Mehr Einsatz in der Notbetreuung

Warum den Erziehern in Kitas besonders viel abverlangt wird

Kita-Leiterin Nelli Gidt (re.) und Kinderpflegerin Stefanie Wiedenmann (hinten li.) betreuen in der Krippe die Kleinsten.
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Kita-Leiterin Nelli Gidt (re.) und Kinderpflegerin Stefanie Wiedenmann (hinten li.) betreuen in der Krippe die Kleinsten.

Kaufbeuren/Landkreis – Die Coronakrise setzt vielen enorm zu. Besonders die Kinder leiden unter den Einschränkungen, Verboten und den fehlenden sozialen Kontakten. Wenn sich Erziehungsberechtigte nicht mehr freinehmen können, greifen sie auf die Notbetreuung zurück. Schulen und Kindergärten sind zwar da, doch stehen auch sie täglich vor Herausforderungen.

Nelli Gidt ist Erzieherin im Kindergarten Guter Hirte in Neugablonz. Wöchentlich erhält sie neue Anfragen. Bis zu 50 Prozent der Kinder sind derzeit in der Notbetreuung. Ihre Arbeit in der aktuellen Zeit wird nicht weniger. Sie ist mit viel Mehraufwand verbunden. Speisepläne müssen geschrieben, Telefonate mit Behörden geführt werden. Dienstbesprechungen mit dem Team können derzeit nicht abgehalten werden. Hin und wieder muss Nelli Gidt auch einige Eltern enttäuschen, die ihr Kind nicht in die Notbetreuung bringen können. Jeder Tag bringt für die Leiterin des katholischen Kindergartens in der Trägerschaft des Bistums Augsburg neue Überraschungen. „Gerade jetzt brauchen die Kinder umso mehr die Aufmerksamkeit, da ihnen die Freunde und der Alltag einfach fehlen“, so Gidt. Denn im Kindergarten sei Turnen und Singen momentan nicht erlaubt. Der Garten darf auch nicht gemeinsam genutzt werden. „Wir haben schon extreme Hürden zu stemmen.“

Die Erzieherinnen müssen ständig eine Mund-Nasen-Bedeckung tragen. FFP2-Masken sind aber nicht vorgeschrieben. Dennoch ist eine Maske eine große Barriere für die Sprachentwicklung der Kinder. „Die Kleinen schauen natürlich bei uns Erzieherinnen auf den Mund. Mimik können wir mit unserer Maske nicht zeigen“, sagt Gidt. Lernentwicklungsgespräche mit den Eltern finden derzeit nur telefonisch statt. Vieles ist momentan anders. Auch die Vorbereitung der Vorschulkinder läuft anders ab. Kindern mit Migrationshintergrund fehlt es an der Sprachförderung. Bei der Eingewöhnung in den Kindergartenalltag spuckt die Coronakrise den Erzieherinnen auch in die Suppe. „Wenn die Kleinen lange nicht mehr bei uns waren, müssen wir neu anfangen, wenn die Notbetreuung vorüber ist“, schrillen bei Gidt schon längst die Alarmglocken.

Weniger Kinder in der Schule

Im Stadtgebiet Kaufbeuren gibt es momentan sechs Kindergärten in kirchlicher Trägerschaft. So wurden beispielsweise in der letzten Januar-Woche insgesamt 444 Kinder für die Notbetreuung angemeldet. Die Kindergärten Herz-Jesu und Guter Hirte kamen im Durchschnitt auf 33 beziehungsweise 29 Kinder pro Tag. Die wenigsten Kinder, nämlich sechs im Durchschnitt, verzeichnete der Kindergarten St. Cosmas. Im gleichen Zeitraum waren im Landkreis Ostallgäu je nach Tag zwischen 15 und 20 Prozent der Kinder in den Kindergärten, in der Krippe und im Hort in der Notbetreuung. Anders sieht es in den Städten aus. Bei 576 Gesamtplätzen in Füssen waren Ende Januar an zwei Tagen 142 Kinder in der Notbetreuung, in Buchloe (615 Plätze) dagegen im Schnitt 90 Kinder, in Marktoberdorf (1057 Plätze) 122 Kinder.

Ein ähnliches Bild gibt es beim Blick auf die Zahlen der städtischen Kindergärten in Kaufbeuren. Besonders die Einrichtungen im Blattneiweg (32,7 Prozent) und Grünwalderstraße (25,5 Prozent) hatten im Gegensatz zu den anderen Kindergärten eine höhere Auslastung im Januar. In den Kindertageseinrichtungen der Stadt Kaufbeuren gibt es 1986 Plätze in Krippen, Kindergärten und Horten, wobei die Eltern für etwa ein Fünftel der Kleinen eine Notbetreuung angemeldet haben. Laut Ulrike Villa-Fuchs vom Referat Kinder, Jugend und Familie der Stadt Kaufbeuren arbeiten die Erzieherinnen und Erzieher in Wechselschicht, also in der Kita und im Homeoffice. Urlaub und Überstundenabbau im Lockdown seien möglich. „Zur Betreuung der eigenen Kinder kann die erweiterte Regelung zur bezahlten Pflege in Anspruch genommen werden.“

Unterdessen wird laut Schulamtsdirektor Andreas Roth das Notbetreuungsangebot im Bereich der Grund- und Mittelschulen verantwortungsvoll in Anspruch genommen. Auch jetzt müssen Kontakte reduziert und Masken getragen werden. Nur Kinder der Klassenstufen eins bis sechs dürfen in die Notbetreuung. Dabei muss gewährleistet werden, dass Kinder auch dann, wenn sie in der Schule sind, am Distanz­unterricht teilnehmen können. Im Stadtgebiet Kaufbeuren sind etwa 190 Schüler an Grund- und Mittelschulen im Schnitt in der Notbetreuung. Dies entspricht etwa acht Prozent aller Schüler. Auffallend ist, dass mehr Grundschüler (circa zwölf Prozent) das Angebot nutzen, während nur 1,6 Prozent der Kinder aus Mittelschulen in der Notbetreuung sind.

418 Schüler besuchen im Schnitt die Notbetreuung im gesamten Landkreis. Das macht etwa 5,7 Prozent aller Schüler aus. Der Bedarf im Landkreis ist dagegen geringer als in der Stadt Kaufbeuren. 7,9 Prozent der Kinder sind in der Grundschule, nur 1,2 Prozent in der Mittelschule. „Seit Beginn der Schulschließung nach den Weihnachtsferien ist der Anteil der Schüler in der Notbetreuung leicht ansteigend. Dieser Trend wird sich mit länger dauernder Schulschließung vermutlich fortsetzen“, so Roth.

Umsichtige Eltern

Die Notbetreuung in der Grundschule Westendorf-Stöttwang hält sich derweil im Rahmen. „Ich habe drei Notbetreuungsgruppen, wobei nicht mehr als zehn Kinder in einer Gruppe sind“, darf Schulleiterin Sabine Böhlein keine weiteren Details bekanntgeben. Die Eltern verhalten sich diszipliniert und schicken nur im Notfall ihre Kinder in die Schule. Trotzdem stellt es die Schulfamilie vor Herausforderungen. „Die Kinder sind vorbildlich und tragen auch weiterhin ihre Mund-Nasen-Bedeckung“, so die Rektorin. Das Mittagsbetreuungspersonal übernehme sogar früher die Aufgaben. Eltern wenden sich weiterhin an die Schule. Böhlein sieht es nicht als Beschwerde, sondern als Hilferuf.

Dürftige Auskunft

Auch die Gymnasien und Realschulen in Kaufbeuren und im Landkreis Ostallgäu bieten für die Klassenstufen fünf und sechs eine Notfallbetreuung an. An den sechs Gymnasien sind es derzeit 22 Schüler. Aufgrund des strengen Datenschutzes kann und darf die Dienststelle des Ministerialbeauftragten für die Gymnasien in Schwaben keine weiteren Daten bekanntgegeben. Ähnlich dürftig und sehr mager sind die Informationen aus dem Bereich der Realschulen. Hier liegen dem Kreisbote folgende Zahlen vor: Insgesamt acht Schüler sind in beiden Kaufbeurer Realschulen in der Notbetreuung. In den Städten Buchloe, Füssen und Marktoberdorf sind es dagegen nur vier.

Stefan Günter

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