Aufstellen für die Zukunft

VWEW: „Infoveranstaltung über Fusionspläne als Meilenstein“

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Das Interesse der Bürger hielt sich in Grenzen. Die Veranstaltung hätte durchaus mehr Besucher verdient.

Kaufbeuren – „Es ist noch keine Entscheidung gefallen, wir haben lediglich Weichen gestellt“, so Oberbürgermeister Stefan Bosse eingangs der Informationsveranstaltung im Kaufbeurer Stadtsaal. Hintergrund war die beabsichtigte Fusionierung der Vereinigten Wertach Elektrizitätswerke (VWEW) mit Erdgas Schwaben (EGS). Zusammen mit VWEW-Geschäftsführer Stefan Fritz erklärte der OB die Hintergründe und Vorteile des Vorhabens den rund 120 Besuchern: „Wir wollen uns für die Zukunft aufstellen.“ Etwa ein Dutzend davon waren Mitarbeiter von EGS. Seitens VWEW war etwa die dreifache Anzahl zugegen.

„Gründlichkeit geht vor Schnelligkeit und wir haben keinen zeitlichen Druck“, machte der OB zu Beginn klar und betonte dies mehrmals im Verlauf des Abends, „mir ist das Unternehmen sehr wichtig.“ Fünf Kommunen seien stolze Eigentümer von VWEW. In einem kurzen Abriss stellte er die Entwicklung über die Ausweitung möglicher Geschäftsfelder dar. Demnach habe es bereits 2013 nach dem Ausloten über eine Zusammenarbeit mit LEW keine aussichtsreichen Felder ergeben. Auch 2015 habe man ähnliches bei der AÜW bezüglich einer gemeinsamen Netzgesellschaft gesehen, da dies zu einem Mitarbeitertransfer geführt hätte. EGS habe von den Bemühungen Kenntnis erhalten und daraufhin hätten 2016 erste Gespräche stattgefunden.

VWEW erwirtschaftet jährlich etwa drei Millionen Euro Gewinn, die anteilig auf die Gesellschafter verteilt werden. Das Stromnetz ist dabei mit 60 Prozent die wesentlichste Säule neben dem Handel (25 Prozent) und der Wasserkraft (15 Prozent). „Das kann kein OB aus der Hand geben“, lautete dessen Kommentar, „wir wollen unser Kommunalunternehmen sicher und verlässlich in die Zukunft führen.“ Die EGS GmbH sei ein guter Partner, da sie ebenfalls zu 100 Prozent kommunal sei. Zu den Befürchtungen bezüglich der bei EGS im Boot befindlichen AG Thüga sagte Bosse: „Von der Thüga merkt man nichts.“ „Wir fusionieren nicht mit der Thüga“, ergänzte Fritz. Der Zusammenschluss ändere für Kunden zunächst nichts, da man immer bestrebt sei, ein günstiges Angebot anzubieten. Der grafischen Darstellung war zu entnehmen, dass als Teil der EGS deren in Kaufbeuren angesiedelte Betriebsstelle mit der VWEW in einem neuen Unternehmen vereinigt werden soll, dessen Sitz in Kaufbeuren verbleibt. Der Gewinn werde geteilt.

„Komplexe Sachverhalte“

Die äußerst komplexen Sachverhalte im heutigen Strommarkt erläuterte der VWEW-Geschäftsführer anhand einiger Grafiken. Dabei wurde auch die Entwicklung deutlich, die sich vom 19. Jahrhundert als einzelner Versorger und Verteiler über die Liberalisierung der Energieversorgung Ende des 20. Jahrhunderts als Versorgungsunternehmen bis hin zum heutigen Dienstleister und zukünftig digitalen Energiedienstleistungsunternehmen vollzogen hat. Zudem bestehe seit 2006 der sogenannte anreizregulierte Netzbetrieb, bei dem der günstigste Anbieter den Takt angibt. „Der digitale Wandel erfasst auch die Strombranche“, sagte Fritz und bezeichnete dies als „letzte Stufe“, die auch andere Branchen bereits erfasst habe. „Größer sind wir leistungsfähiger, ansonsten beim Zukauf abhängiger.“

Zukunft im Blick

Bosse und Fritz erklärten, dass die Digitalisierung eine enorme Herausforderung darstelle, denn das Käuferverhalten habe sich geändert. Mit einem ertüchtigten IT-Netz könne das Kundenmanagement verbessert und eine neue Käuferschicht erschlossen werden. „Wir sind da noch im Steinzeitalter und können das weder kapazitiv noch investiv stemmen“, sagte Fritz, „der alleinige Weg ist kostenträchtig und steinig“. „Angriffe auf die kritische Infrastruktur sind eine Gefahr“, ergänzte Bosse, die dafür notwendigen Investitionen seien für größere Unternehmen besser zu schaffen. „Wir müssen Markteindringlinge abwehren, die wir noch gar nicht kennen“, sagte Fritz, denn bei einem Elektroauto könne in Zukunft auch der Strom mit verkauft werden. Mit EGS sei auch ein Zugriff auf das Netz der Thüga mit 58 beteiligten Stadtwerken und Unternehmen möglich. Selbst Wettbewerber wie e.on und RWE würden plötzlich fusionieren. Im Fokus stünde laut Fritz auch die Attraktivität für Mitarbeiter der Zukunft, die sehr stark digital unterwegs seien.

So sähe das gemeinsame Netzgebiet von VWEW (Blau) und EGS (Orange) in einem neuen Unternehmen aus.

Warum Gas?

Die Energiewende stellt nach den Worten des VWEW-Vorstandes ein Jahrhundertprojekt dar und sei mit Strom alleine nicht zu schaffen. Gas sei besser als Öl, spiele noch lange Zeit eine Rolle und durch die Durchlässigkeit von Strom, Wärme und Verkehr werde die Vernetzung von Wärme und Gas wachsen. Hier spiele in der Zukunft auch die sogenannte Power to Gas-Technologie eine Rolle. Dabei wird überschüssiger Strom aus alternativen Energien in Gas verwandelt und kann in dafür erforderliche Erdgasinfrastruktur eingespeichert werden.

Nicht alle überzeugt

Anwesende Mitarbeiter der EGS äußerten Bedenken: „Die Thüga bekommt 40 Millionen Euro und bei uns wird gespart“. Dem hielt Bosse entgegen, dass im neuen Unternehmen der wie bisher öffentliche Tarifvertrag gelte und eine Arbeitsgruppe auslote, dass kein Mitarbeiter schlechter gestellt werde. Auch einzelne Fragen aus der Bürgerschaft wie „Verschenken wir etwas?“ oder „Könnte man nicht durch Kooperationen gleiche Synergien erreichen?“ entkräftete die Stadtspitze: „Größer sind wir leistungsfähiger, ansonsten beim Zukauf abhängiger. Die Netzagentur hat kein Interesse an kleinen Versorgern. Durch die Kombination von Gas und Strom haben wir eine gemeinsame Struktur.“

Kritik wurde an der Informationspolitik geübt: „Es geht nicht alles in die Öffentlichkeit“. Mit Blick auf anwesende Wettbewerber antwortete Bosse: „Wir ziehen uns hier nackt aus!“

Ralf Nahm wollte wissen, warum kein Vertreter von EGS da sei. Dies werde in der nächsten Veranstaltung geschehen, versprach Bosse und gab zu: „Wir hatten auch Friktionen mit der EGS und im Sommer wäre es beinahe zu Ende gewesen.“ Zudem habe es lange und schwierige Diskussionen im Gesellschafterbereich gegeben. „Jetzt wird alles sauber geregelt, wir geben unsere Philosophie nicht auf.“ Wenn Anteile verkauft werden würden, werde zurück abgewickelt: „Wir entscheiden hier in Kaufbeuren.“

Die drei Gesellschafter Mindelheim, Markt­oberdorf und Biessenhofen hätten bereits ihre mögliche Zustimmung signalisiert, ­Apfeltrach fehlt noch. In jedem Falle müsse es aber eine einstimmige Entscheidung aller Gesellschafter geben. Laut Geschäftsführer Fritz ist frühestens im April mit einer Entscheidung zu rechnen.

von Wolfgang Becker

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