Wahrheitsfindung in Religion und Geschichte: "Luther und die Deutschen" von Kaufbeurer Studiendirektor a.D. Jakob Knab

Streitbarer Religionslehrer

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Jakob Knab mit seiner Frau Dr. med. Stefanie Knab.

Kaufbeuren – Streitbar war er schon immer, der Kaufbeurer Studiendirektor a.D. Jakob Knab (Jahrgang 1951), der von 1999 bis 2015 Fachbetreuer für Katholische Religionslehre am Jakob-Brucker-Gymnasium Kaufbeuren war. Zahlreiche Schriften, oftmals in Kooperation mit anderen kritischen Geistern wie Detlef Bald oder Ernst. T. Mader, beweisen seine stete Bereitschaft, altehrwürdige Traditionen zu hinterfragen.

„Seine“ Themen behandelte er zum Beispiel in den Veröffentlichungen „Falsche Glorie. Das Traditionsverständnis der Bundeswehr“ oder „Die Stärkeren im Geiste: Zum christlichen Widerstand der Weißen Rose“. Auch das im Luther-Jubiläumsjahr erschienene Buch „Luther und die Deutschen; 1517-2017“ von Jakob Knab ist nicht etwa ein weiteres Loblied auf Luther, sondern es kratzt vielmehr heftig am Denkmal des großen Reformators.

Kein Wunder also, dass es gar nicht so einfach war, einen Verleger für das Werk zu finden. „Protestantische Verlage konnten der Kritik an Luther keinen Geschmack abgewinnen und katholische Verlage wollten die ‚gerade so gedeihliche ökumenische Zusammenarbeit‘ nicht gefährden“, erzählt der Autor. Schließlich kam mit dem Donat-Verlag eine Einigung zustande, wobei Verleger Helmut Donat zunächst seine persönliche Luthersicht in das Werk eingearbeitet wissen wollte. Er beschränkte sich dann jedoch in dem über 300 Seiten umfassenden Buch auf ein fast 70-seitiges Nachwort, wodurch Knabs wissenschaftliche Anmerkungen, Fußnoten und die Bibliographie jetzt ungewohnt weit vorne im Buch gesucht werden müssen.

Der Autor Knab lässt dem „religiösen Ausnahmegenie“ Luther durchaus Gerechtigkeit widerfahren, was die Bekämpfung von Korruption, Ablasshandel und Sittenverfall der Papstkirche anbelangt oder Luthers starken Auftritt vor dem Reichstag in Worms. Den oben angesprochenen „streitbaren Religionslehrer“ mag man daher sowohl auf den Autor als auch auf seinen Protagonisten beziehen. Knab zeigt jedoch ebenfalls auf, dass der unbeirrte Obrigkeitsglaube des „Fürstenknechts“ Luther im Laufe der Jahrhunderte zu einer Verquickung von Religion und Nationalismus bei seinen Anhängern führte, was nicht selten in vaterländische Kriegstreiberei mündete. Und Luthers explizit ausgesprochener Hass auf Juden, Muslime, Sinti, Roma, fahrendes Volk oder niedrig geborene Aufständische, „die ohne Gewalt von Gott das Schwert nehmen“, diente in allen Epochen nach ihm als willkommene Rechtfertigung für deren Diskriminierung bis hin zur Ausrottung.

Jakob Knab, *1951 in Waidhofen/Oberbayern, von 1999 bis 2015 Fachbetreuer für Katholische Religionslehre am Jakob-Brucker-Gymnasium Kaufbeuren, Studiendirektor a.D., Gründer und Sprecher der Initiative gegen falsche Glorie; Veröffentlichungen zur Geschichtspolitik und zur Erinnerungskultur. Der Journalist und Schriftsteller Ralph Giordano, dessen Schriften vor allem vom Holocaust und dessen Folgen handeln, schrieb über Knab, er sei „einer der raren Alltagshelden der Republik“.

Im Klappentext wird gefragt, ob man in Deutschland einen Mann feiern dürfe, der ausdrücklich gefordert hat, dass man Synagogen anzündet, der der Papstkirche, Muslimen und aufständischen Bauern „Pest, Tod und Teufel“ an den Hals gewünscht, der die Sinti als gottlos, mit schwarzer Magie und dem Teufel im Bunde stehend bezeichnet und deren Verfolgung begrüßt hat. „Gegen von Legenden umrankte Geschichtsbilder, Staats- und Kriegsvergötzung, Schwertglauben, Machtanbetung und weichgespülte Ungehobeltheiten führt Jakob Knab die unheilvollen Folgen der Glorifizierung Luthers sowie die Nationalisierung des Religiösen im Gefolge der Reformation vor Augen. Er geht den Irrwegen des preußisch-deutschen Nationalprotestantismus nach und nimmt für immer Abschied vom Mythos Luther.“ Knab weist unter anderem auch darauf hin, dass sich der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) in dem Grundlagentext „Rechtfertigung und Freiheit – 500 Jahre Reformation 2017“ von Luthers hasserfüllter Polemik selbst heute noch „allenfalls halbherzig“ distanziert.

Insgesamt ist das Werk sicherlich nicht als leichte Strandlektüre geeignet, vielmehr sei es, wie ein anderer Rezensent anmerkte, zwar hochinteressant, jedoch nur in homöopathischen Dosen genießbar. Aber wer an der Wahrheitsfindung in Religion und Geschichte interessiert ist, sollte sich unbedingt mit Jakob Knabs Sichtweise auseinander setzen.

von Ingrid Zasche

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