Dr. med. Helmut Diepolder, Pandemiebeauftragter am Klinikum Kaufbeu­ren, im Gespräch mit dem Kreisbote.

Bei beiden Erkrankungen ist die Risikogruppe ähnlich. Menschen mit Vorerkrankungen und Immunschwäche sind besonders gefährdet, schwere Krankheitsverläufe zu entwickeln. Jedes Jahr würden ins Klinikum Patienten mit Influenza-Symptomen aufgenommen, „manchmal fünf, manchmal zehn Patienten gleichzeitig und der ein oder andere muss mit einer Influenza-induzierten Lungenentzündung auf der Intensivstation behandelt werden“. 2010 waren es mehr als sonst, mit einem damals neuem Subtyp, dem sogenannten Schweinegrippevirus H1N1. Auch vor drei Jahren gab es eine ziemlich starke Influenzasaison. Viele Menschen haben über die Jahre eine partielle Immunität gegen Grippeviren entwickelt. „Doch dieses Jahr haben wir eine völlig andere Situation, wo wir die gesamte Klinik nach der Corona-Pandemie ausrichten müssen“, so Diepolder. Weil im Körper der Patienten kein immunologisches Gedächtnis vorliegt, verläuft die Erkrankung in Einzelfällen schwerer als die saisonale Grippe. Die Gefährdung durch eine gewöhnliche Influenzainfektion sei daher geringer einzuschätzen als eine Infektion mit dem Coronavirus.

Prof. Dr. med. Helmut Diepolder, Chefarzt der Medizinischen Klinik I, Facharzt für Innere Medizin, Gastroenterologie und Internistische Intensivmedizin, Leiter Darmkrebszentrum am Klinikum Kaufbeuren.

Dennoch möchte Diepolder die Gefahr einer Grippe nicht kleinreden. „Influenzawissenschaftler haben die größte Angst vor einer neuen Variante des Influenzavirus. Die Influenza-Pandemien der letzten 100 Jahre waren die katastrophalsten Pandemien, die wir jemals hatten“, so Diepolder. Er verweist exemplarisch auf die Spanische Grippe, die vor einem Jahrhundert durch einen ungewöhnlich virulenten Abkömmling des Influenzavirus verursacht wurde und weltweit 50 bis 100 Millionen Todesopfer zur Folge hatte. Das sei weit mehr als bei jeder anderen bisher dagewesenen Pandemie. „Die Grippe hat nach wie vor das Potenzial, sich zu einer ähnlich schweren Pandemie zu entwickeln wie aktuell das SARS-CoV-2-Virus“, betont Diepolder. In seiner 30-jährigen Tätigkeit als Arzt habe er jedoch „bei weitem noch nie“ eine Grippesaison erlebt mit einem solch schweren Ausmaß wie das momentane Coronavirus.

Gegen eine schwere Grippewelle wäre man aber doch mit einer Impfung gewappnet? Die Herstellung der Grippe-Impfstoffe laufe zwar nach Standards, sei aber durchaus aufwändig, erklärt der Fachmann, der 25 Jahre Forschung an Virusinfektionen betrieben und mit den besten Influenzaforschern Europas zusammengearbeitet hat. Es dauere ein paar Monate, bis der entsprechende Impfstoff, der in der konkreten Saison Wirkung zeigen soll, hergestellt wäre. Der Schutz liege in schlechten Jahren bei 50 Prozent, in guten bei 70 bis 80, so der Pandemiebeauftragte.

Übersicht der im Bereich des Gesundheitsamts Ostallgäu (inklusive Kaufbeuren) gemeldeten Influenza-Fälle während der Grippesaison im Vergleich zu den bekannten Covid-19-Fällen.

Gegen die saisonale Grippe sind in Deutschland viele Menschen geimpft, gegen Corona noch nicht, und darin liegt ein wesentlicher Unterschied. Ab kommender Woche könnte ein Covid-19-Impfstoff zugelassen werden. Den sehen aber viele kritisch. Da beschwichtigt Diepolder: „Ich kenne die Firmen, die die RNA-Impfstoffe herstellen, und deren Konzepte seit Jahren. Das ganze Vehikel, das jetzt zu einer Impfung entwickelt worden ist, existiert schon seit Jahren. Nur ein Baustein wurde ausgewechselt. Die Impfstoffentwicklung hat nicht bei Null angefangen.“ Diese stabile Grundlage erkläre die zeitlich schnelle Herstellung, die wie bei anderen Impfstoffen über klassische Studien laufe. Die Hersteller hätten aber eben „Gas gegeben“ und mit der Priorisierung Zeit hereingeholt. „Ich denke, dass die im Labor konstruierten Impfstoffe ein sehr hohes Sicherheitsniveau haben“. Nicht zuletzt, da nur ein sehr kurzes Stück der Virus-RNA verabreicht werde. Dieses Stück habe nur die Fähigkeit, ein gewisses Protein, das sogenannte Spikeprotein, zu produzieren. Die injizierte mRNA könne sich in menschlichen Zellen weder vermehren, noch könne er in den Zellkern eindringen und somit auch nicht das menschliche Erbgut verändern. Dass vereinzelt Menschen allergisch reagieren, sei – wie bei jedem chemisch hergestellten Produkt – nicht auszuschließen, aber die Quote sei „sehr niedrig“.

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