Wald, Wild und Jagd – wie geht das zusammen?

„Wald vor Wild“: Die Jagd als Spannungsfeld verschiedener Interessen

 Paula Wölfle zeigt dem Geschäftsführer der Forstbetriebsgemeinschaft Marktoberdorf, Moritz Janzen
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Jägerin und Waldbesitzern Paula Wölfle zeigt dem Geschäftsführer der Forstbetriebsgemeinschaft Marktoberdorf, Moritz Janzen, ihre Aufforstungen, die sie eigenhändig mit viel Liebe und harter Arbeit durchgeführt hat.
  • vonKai Lorenz
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Marktoberdorf/Görisried – Paula Wölfle aus Görisried ist Jägerin und Waldbesitzerin. Daher kennt sie die Befindlichkeiten beider Seiten nur zu gut. Die der Waldbauern, die mehr Wildabschüsse fordern, um ihre Baumbestände zu schützen sowie die der Jäger, die den Jagddruck auf das Wild verringern wollen. Und so sorgt der Grundsatz „Wald vor Wild“, der 2005 im Waldgesetz für Bayern verankert wurde, gerade bei den Jägern oft für Kopfschütteln. Wildtiere seien aus Sicht des deutschen Jagdverbandes nicht der Sündenbock einer verfehlten Forstpolitik. Dennoch steigen die Abschusszahlen für Reh und Hirsch weiter. Und immer noch ist jeder zweite Baum im deutschen Wald ein anfälliger Nadelbaum. Aber wie kann „Wald, Wild und Jagd“ im Zusammenspiel funktionieren? Der Kreisbote folgte daher Paula Wölfles Einladung, um direkt vor Ort zusammen mit Moritz Janzen, dem Geschäftsführer der Forstbetriebsgemeinschaft Marktoberdorf (FBG), über dieses Thema zu sprechen.

Paula Wölfe liebt ihren Wald, den sie zusammen mit ihrem Mann bejagt, hegt und pflegt. Dort drüben habe sie vor gut zehn Jahren ihre erste Sau geschossen. „Das war ein Erlebnis“, spürt sie noch heute die Freude darüber. Der Wildbestand im Revier entspricht nicht immer den zugrunde gelegten geforderten Abschusszahlen im Jahr. Alle drei Jahre erstellt die Bayerische Forstverwaltung für die rund 750 bayerischen Hegegemeinschaften forstliche Gutachten zur Situation der Waldverjüngung. In den Gutachten werden die Situation der Waldverjüngung sowie ihre Beeinflussung durch das Schalenwild bewertet und Abschussempfehlungen abgegeben. Auf dieser Grundlage legt die Jagdbehörde die Abschusszahlen fest. Daran muss sich der Jäger halten. Zum Schalenwild zählen unter anderem auch das Reh- und Rotwild. Jene Artgenossen, die auch für den sogenannten Verbiss hauptsächlich verantwortlich sind. Die also junge Triebe bei heranwachsenden Bäumen abknabbern und damit das Wachstum des Baumes beeinflussen. Passiert das einmal, wirft das den betroffenen Baum um rund zwei Jahre in seiner Entwicklung zurück.

Auf rund 120 Jahre Lebenserwartung gerechnet sei der Schaden zwar nicht hoch, so Janzen. „Das Problem ist nur, dass das im Leben eines Baumes des Öfteren vorkommt, und dann entsteht da schon ein beträchtlicher Schaden.“ Der Forstexperte zieht trocken Bilanz: „Fakt ist, unsere Bäume haben es nicht leicht“. Denn neben Reh und Co. setzen auch Mäuse, Hasen und Käfer den Bäumen kräftig zu. Doch diese Tiere leben im Wald, dort finden sie Unterschlupf und Nahrung. Durch ihre Lebensweise und die Nahrungsaufnahme nehmen sie in unterschiedlicher Weise Einfluss auf das Ökosystem Wald. Jede Wildart zeigt dabei artspezifische Verhaltensmuster, die sich unterschiedlich auf ihren Lebensraum auswirken. „Bei angepassten Wilddichten stellt dies für die natürliche Entwicklung des Waldes kein Problem dar. Sind die Wilddichten jedoch zu hoch, kann es zu beträchtlichen Schäden und daraus resultierenden Nachteilen für Wald, Waldbesitzer und Gesellschaft kommen“, so der Geschäftsführer der FBG.

Dabei schweift sein Blick auch auf die jungen Anpflanzungen von Fichten und Tannen, die Paula Wölfle in mühevoller Arbeit eigenhändig auf Kahlflächen gepflanzt, regelmäßig gepflegt und durch diverse Maßnahmen geschützt hat. Sie freut sich, dass die ersten Fichten nach vier Jahren schon so groß sind, dass sie vom Schalenwild nicht mehr verbissen werden können. Aber auch so manche Fichte fällt Janzen auf, die bereits schon mal verbissen wurde. Das sei schon ein Alarmsignal, denn wenn bereits die für Rehwild wenig schmackhafte Fichte verbissen wird, haben die anderen nachwachsenden Bäume wie Ahorn oder Buche eigentlich keine Chance. Auch die Schutzmaßnahmen seien aus Janzens Sicht immer nur eine „Krücke“ und nicht die Lösung. „Angepasste Wildbestände sind das Maß der Dinge“, so der Experte.

Und da kommt nun der Jäger ins Spiel. Neben dem Schutz des Wildes und seiner Lebensgrundlagen ist es daher wichtige Aufgabe der Jagd, die Wildbestände an die natürlichen Lebensgrundlagen anzupassen. Nur so können Beeinträchtigungen einer forstwirtschaftlichen Nutzung möglichst vermieden und unsere Wälder fit für die Zukunft gemacht werden, weiß Janzen. Demnach soll die Bejagung insbesondere die natürliche Verjüngung der standortgemäßen Baumarten im Wesentlichen ohne Schutzmaßnahmen ermöglichen. Dabei geht es nicht um einen Wald ohne Wild, vielmehr soll eine Waldverjüngung auch ohne Zäune oder anderweitige teure Schutzmaßnahmen möglich sein, sagt Janzen und betont eindringlich: „Niemand will einen Wald ohne Wild“. Das Ziel der Waldverjüngung ohne Zaun kann aber nur erreicht werden, wenn die Waldverjüngung nicht durch zu hohe Wildbestände im Wachstum beeinträchtigt wird. Angepasste Wildbestände sind für das Aufwachsen der jungen Wälder – vor allem standortgerechter und möglichst naturnaher Mischwälder – eine Grundvoraussetzung, so der Forstexperte.

Der Jagddruck ist hoch

Doch für viele Jäger ist der Jagddruck bedingt durch die hohen Abschusszahlen hoch. Insbesondere zahlreiche Ansitze, die nötig sind, um die Tiere zu bejagen, bringen Unruhe ins Revier. Die Tiere werden heimlicher, ziehen sich zurück, kommen meist nur noch nachts aus dem Dickicht. Also dann, wenn die Jagd auf Schalenwild nicht mehr erlaubt ist, berichtet Paula Wölfle und mahnt: „Schnellschüsse und schlecht platzierte Treffer dürfen nicht die Folge sein, denn das hätte wiederum Auswirkungen auf die Fleischqualität“. Denn Jäger töten nicht aus Spaß, sondern wollen neben der Hege den Verbrauchern ein hochwertiges Lebensmittel anbieten. Darüber hinaus unterliegt das Schalenwild Schonzeiten, die es einzuhalten gilt. Das Zeitfenster, um die Abschussquoten zu erfüllen, ist also sehr überschaubar. Zeit zum richtigen Ansprechen (Klassifizieren des Tieres) des Wildes bleibt oft kaum noch, denn es muss oft schnell gehen, bevor das Wild wieder aus dem Anblick verschwindet. „Fehlabschüsse aus Zeitdruck müssen daher unbedingt vermieden werden“, berichtet Wölfle. „Unsere Verantwortung gegenüber unserem Wild ist groß. Es wäre daher gut, wenn wir sowohl mehr Anerkennung als auch Verständnis erfahren würden.“

Gemeinsam an einem Strang ziehen

Die Jagd ist ein Spannungsfeld verschiedener Interessen. Aus diesem Grund sei es wichtig, dass alle betroffenen Akteure einen konstruktiven und partnerschaftlichen Umgang miteinander pflegen, meint die Jägerin. Durch gemeinsame Diskussionen vor Ort können emotional geführte Debatten versachlicht werden, weiß auch Janzen aus seiner Praxis zu berichten. Die regelmäßige Durchführung gemeinsamer freiwilliger Revierbegänge sei dafür besonders geeignet. Generell wären mehr Kooperationen aller Beteiligten sinnvoll. „Aber auch wir Jäger müssen mehr Aufklärungsarbeit leisten, um zu zeigen, wie Jagd gut funktionieren kann und gleichzeitig die Belange der Landwirte und Waldbauern berücksichtigt werden. Nur so schaffen wir einen Dialog auf Augenhöhe“, ist sich Wölfle sicher.

Denn aus ihrer Sicht kann intensive Jagd nur stattfinden, wenn Jäger über Neuanpflanzungen informiert sind. Dort muss die Jagd aber auch möglich sein. Soll heißen, es braucht einen Kugelfang, Wanderwege sollten nicht in der Schussbahn liegen. Aber auch Schonzeiten sowie Muttertierschutz müssen eingehalten werden. Und der Respekt gegenüber dem Wildtier muss gewahrt werden. Das heißt, das Tier darf nicht leiden. Der Schuss muss sofort tödlich sein, so die Jägerin. Von Drückjagden auf Reh- und Rotwild hält Wölfle daher nichts. „Wir wollen gesundes, wertvolles Wildfleisch anbieten.“ Ist Wild vor dem Schuss ruhig und vertraut, kann es sicher angesprochen (klassifiziert) und der gesetzlich verpflichtenden „Lebendbeschau“ im erforderlichen Umfang Rechnung getragen werden. Wird das Tier „breit stehend“ mit einem Blattschuss erlegt und alsbald aufgebrochen (die Innereien entfernt), entspricht das nicht nur den Tierschutzidealen, sondern gewährleistet die Sicherstellung der Anforderungen an die Wildbrethygiene und beeinflusst die Wildfleischqualität positiv. „Nach Bewegungsjagden ist die Keimbelastung des Wildbrets in der Regel höher und die Fleischqualität gemindert“, zitiert Wölfle Dr. Claudia Gangl, Diplombiologin des Bayerischen Jagdverbands.

Aber was kann der Jäger noch tun?

Es können Wildäcker oder Streuobstwiesen zur Ablenkung angelegt werden. Beides lässt sich in Wölfles Jagdrevier finden. Denn eine Vielzahl attraktiver Äsungsflächen ermöglicht eine gleichmäßige Verteilung des Schalenwildes und beugt somit Verbissschäden vor. Ausreichende Wildackerflächen sorgen laut Wölfle zudem für einen harmonischen Ausgleich zwischen Wald und Tier. Mit der Anpflanzung von Streuobst auf Wildwiesen wird die Äsung für das Wild noch vielfältiger und attraktiver. Denn das Fallobst ist für alle Wildarten verlockend. Aber auch Winterfütterungen machen laut Wölfle Sinn. Denn die Tiere sinnvoll jagdlich zu nutzen, statt sie im Winter in Rückzugsgebieten ohne ausreichende Nahrung qualvoll verhungern zu lassen, ist auch aus ethischer Sicht die bessere Alternative, so Wölfle. Abschließend stellt die Jägerin klar: „Jagd ist kein Hobby!“ Der Jagdpächter bezahlt für einen Jagdpachtvertrag und bestätigt somit den Auftrag, die vorgegebene Anzahl an Wild in diesem Revier zu erlegen, die ihm von der Behörde vorgegeben wird.

„Wichtig ist, dass sich alle Beteiligten vor Ort intensiv und regelmäßig mit dem Thema ‚Jagd und Waldverjüngung‘ beschäftigen. Gemeinsame freiwillige Revierbegänge sind dazu besonders gut geeignet“, betont Janzen.

Kai Lorenz

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