Ausstellung „Kunst und Stigma – Grenzgänger zwischen Zwang und Freiheit“

Große Variationsbreite

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Ein Bild von Franz Karl Bühler (1864-1940), ehemals Kunstschmied in Offenburg, Ohne Titel, 1909, Kreide.

Kaufbeuren-Neugablonz – Drangvolle Enge herrschte im kunsthaus-Foyer, als Günther Pietsch vom Kulturamt der Stadt, kunsthaus-Kurator Jan T. Wilms, und Thomas Röske, Leiter der Sammlung Prinzhorn, die Ausstellung „Kunst und Stigma – Grenzgänger zwischen Zwang und Freiheit“ gemeinsam eröffneten.

„Es gibt ebenso wenig eine Kunst der Geisteskranken wie eine Kunst der Knie- oder Magenkranken“, zitierte Thomas Röske den französischen Maler Jean Dubuffet (1901 - 1985), der Mitte der 1940er Jahre den Begriff „Art Brut“ (unverbildete, rohe Kunst) geprägt hatte für Werke von Außenseitern – psychiatrieerfahrenen Menschen, Menschen mit intellektueller Behinderung, Gefängnisinsassen, gesellschaftlich unangepassten Randgruppen. Fast 90 solcher Werke präsentiert das kunsthaus kaufbeuren jetzt in seiner neuen Ausstellung. Charakteristisch für die meisten Werke sei, so kunsthaus-Leiter Wilms, „die Losgelöstheit ihrer Schöpfer von jeder Art des Akademismus“.

Der Schwerpunkt der Ausstellung liegt auf der künstlerischen Produktion der letzten 30 Jahre im Bezirkskrankenhaus Kaufbeuren (BKH), dessen Kunsttherapie-Programm heuer sein 30-jähriges Jubiläum feiert. Nur wenige Kreative aus diesem Zeitraum, wie Dietrich Orth und Wolfgang Hueber, erlangten im Kunstbetrieb weltweite Aufmerksamkeit. Die Werke von Simone Stingele (1963-2009) und Laurie Berner (1963-1998) dagegen dürfe man laut Wilms als wahre Neuentdeckungen ansehen, denn sie waren bisher einer größeren Öffentlichkeit noch nicht zugänglich.

Insgesamt rund 30 Gemälde, Collagen und Zeichnungen von Laurie Berner finden sich in der Ausstellung, das Giebelgeschoss ist ihr komplett gewidmet. Vierzig Leihgaben stellte außerdem die Heidelberger Sammlung Prinzhorn zur Verfügung, die weltweit größte Sammlung „pathologischer Kunst“, die von dem Kunsthistoriker und Arzt Hans Prinzhorn (1886-1933) begonnen wurde. Heute umfasst die Sammlung mehr als 22.000 Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen, Skulpturen, textile Arbeiten und Texte ab 1840 aus psychiatrischen Anstalten des gesamten deutschsprachigen Raumes. Einzelne Anstaltsinsassen waren bereits vor ihrer Unterbringung in psychiatrischen Einrichtungen künstlerisch aktiv, wie Paul Goesch (1885-1940) oder die ehemalige Zeichenlehrerin Gertrud Fleck (1870-1940).

Viele andere haben erst in der Therapie begonnen, was sie quälte und nicht in Worte zu fassen war, mit hohem gestalterischen Potential malend auszudrücken, wobei jedoch auch – teilweise ungelenke – Schrift nicht selten als Bildelement eingesetzt wird. Während wir heute in einer „ars phantastica“ und ihren Vorläufern, dem Surrealismus und dem magischen Realismus, Phantasiewelten akzeptieren, wurden solche Werke im Nationalsozialismus für „entartet“ erklärt und ihre Schöpfer als „minderwertig“ klassifiziert. In den Anstalten war eine künstlerische Betätigung kein Ausschlusskriterium für Euthanasie. Fünf von den acht ausgestellten Prinzhorn-KünstlerInnen waren davon betroffen. Den Bildern zugeordnete Kurzbiografien geben Einblick in Leben und Leiden der Künstler.

Dass im Stadtmuseum gleichzeitig die themenverwandte Ausstellung „In Memoriam – Euthanasie im Nationalsozialismus“ läuft, ist kein Zufall. Vielmehr dokumentiert ein zweigeteiltes Plakat, das auf beide Ausstellungen hinweist, den Auftakt einer künftig engeren Zusammenarbeit zwischen kunsthaus und Stadtmuseum. Auch die Flyer der beiden Veranstalter verweisen mit einer Seite auf die jeweils andere Ausstellung, außerdem erhalten Besucher des Kunsthauses gegen Vorlage der Eintrittskarte ermäßigten Eintritt im Stadtmuseum und umgekehrt.

Die Ausstellung im kunsthaus kaufbeuren, Spitaltor 2, Tel. 08341/8644, „Kunst und Stigma – Grenzgänger zwischen Zwang und Freiheit“ ist noch bis zum 21. Februar 2016 zu sehen.

von Ingrid Zasche

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