„Es fehlt die Bereitschaft Hierarchien zu akzeptieren“

Vorstand des Tierschutzverein Kaufbeuren und Umgebung kündigt Rücktritt an

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Es herrscht ein Machtkampf im Tierschutzverein Kaufbeuren, der auch das Tierheim Beckstetten betreibt. Jetzt kündigte der 1. Vorsitzende, Stefan Mitscherling, seinen Rücktritt an.

Buchloe/Jengen – Der Vorsitzende des Tierschutzvereins Kaufbeuren und Umgebung, Stefan Mitscherling, will zurücktreten. Das kündigte der 1. Vorsitzende des Vereins, der auch das Tierheim Beckstetten betreibt, vergangene Woche in einer nichtöffentlichen Vorbesprechung zur Mitgliederversammlung an und bestätigte dies nun auf Anfrage unserer Zeitung. Der Rücktritt soll in der Mitgliederversammlung am 8. Juni erfolgen. Mit ihm zurücktreten werden seine Vorstandskolleginnen Brigitte Weingartner und Silvia Baur.

Die Vorbesprechung im Gasthof zur Eichel fand hinter verschlossenen Türen statt, Nichtmitglieder und die Presse mussten draußen bleiben. Auch Kaufbeurens Stadtrat und Landtagsabgeordneter der Freien Wähler, Bernhard Pohl, reihte sich in diese Riege ein und durfte nicht in den Saal, weil er kein Mitglied sei. „Das kann Herr Mitscherling als Hausherr zwar machen, aber es wirft schon ein merkwürdiges Licht auf das Geschäftsgebaren des Tierschutzvereinsvorsitzenden“, kommentierte Pohl die Situation. Immerhin zahle die Stadt Kaufbeuren, deren Vertreter er letztlich sei, viel Geld an den Verein beziehungsweise das Tierheim. „Hier geht es auch um öffentliche Gelder“, so Pohl.

Wie berichtet, war Mitscherling immer wieder wegen seines Führungsstils in die öffentliche Diskussion gerückt. Die hohe Fluktuation bei den Mitarbeitern und der Umgang mit Vorstandsmitgliedern standen dabei vor allem im Fokus. Entsprechend gab es Turbulenzen zwischen Mitgliedern und der Vorstandschaft. Ein Machtkampf bestimmt seitdem das Vereinsleben.

Keine Chance auf Aufnahme

Der Landtagsabgeordnete Pohl selbst hatte schon seit längerem einen Antrag auf Mitgliedschaft gestellt und war sogar von Stefan Mitscherling persönlich um Vermittlung gebeten worden, „um die Wogen zu glätten und eine drohende Schließung des Tierheimes zu verhindern“, wie Pohl auf Anfrage unserer Zeitung mitteilte. Doch der Kaufbeurer Stadtrat war nicht der einzige, der nicht zur Versammlung durfte. Auch einige der von Mitscherling entlassenen Vorstandsmitglieder und ehemalige Mitarbeiter mussten draußen bleiben. Dazu viele Antragsteller, die gerne Mitglied des Tierschutzvereins werden wollten und seit langer Zeit vergeblich auf eine Antwort warten.

So trafen sich dann die „Ausgeschlossenen“ im Biergarten des Gasthofes Eichel, während drinnen einige Mitglieder noch per Antrag versuchten, dass zumindest die Presse zugelassen werde. Das sei wohl offenbar auf Vorschlag des 1. Vorsitzenden von der Mehrheit der Mitglieder abgelehnt worden.

Gesprächsstoff aber gab es draußen genug. Zu den nicht „Reingelassenen“ gesellten sich dann im Biergarten diejenigen, die sich Stefan Mitscherlings Äußerungen offenbar nicht länger anhören wollten. Unter ihnen Riedens Bürgermeisterin Inge Weiß. „Ich kann mir das nicht länger anhören“, empörte sie sich. Sauer war sie auch deswegen, weil Mitscherling seinen Anwalt, der auch nicht Mitglied des Tierschutzvereins ist, mit in den Saal gebracht hatte, ohne das Gremium darüber abstimmen zu lassen. Die Riedener Bürgermeisterin dagegen musste an der Eingangskontrolle ihre Mitgliedschaft beweisen und dann auch noch den Ausweis zeigen. „Für mich ist das Verhalten des 1. Vorsitzenden ein Thema für den Gemeinderat, denn auch Rieden unterstützt den Tierschutzverein letztlich mit Steuergeldern“, schimpfte Weiß.

„Die ganze Veranstaltung ist eine Farce“, erklärten die beiden Vereinsmitglieder Matthias und Sabine Queisser nach Verlassen der Sitzung. Mitscherling würde nach ihrer Auffassung sowieso komplett alleine entscheiden. „So hat er seine Frau einfach kommissarisch in den Vorstand geholt, ohne die Mitglieder darüber abstimmen zu lassen“, kritisierte Matthias Queisser.

Laut Homepage des Tierschutzvereins sind drei der sechs Vorstands­posten derzeit nicht besetzt. Zuletzt hatte Gertraud Gruschka ihren Posten im September 2017 nach nur einem halben Jahr Amtszeit als kommissarische 2. Vorsitzende niedergelegt. Gegenüber unserer Zeitung sagte die Juristin, der Führungsstil und der Umgang mit den Mitarbeitern durch Stefan Mitscherling sei für sie nicht akzeptabel gewesen. Ihre Mitgliedschaft im Verein behielt sie aber.

Anders erging es dagegen Mariska Schöb. Ihr soll der 1. Vorsitzende auch noch die Vereinsmitgliedschaft entzogen haben. Schöb war die gewählte erste Schriftführerin und damit Mitglied im Vorstand. „Dabei wollte ich doch nur Einblick in die Bücher haben“, berichtete sie. Die Antwort des ersten Vorsitzenden sei dann „Hausverbot und Rausschmiss aus dem Verein und der Vorstandschaft gewesen“. „Laut Satzung darf er das ohne Mitgliederversammlung aber gar nicht“, merkte Schöb an.

Als ehemalige Mitarbeiterin im Tierheim erzählte Melanie Kühn, dass es in einem Zeitraum von nur einem halben Jahr mehrere Kündigungen von Mitarbeitern gegeben habe.

Christiane Schrade, vor einigen Jahren selbst Vorstandsmitglied im Tierschutzverein Kaufbeuren, kritisierte, dass es nicht angehen könne, dass bei Fundtieren zu wenig getan werde, um die Tiere den Besitzern wieder zukommen zu lassen.

Und Eva Appelt, die laut eigenem Bekunden seit September letzten Jahres auf ihre Mitgliedschaft wartet, ärgerte sich, dass immer wieder die Aufnahme von Tieren abgelehnt werde. Sie berief sich dabei auf die Aussage von Stefan Mitscherling bei der Mitgliederversammlung im Dezember 2016, „das Tierheim sei kein Gnadenhof“. Appelt findet, „dass sich hier gewaltig was ändern muss“.

Seit gut einem halben Jahr warten zudem Andrea Hölzel, Frank Dämgen, Christine Troglauer-Göbel und Sonja Silvia auf die Aufnahme in den Tierschutzverein.

Opfer einer Kampagne

Mitscherling selbst sieht sich als Opfer einer „Negativkampagne“ durch dauerhafte Anfeindungen von „Randgruppen“. „Auf Grund dieser Entwicklungen habe ich bekannt gegeben, dass ich in der nächsten Mitgliederversammlung am 8. Juni 2018 meinen Rücktritt als 1. Vorsitzender erklären werde. Das Gleiche gilt für die amtierenden Vorstandskolleginnen, Brigitte Weingartner und Silvia Baur.“ Das habe jedoch nichts mit dem „angeblichen öffentlichen Druck“ zu tun. „Es geht vielmehr darum, dass wir das Privatleben und die Freizeit seit 2013 zum Wohle der Tiere (und des Vereins) geopfert haben und das wegen der dauerhaften Anfeindungen von Randgruppen nicht weiter zu tun bereit sind. Sollen diese Gruppierungen doch Lügen und Intrigen weiter ausleben. Wir lassen uns davon nicht vergiften“, betonte Mitscherling gegenüber unserer Zeitung.

Zusammen mit dem Team und vielen Ehrenamtlichen sei es Mitscherling gewesen, der das Tierheim aus der damals drohenden Insolvenz in eine jetzt stabile wirtschaftliche Situation geführt habe.

Zahlreiche Verbesserungen seien zum Wohle der Tiere herbei geführt und Missstände behoben worden. „Das Ganze war nur möglich mit Sachverstand, Kompetenz und unermüdlichem Einsatz“, so der Vereins-Chef.

Trotz dieses Erfolgs gebe es laut Mitscherling seit langer Zeit „Neider und Besserwisser, die permanent über scheinbare Missstände berichten“. Diese seien weder nachweisbar, noch hätten diese Personen die Kompetenz und Referenz, die sie legitimiert. „Im Gegenteil“ ist sich Mitscherling sicher: „Teilweise ist man gar nicht am Tierwohl orientiert, sondern hat eine andere Gesinnung. Der Verein und das Tierheim Beckstetten werden schlecht geredet, wobei eigene Konzepte für weitere Verbesserungen fehlen.“

Mitscherling selbst möchte sich in Zukunft wieder um seine Familie kümmern. Mitscherling betont, dass das Vereinsleben und die sozialen Kontakte nicht im Tierheim ausgelebt werden können. Diverse Vorfälle hätten das gezeigt. „Was fehlt, ist die Bereitschaft von Wenigen, Hierarchien zu akzeptieren.“ Ein Tierheim sei kein Spielplatz und kein Vereinsheim, sondern ein Betrieb. Deshalb müsse entsprechende Sorgfalt aufgewendet werden.

Nichtöffentlichkeit klar kommuniziert

Die Kritik, dass er den Anwalt als Nichtmitglied zu der nichtöffentlichen Sitzung eingeladen habe, begründet Mitscherling damit, dass es der Anwalt des Vereins sei. Er sollte den Mitgliedern in Satzungsfragen als Experte Rede und Antwort stehen. Das sei gelungen und die Bedenken gegen angebliche Satzungsverstöße seien komplett ausgeräumt worden, so der 1. Vorsitzende. Auch den Ausschluss von Presse und Nichtmitgliedern sei laut dem Vereins-Chef korrekt gewesen. Andere Vereine hätten dies auch schon so praktiziert. Man habe nichts verheimlichen, sondern Persönlichkeitsrechte achten und respektieren wollen.

Zur Aussperrung von Bernhard Pohl erwiderte Mitscherling: Pohl sei bekannt gewesen, dass er keinen Zugang zu der Veranstaltung bekommen würde. Außerdem wolle der Verein nicht, dass der Politiker mit dem Tierheim Beckstetten Wahlkampf mache.

von Siegfried Spörer

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