Der Beginn einer neuen Ära

Vor 60 Jahren kam die Pille auf den Markt – Über das Für und Wider dieses Medikaments

Anti-Babypille, Kondom
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Sie war eine Revolution für die Frauen: Die Pille feiert ihr 60-jähriges Jubiläum. Nach wie vor ist sie eines der wichtigsten Verhütungsmittel in Deutschland.

Landkreis – Eine kleine Pille veränderte vor 60 Jahren das Leben der Frau. Nicht länger war die Sexualität von Angst vor Schwangerschaft geprägt und der Weg der Ehe mit einem Ende als „Heimchen am Herd“ vorgezeichnet. Die Pille revolutionierte die weibliche Sexualität, die Bildungs- und Karrierechancen von Frauen und ihre Familienplanung. Dieses Jahr feiert die Antibabypille ihren 60. Geburtstag. 

Während Millionen Frauen weltweit auf sie setzen, feiern noch lange nicht alle dieses Jubiläum. Für die einen ist sie eine Befreiung und Autonomie, für andere ein gefährlicher Eingriff in den eigenen Hormonhaushalt. Mit der auf Instagram bekannten Babsi Böck aus Kempten und dem Chefarzt der Gynäkologie des Klinikums Füssen, Dr. Winfried Eschholz, betrachtet der Kreisbote dieses vieldiskutierte und komplexe Thema, blickt zurück zu den Anfängen der Pille und informiert über ihre Vor- und Nachteile.

Es war der Beginn einer neuen Ära: Im Jahr 1957 kam in den USA das Mittel „Enovid“ auf den Markt. Es diente zur Behandlung menstrueller Beschwerden und zur Zyklusregulation. Der Argumentation des amerikanischen Gynäkologen John Rock war es zu verdanken, dass Enovid schließlich im Mai 1960 die Zulassung als Kontrazeptivum, also als Verhütungsmittel erhielt. In der Bundesrepublik Deutschland kam etwa ein Jahr später ein Präparat mit dem Namen „Anovlar“ und in der damaligen DDR kam 1965 mit „Ovosiston“ die Pille auf den Ladentisch.

Diskutiert wurde über das Präparat von Anfang an. Aufgrund der damaligen Moralvorstellungen stieß die Pille in der Gesellschaft, aber auch bei Ärzten auf heftigen Widerstand. In der Enzyklika „Humanae Vitae“ verbot Papst Paul VI. 1968 das Präparat. Dr. Eschholz erinnert sich, dass die Diskussion um die Pille lange Zeit von der Meinung der katholischen Bischöfe geprägt war. Diese sagten, dass die Pille für Christen generell abzulehnen sei. „Damals hatten eine Handvoll alter Männer eben einen noch größeren Einfluss auf das öffentliche Meinungsbild als heute.“ In der Bundesrepublik wurde sie auch nur an verheiratete Frauen mit mehreren Kindern und nur mit der Erlaubnis des Ehemanns abgegeben. Bis die Pille auf Erfolgskurs ging, dauerte es also noch einige Jahre.

2019 veröffentlichte die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) erste Ergebnisse einer repräsentativen Untersuchung zum Verhütungsverhalten Erwachsener 2018. Demnach ist die Pille nach wie vor eines der wichtigsten Verhütungsmittel in Deutschland. 47 Prozent der erwachsenen, sexuell aktiven Frauen und Männer nannten die Pille als die Verhütungsmethode erster Wahl. „Die Mehrzahl der Anwenderinnen sieht dies ganz pragmatisch und ist sich bewusst, dass die Pille die einfachste Art ist, ein unbeschwertes Sexualleben zu führen ohne ständige Sorge, schwanger zu werden“, weiß Dr. Eschholz. So empfand es auch Babsi Böck. „Die Pille zu nehmen ist eben einfach.“ Ihr konnte die junge Allgäuerin in Sachen Verhütung vertrauen. Dennoch gibt es heute eine deutliche Strömung, welche die Einnahme der Pille mit dem Argument ablehnt, dass sie ein Eingriff in den Hormonhaushalt mit kaum absehbaren und mitunter gefährlichen Folgen sei.

„Frauen sind kritischer geworden“

Tatsächlich gibt es in Deutschland einen rückläufigen Trend. Die Techniker Krankenkasse (TK) veröffentlichte im vergangenen Jahr das Ergebnis einer Auszählung. Nur 48 Prozent und damit weniger als die Hälfte der TK-versicherten Frauen zwischen 16 und 19 Jahren bekamen demnach 2018 die Pille verordnet. In den Jahren 2013 und 2014 waren es noch rund 60 Prozent der Frauen in diesem Alter, berichtete die Krankenkasse. „Ich halte das für eine sehr positive Entwicklung: Frauen sind kritischer geworden und schlucken nicht mehr ohne Rückfrage, was die Frauenärzte aufs Rezept schreiben“, sagt Dr. Eschholz.

Einfach schlucken, das war es, was Böck zehn Jahre lang tat. Ihre Zwillingsschwester habe sie schließlich dazu animiert, die Pille abzusetzen. Auch hörte die Allgäuerin immer häufiger davon und las Berichte über ein Leben ohne Pille. „Ich habe das damals aber gar nicht beachtet. Ich wollte eher wegschauen. Ich wollte das alles nicht einsehen und dachte sogar, dass diese Frauen übertreiben.“ Die positiven Auswirkungen, sagt die junge Frau heute, würden Betroffene nur selbst spüren können, zu sehen seien sie nicht. Eher ein Selbstversuch, ein Test sei es gewesen. Sie war single und vertraute auf das Wort ihrer Schwester.

Auf Instagram hat sich Babsi Böck einen Namen gemacht. Nun zeigt die junge Frau, wie sie sich ohne die Pille fühlt: glücklich und selbstbewusst. Ihr Motto: „always smile”.

Zunächst ging es ihr danach jedoch nicht gut. „Ich hatte ein Down.“ Obwohl sie regelmäßig trainiert, legte sie einiges an Gewicht zu. Dann habe sich das Blatt gewendet. Sie verlor an Kilos, mehr noch als sie zugenommen hatte, und plötzlich habe sie gemerkt dass es „extrem bergauf“ ging. „Ich dachte wirklich: ‚Was ist jetzt mit mir los? Und weshalb bin ich plötzlich wieder so schlank?‘“ Sport habe sie schon immer gemacht und sich gesund ernährt, das habe sie nicht verändert. So blieb nur die eine Schlussfolgerung: „Das hatte mit der Pille zu tun.“ Insgesamt sei es schwer zu beschreiben, berichtet Böck. Sie habe sich „anders gefühlt“. Während sie die Pille nahm, habe es eine Phase gegeben, in der sie sehr deprimiert war. „Eine Weile lang dachte ich sogar, dass ich mir Hilfe holen muss. Ich wusste nicht mehr, wie es sich anfühlt von ganzem Herzen glücklich zu sein.“ Auch eine regelrechte Gleichgültigkeit habe ihren Alltag beherrscht. Wovon heute keine Rede mehr sein könne. Die Verhütung sei auch kein Problem. Die sportliche junge Frau hat zum einen ihren Zykluscomputer mit Temperaturmessung. Zur weiteren Absicherung benutze sie ein Kondom. „So geht es mir sehr, sehr gut.“ Heute müsse eine Frau nicht die Pille nehmen aus Angst schwanger zu werden. Aus diesem Grund nutzt sie ihre Bekanntheit auf Instagram, um Frauen Rede und Antwort zur ihren Erfahrungen mit dem Thema zu stehen, da sie mehr Frauen dazu ermutigen möchte, sich von der Pille zu lösen.

Dass Frauen die Pille absetzen möchten oder es bereits getan haben, begegnet dem Gynäkologen Eschholz ebenfalls in seiner Sprechstunde. „Es gibt eine große Anzahl von Frauen, die nach jahrelanger Pilleneinnahme eine zunehmende Abneigung dagegen verspüren und sich wünschen, einmal zu erleben, wie der eigene Körper ohne hormonellen Einfluss von außen funktioniert, wie sich das Leben ohne Pille anfühlt.“ Denn, das sei nicht abzustreiten, die Pille unterdrückt die natürlichen Hormonschwankungen im Zyklus der Frau. So entfällt eine „Gefühlsachterbahn“, die damit einhergeht. Es fehlen die Euphorie und sexuelle Luststeigerung um den Eisprung, aber auch die Traurigkeit und Reizbarkeit vor der Menstruation. Wichtig ist für Dr. Eschholz dabei zu betonen: „Die Bewertung dieser Zustände fällt ganz individuell aus. Es gibt Frauen, die lieben ihre hormonell bedingten Stimmungsschwankungen. Sie schwören darauf, dass die Aufs und Abs zur Lebensqualität gehören. Andere, mehr kopfgesteuerte Frauen finden genau diese Schwankungen einfach nur lästig und leiden darunter. Da gibt es kein ‚normal‘“. Verteufelt zu werden, das habe die Pille nicht verdient. Das Medikament ist mehr als ein Kontrazeptivum. Die Pille ist ebenso ein Mittel zur Behandlung der Zyklusbeschwerden und hormonell bedingter Hautprobleme. Viele Frauen haben jeden Monat starke Schmerzen während der Blutung und müssen regelmäßig Schmerzmittel einnehmen oder erleiden sogar einen viel zu starken Blutverlust, weiß Eschholz. Unreine Haut lässt sich ebenfalls gut mit der Pille behandeln. „Es kann für eine junge Frau eine Qual sein, immer mit reichlich Pickeln im Gesicht herumlaufen zu müssen“, erläutert der Facharzt. Viele leiden auch an einem Ungleichgewicht von weiblichen und männlichen Hormonen und den Folgen davon. Die Pille kann hier einen Beitrag leisten, dies wieder ins Lot zu bringen. Probleme, die mit Regelbeschwerden einhergehen, können Frauen im Alltag und bei der Arbeit stark ausbremsen. „Wenn eine solche Frau die richtige Pille gefunden hat, wird sie sofort leistungsfähiger und blüht regelrecht auf“, sagt der Facharzt.

Als die über Instagram berühmte Frau mit ihrem Gynäkologen über das Absetzen der Pille sprach, war dieser „gar nicht begeistert“. Er habe sie überredet die Pille weiter zu nehmen, weshalb sie sich dazu entschied, die Pille ohne eine Absprache mit dem Arzt abzusetzen. „Das ist ziemlich enttäuschend“, findet Böck. Und sie habe anderen Frauen deshalb dazu geraten, ihre Gynäkologen für diese Veränderung nicht als Ratgeber hinzuzuziehen. „Was ich eigentlich sehr schade finde, dass sich Frauen nicht trauen mit ihrem Frauenarzt zu sprechen.“ Schade auch deshalb, da die Veränderung im Hormonhaushalt unter Umständen mit Nebenwirkungen einhergehen können, die dringend eine medizinische Behandlung benötigen.

Risiken und Nebenwirkungen

Deshalb gehört die Pille in Deutschland zu den verschreibungspflichtigen Medikamenten. Durch die Einnahme wie auch das Absetzen steigt das Risiko, eine Thrombose oder einen Schlaganfall zu erleiden. Glücklicherweise sind diese Nebenwirkungen nicht häufig. „Wer einmal eine 17-Jährige mit einer Halbseitenlähmung gesehen hat, wird niemals mehr einer Raucherin die Pille verschreiben (das gilt auch für drei Zigaretten am Tag)!“, berichtet der Chefarzt aus seiner beruflichen Erfahrung. Zu den häufigsten Nebenwirkungen der Pille zählen Zwischenblutungen und Eierstockzysten. Eine sexuelle Unlust, so der Facharzt, entsteht durch den Verlust der „hormonellen Achterbahn“ der Gefühle. Die Allgäuerin musste wiederum durch das Absetzen der Pille die Begleiterscheinung Haarausfall hinnehmen „Was aber völlig in Ordnung für mich ist, da das Positive deutlich überwiegt.“ Auch ihre Monatsblutung sei nun mit starken Schmerzen verbunden. Doch die Allgäuerin wisse damit umzugehen. Dr. Eschholz zu Folge gehören diese stärkeren Schmerzen und heftigeren Blutungen meist dazu, wenn Frauen die Pille nicht mehr einnehmen. Für Babsi Böck ist das kein Grund zur Trauer und schon gar nicht, die Pille wieder zu nehmen.

Schmerzfrei zu sein, nicht von der monatlichen Traurigkeit und Reizbarkeit beeinflusst zu werden, sei eine Form von Freiheit, die Frauen durch die Pille gewinnen können. „In der Berufsausbildung ist es ein echtes Handikap, jeden Monat für mehrere Tage durch die Menstruation körperlich beeinträchtigt zu sein. Insofern war und ist die Pille eine wichtige Grundlage für die Gleichberechtigung von Frauen – nicht nur im Berufsleben“, sagt Eschholz.

Unabhängigkeit und Freiheit für Frauen

Die Frauen heute bedenken nicht mehr, dass die Pille vor einigen Jahrzehnten einen wichtigen Beitrag geleistet hat, einen Beruf zu erlernen und ein vom (Ehe-)Mann unabhängiges Leben zu führen. „Heute kann man sich gar nicht mehr vorstellen, wie viel Frauen durch eine frühe Schwangerschaft automatisch zu einem Leben als ‚Heimchen am Herd‘ verdammt wurden, ohne je eine qualifizierte Ausbildung zu erhalten.“ Vor 60 Jahren war die Pille eine Revolution. Sie habe viel dazu beigetragen, junge Frauen zu befreien und eine eigene Sexualität zu entwickeln. Davon ist der Chefarzt des Füssener Klinikums überzeugt. Auch davon, dass die Pille viel Kummer und Leid verhindert(e). „Ich habe noch erlebt, wie ein Vater zu seiner ungewollt schwanger gewordenen Tochter gesagt hat: ‚Du lässt das wegmachen, ansonsten bist du nicht mehr meine Tochter‘“.

Die Möglichkeit sich auszuprobieren

Was für Babsi Böck Glücksgefühle sind, kann für andere Frauen eine monatliche Tortur sein. So individuell wie Frauen selbst sind auch die Ansichten und Erlebnisse mit und ohne die Pille. „Meine Erfahrung bestätigt, dass es Frauen gibt, die durch die Pille an Lebensqualität gewinnen und andere, die sich wie neugeboren fühlen, wenn sie die Pille endlich absetzen“, sagt der Facharzt. Heute haben Frauen die Möglichkeit, auszuprobieren was sich für sie am besten anfühlt. Die Influencerin und Fitnesstrainerin sagt deutlich, dass sie ohne die Pille glücklicher ist. Sie habe mehr Interesse an ihren Mitmenschen und spüre wieder eine lange vermisste Zielstrebigkeit. Auch Dr. Winfried Eschholz findet den Widerstand gegen die Einnahme von Hormonen gut. „Zum Glück gibt es heute eine Reihe von Alternativen für eine sexuell aktive Frau, die nicht schwanger werden möchte. Es ist toll, wenn Frauen weitgehend sorgenfrei ihren eigenen Lebensweg entwickeln können und nicht jede dasselbe gut findet.“

von Selma Höfer

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