„Im Kampf wächst du über dich selbst hinaus“

Berliner Allroundtalent Tim Oliver Schultz über „Club der roten Bänder“

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„Die Onkologie ist ein Ort, an dem ‚Superhelden‘ um ihr Leben kämpfen“, sagte Schauspieler Tim Oliver Schultz zu Kreisbote-Redakteurin Sandy Kolbuch.

Der Berliner Tim Oliver Schultz (Jahrgang 1988) wurde im Alter von zehn Jahren von einer Casting-Agentin entdeckt. Mit zwölf Jahren bekam er seine erste Hauptrolle in der ZDF-Reihe „Ein starkes Team“. Große Bekanntheit erlangte er durch seine Gastrolle in der Serie „Schloss Einstein“ (ab 2005). Es folgten Rollen in TV-Filmen und im Kino u.a. in „Systemfehler – Wenn Inge tanzt“ (2013) und „Die Vampirschwestern 2 + 3. Von 2015 bis 2017 verkörperte er die Rolle des Leo in der VOX-Serie „Club der roten Bänder“, die er auch im Kinofilm „Der Club der roten Bänder – Wie alles begann‘‘ wieder einnimmt. Kreisbote-Redakteurin Sandy Kolbuch traf Schultz am Tag der Berliner Filmpremiere und sprach mit ihm über den „Club der roten Bänder“.

Wie fühlt es sich an, in die Rolle von Leo zurückzukehren, dessen Geschichte eigentlich in der Serie bereits komplett erzählt ist?

Schultz: Es war eine komplett neue Rollenentwicklung für mich. In der ersten Folge der ersten Staffel wird der Club gegründet. Im Film wird die Vorgeschichte dessen erzählt: Leo entscheidet sich erst am Ende dazu, für die anderen da zu sein und ihnen Kraft zu geben. Die ganzen Schicksalsschläge, die er in der Vorgeschichte erfährt, machen ihn erst zu dem Leo, den man in der Serie kennenlernt. Vorher heißt er Leonard, ist ein Junge der gerne Fußball spielt und sich nicht mit Krankheiten beschäftigt, obwohl seine Mutter schwer krank ist.

Hat Dich das Schicksal von Leo jetzt mehr berührt, wo man ihn als Teenager vor der Diagnose erlebt?

Schultz: Als Leo in ''Club der roten Bänder'' habe ich schon relativ viele schlechte Diagnosen erhalten. Als ich für den Film die erste schlechte Nachricht von der Ärztin erhalten habe, was das ein sehr überraschend intensiver Moment für mich. Das hat mich sehr mitgenommen.

In der Serie erfährt man, dass Leos Mutter an Krebs gestorben ist. Im Film nimmt man an diesem Schicksal teil. Wie wirkte dies auf Dich?

Schultz: Jede Diagnose, die man bekommt, verändert einen. Dadurch, dass ich jetzt mit Katinka Auberger zusammenspielen konnte, die im Film Leos Mutter verkörpert, gab es plötzlich ein Gesicht zu der Geschichte. Als ich gestern den Film noch einmal gesehen habe, musste ich tatsächlich wieder weinen, weil ich in die Situation zurückversetzt wurde.

Hat Dich die Rolle des Leo nachträglich für Gesundheitsfragen sensibilisiert?

Schultz: Auf jeden Fall. Ich werde hoffentlich durch jede Rolle für neue Themen sensibilisiert und mit einer Welt konfrontiert, die vorher im besten Fall fremd für mich war. Das ist mein Anspruch an den Job. Im Vorfeld von der „Club der roten Bänder“ war ich das erste Mal in meinem Leben auf einer Onkologie und habe mich mit Krebserkrankungen beschäftigt. Innerhalb kurzer Zeit habe ich gesehen, dass dies ein Ort ist, an dem „Superhelden“ um ihr Leben kämpfen. Selbst wer keine Kraft mehr hat, kämpft weiter. Im Kampf wächst du über dich selbst hinaus.

Hast Du vor Drehbeginn mit Albert Espinosa, auf dessen Lebensgeschichte die Serie und der Film basieren, gesprochen?

Schultz: Ja, sehr lange sogar. Als ich die Information bekam, dass es noch einen Kinofilm zur Serie geben würde, habe ich mich gefragt, was wir eigentlich erzählen wollen. Ich hatte dem Ganzen gegenüber einen gewissen Vorbehalt. Die Fans begegnen uns mit ganz viel Anerkennung und Liebe, weil wir Teil dieses Projekts waren. Uns allen war daher ganz wichtig, dass wir mit dem Film etwas ganz besonderes erzählen, was den Menschen noch etwas Neues gibt. Ich habe mit Albert telefoniert und von ihm erfahren, dass es ihm eine Herzensangelegenheit ist, dass die Geschichte von Benni erzählt wird, seinem damaligen Zimmergenossen. Er war damals der wichtigste Mensch für ihn, als er im Krankenhaus lag. Diese Verbindung wollte ich verstehen und habe mich intensiv damit beschäftigt, bis ich es nachvollziehen konnte.

Hattest Du die Möglichkeit, eigene Ideen in das Drehbuch einfließen zu lassen?

Schultz: Es war meine Idee, dass Leonard zu Leo wird. Auch seine deutliche Entwicklung zum Superhelden entstammt meiner Vorstellung. Zu Beginn ist Leo besessen von seinen Comics und am Ende wird er selbst zu einem 'Superhelden'. Es gibt im Film einen Moment, wo Leo mit gelben Handschuhen, einem gelben Helm und einer capeartigen Jacke auf seinem Motorrad zur Burg fährt. Von hinten sieht man, dass sich zwei gekreuzte Krücken in seinem Rucksack befinden, was ein Zitat auf die ''Teenage Mutant Ninja Turtles'' ist, die ich liebe. Ich habe das Drehbuch in einer sehr frühen Fassung bekommen und habe anschließend schon viele Ideen mit Albert besprochen. Es war sowohl mit den Drehbuchautoren, als auch mit dem Regisseur ein sehr reger Austausch.

Der „Club der roten Bänder“ ist eine Coming-of-Age-Story, wie man sie bisher nicht gesehen hat. Alle Teenager wachsen im Laufe der Handlung durch ihr Schicksal über sich hinaus.

Schultz: Ja, es ist definitiv eine Coming-of-Age-Story. Leonard will die ganze Zeit über schleunigst wieder aus dem Krankenhaus raus. Er sammelt all seine Kräfte und ist bereits am Maximum angelangt. Dann stirbt Benni und er will nur noch flüchten. Aber in diesem Moment erkennt er, dass er wirklich kämpfen muss. Diese Transformation, die durch den Krebs eingeläutet wird, war Albert und mir sehr wichtig.

Der Klinikalltag wirkt sehr authentisch. Habt ihr im Vorfeld der Serie und des Films eine Kinderstation besucht, um ein Gefühl für die Atmosphäre zu bekommen?

Schultz: Solche Kulissen wirken authentisch, wenn das Setdesign stimmt. Unsere Szenenbildnerin Ellen Latz hat ganz wunderbare Arbeit geleistet. Bei einem Film hat man dank des Budgets auch mehr Möglichkeiten, als bei einer Serie. Für uns wurde eine wunderbare Kulisse geschaffen, in der wir uns wohlfühlen konnten. Man konnte durch die Flure laufen und jedes Zimmer war eingerichtet. Vor der Serie war ich mit einem jungen Mann im Krankenhaus, der im gleichen Alter wie Leo an Krebs erkrankt war. Ich habe von ihm erfahren, dass der Aufenthalt im Krankenhaus für ihn die schlimmste, aber auch eine der schönsten Zeiten war, weil er mit den anderen Patienten zusammengewachsen ist.

Leo wird im Film ein Bein amputiert. Wie war der Dreh der Szenen mit nur einem Bein?

Schultz: Beim Drehen der Szenen, in denen ich kein Bein hatte, mussten wir immer irgendwie planen, dass man das Bein nicht sieht. Das waren teilweise sehr kreative Lösungen, aber eben auch sehr aufwendige Abbindungen. Der Dreh war im Sommer 2018, der als heißester Sommer in die Geschichte eingegangen ist. Nicht nur wegen der Beinkonstruktionen bedeutete das Schwitzen: Leo trägt zusätzlich die ganze Zeit eine Mütze, einen Schal und einen dicken Pulli.

Was war für Dich die größte Herausforderung?

Schultz: Das ganze Projekt war eine Herausforderung, weil wir etwas für die Fans schaffen wollten, wofür sie weiterhin dankbar sind. Albert Espinosa hat die Geschichte der roten Bänder erdacht und aufgeschrieben und sie wurde mehrfach verfilmt. Dieses Phänomen ist zeitlos und geht vielen Menschen sehr ans Herz. Ich bin mit dem größten Respekt an dieses Projekt herangegangen.

Die Thematik der Geschichte erweckt auf den ersten Blick keine positiven Gefühle. Kannst Du dich noch an deine erste Reaktion erinnern, als Du für die Serie gecastet wurdest?

Schultz: Ich hatte nie das Gefühl, dass die Serie nicht funktionieren kann. Ich war mir nur unsicher, ob die Serie etwas für mich ist. Ich kannte VOX damals fast gar nicht, weil ich seit Jahren keinen Fernseher besitze. Mir war die Arbeitsweise des Senders fremd und ich hatte anfangs Bedenken, durch eine Serie eventuell gefangen zu sein. Ich war dem Ganzen schon leicht skeptisch gegenüber. Aber dann wollte mich der VOX-Chef persönlich treffen, nachdem er ein Youtube-Video von mir gesehen hat, auf dem ich im Film „Systemfehler“ einen Song performe. Er hat in mir etwas gesehen und hätte eine Absage für die Rolle nur von mir persönlich akzeptiert. Ich habe mich mit ihm getroffen und innerhalb weniger Minuten konnte er mich nicht nur überzeugen, sondern begeistern. Bis heute habe ich es nicht eine Sekunde bereut.

Am 16. Februar bist Du in dem ARD-Film ''Song für Mia'' zu sehen. Und anschließend bist Du als Zoowärter Karl in ''Benjamin Blümchen'' auf der Kinoleinwand.

Schultz: Ja und bis dahin mache ich noch viele andere tolle Dinge (lacht). Es ist immer etwas Besonders, wenn ein Film erscheint, in dem man selbst mitspielt. Ich bin da immer ganz aufgeregt, wie die Zuschauer reagieren. In ''Song für Mia'' zeige ich wieder eine ganz andere Seite von mir, die ähnlich der von ''Systemfehler'' ist, aber viel erwachsener. Ich liebe den Film und mag auch die Musik sehr. Und dann kommt im August ''Benjamin Blümchen'', der Held meiner Kindheit, raus. Als ich gehört habe, dass Regisseur Tim Trachte den Elefanten auf die Leinwand bringt, habe ich ihm sofort geschrieben, dass ich gerne dabei wäre – egal in welcher Rolle. Irgendwann bekam ich die Castingeinladung, war sehr aufgeregt und hab mich recht aufwendig darauf vorbereitet und die Rolle bekommen.

Vielen Dank für das nette Gespräch.

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