„Was machen Nazis hier?“

Investigativ-Journalist berichtet über den rechten Untergrund im Allgäu

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Die Grünen Nathan Lüders (Mitte), der Organisator der Veranstaltung, und Oliver Schill (li.) mit dem Referenten Sebastian Lipp vom Redaktionsteam „Allgäu rechtsaußen“.

Kaufbeuren – Skinhead-Kameradschaften, Neonazi-Bands und gewaltbereite Reichsbürger – ist das schöne Allgäu ein Hotspot der rechtsextremen Szene? Der Investigativ-Journalist Sebastian Lipp vom Redaktionsteam „Allgäu rechtsaußen“ beantwortete diese Fragen auf einer Veranstaltung der Kaufbeurer Grünen und stellte dort auch die neue Broschüre vor, die erstmals umfassend Auskunft über die Dimensionen des rechten Untergrundes in unserer Region gibt.

Oliver Schill, Stadtratsfraktionsvorsitzender der Grünen, begrüßte den Anti-Nazi-Aktivisten in der vergangene Woche in Kaufbeuren mit den Worten: „Die Fraktion von Leuten, die nur einfach meinen ‚wir müssten mal etwas tun gegen Neonazis und rechten Untergrund‘, ist groß. Sebastian Lipp gehört nicht dazu. Er ist einer von denen, die sich tatsächlich aktiv engagieren und oft unter gefährlichen Bedingungen untersuchen, was sich am rechten Rand der Gesellschaft tatsächlich tut.“

Und das ist offensichtlich eine ganze Menge. Lipp zeigte in seinem Vortrag auf der Grundlage umfangreicher, jahrelanger Recherchen seines Redaktionsteams die Entwicklung der Neonazi-Szene im Allgäu seit den 1990-er Jahren auf, die sich schließlich rund um die Gruppe „Voice of Anger“ (Stimme des Zorns – die Nationalisten lieben englische Bezeichnungen und sind international vernetzt) etablierte. In der Öffentlichkeit seien diese Entwicklungen allerdings bisher wenig bekannt, obwohl die rechte Szene im Allgäu, zwischen Bodensee und Ulm und von Füssen bis Buchloe, das größte Neonazi-Netzwerk in Bayern aufgebaut haben soll. „Die radikalen Rechten verfolgen Strategien, die vorsehen, aus dem Dunklen und völlig unerwartet in Aktion zu treten“, erklärt der Experte dazu. „Wichtige Vertreter der rechten Szene sind zuweilen unauffällige Bürger in guten Positionen, von denen manchmal sogar ihre Geschäftspartner nicht wissen, mit wem sie es da zu tun haben.“

Genau hinschauen

Wer jedoch genauer hinschaut, wie Schill es anregte, erkennt schnell die Lebenszeichen dieses Untergrundes: Sticker, manchmal in der Optik von Plakaten politischer Parteien, nicht zuletzt der Grünen, manchmal einfach Hakenkreuz-Schmierereien tauchen immer wieder im Straßenbild auf. Und es war sicher auch kein Zufall, dass die Grünen-Aktivistin Chrissi Myrtsidou-Jung kurz vor der Veranstaltung einem Rechten begegnete. „Als ich mit Werbematerialen in der Hand auf dem Weg hierher war, marschierte plötzlich ein Typ mit irgend so einem Runen-und-Odin-T-Shirt und Skinhead-Kluft im Stechschritt an mir vorbei und stieß irgendwelche vielleicht urgermanische, jedenfalls unverständliche Laute aus“, berichtet sie. Ein Zufall? Einem Neonazi, den Lipp sofort erkannte, wurde jedenfalls an diesem Abend der Zutritt zur Veranstaltung verwehrt. „Bedrohungen kennen wir selbst natürlich auch zur Genüge, von Beschädigungen unserer Autos bis zu gerichtlichen Klagen – die wir in der Regel aber abwehren können“, berichtet Lipp aus seiner Erfahrung.

Nicht wegschauen: Diese Sticker zeigen, dass die rechte Szene aktiv ist. Das Redaktionsnetzwerk „Allgäu rechtsaußen“ bittet, solche Funde zu melden.

Musik als Köder

Denn derartige Aktivitäten sind für Lipps Redaktionsteam nichts Neues, sie werden auf dessen Website www.allgaeu-rechtsaussen.de laufend dokumentiert, ebenso wie rechte Veranstaltungen und Konzerte. „Hier wirkt das rechte Netzwerk sehr effektiv und flexibel, solche Veranstaltungen werden bei Verboten schnell einmal in schon vorbereitete Reserve-Orte verlegt. Musik ist schon seit langen Jahren der Köder, mit dem junge Leute angelockt werden. Da fließt aber auch eine Menge Geld, teilweise durch legalen Vertrieb von Büchern, Musik, T-Shirts und anderen Devotionalien, die aber auch schon einmal mit Verboten belegt sein können. Außerdem gibt es großzügige Spenden“, erklärte dazu Lipp.

Neue Kräfte formieren sich

Was den Experten besonders besorgt ist jedoch, dass sich am rechten Rand der Gesellschaft neue Kräfte sammeln, die nicht nur aus rechtslastigen politischen Parteien wie der NPD stammen, sondern auch aus der „Reichsbürgerbewegung“, der Partei „Der III. Weg“, AfD oder Initiativen wie „Allgida“. Diese Allgäuer Variante der sächsischen Pegida – Patrioten gegen die Islamisierung des Abendlandes – hatte 2016 in Obergünzburg, ebenfalls ohne große Vorankündigung, eine unangemeldete Demonstration mit immerhin über 150 Teilnehmern organisiert.

Diese und viele andere Vorkommnisse sind auf der Website des Redaktionsteams dokumentiert, fast täglich erscheinen hier neue Meldungen. „Unsere Broschüre zeichnet diese Entwicklungen seit den 1990er Jahren nach und erläutert die Strukturen. Das ist wichtig, denn das rechte Netzwerk wird von Personen getragen, die diese Strukturen aufgebaut haben und seit langem in ihnen tätig sind. Aber das ist kein Phänomen etwa nur von alten Nazis oder jungen Skinheads. Die Rechte erneuert sich und ist in ihrer Altersstruktur gut durchmischt“, erklärte Lipp.

Die Broschüre ist kostenlos über bestellung@allgaeu-rechtsaussen.de erhältlich, wobei, wie Lipp anmerkte, „Spenden natürlich willkommen sind“. In jedem Falle, so meinte er, werden dort auch viele Fragen aus dem Kreis der etwa 60 Veranstaltungsteilnehmer ausführlicher beantwortet, als es an diesem Abend möglich war. „Und sie soll“, das unterstrich der Referent noch einmal, „helfen, die gefährlichen Entwicklungen in unserer Gesellschaft transparent zu machen und möglichst viele Mitbürger dazu zu bringen, die Tätigkeit der Experten aktiv zu unterstützen und den Mut zu freier Meinungsäußerung zu finden, sobald sie sich im Alltag mit neonazistischem Gedankengut konfrontiert sehen“. „Das“, so seine Beobachtung, „geschieht heute häufiger als früher. Im derzeitigen gesellschaftlichen Klima sinkt etwa die Toleranzschwelle gegenüber rassistischen Äußerungen – leider“.

von Ingo Busch

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